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28. April 2014

Augen zu und durch (aka «Schlafstörung»)

Wenn Mami wegläuft, täupelet das Kind
Wenn Mami wegläuft, täupelet das Kind (Bild: Fotolia).

Anfangs schlief Ida beim Stillen immer ein. Das war in Ordnung (und entgegen der Meinung mancher Leute auch kein Erziehungsfehler). Später dann, als die Mutterbrust nicht mehr ganz so spannend war, fielen ihr immer beim Kuscheln die Augen zu (und mir irgendwie auch). Sehr schön. Doch dann kam der Moment, in dem Ida nur einschlummern konnte, wenn ich neben dem Gitterbettchen sass (im Schneidersitz), ihr mit der linken Hand über das Köpfchen streichelte (aber nicht über die Stirn, sondern nur hinten), während sie meine Rechte umklammerte und mich in den Handballen zwickte. Wenn dann auch noch die Spieluhr lief, fielen meiner damals Anderthalbjährigen die Äuglein zu. Möglicherweise. Nach ungefähr 40 Minuten …

Kurzum: Irgendwann landete ich entnervt vor dem Ratgeberregal in der Buchhandlung. Es gab tonnenweise Literatur zum Thema «Schlafstörungen bei Windelträgern». Auf einem Buch klebte ein Bestseller-Schildchen. Na gut, dachte ich mir. Versuchen wir es doch mal mit dem Werk «Jede Ida kann schlafen lernen». Nachdem mein Mann und ich uns mit der Lektüre befasst hatten, machten wir alles so wie dort empfohlen. Wir legten das müde Mädchen abends in sein Bettchen, Gute-Nacht-Küsschen, eine Runde Spieluhr, Tür zu, raus. Denn: Plärrende Schlafverweigerer mussten laut Buch erst lernen, sich selbst zu beruhigen. Unser Kind konnte übrigens damals noch nicht lesen. So erklären wir uns zumindest, dass es sich beratungsresistent gab und wie am Spiess schrie, als wir das Zimmer verliessen.

Da standen wir also. Die Wanduhr im Flur machte tick, tick, tick, tick, tick. Wir hörten das aber nicht, da sich das Ida-Kind hinter der Tür die Seele aus dem Leib plärrte. Drei Minuten können verdammt lange sein. (Und so lange dauert laut Einschätzung der Autorin die erste Lektion in Sachen Schlafen Lernen.) Da standen wir also und bemühten uns, unsere Instinkte auszublenden. «Wir versuchen, jetzt stark zu bleiben», sagte er. Warum klang das eher wie eine Frage? Ich zuckte mit den Achseln. Konnte das die Idee des Schlaflernprogramms sein? Dass ein Baby vor Angst durchdreht und seine Eltern vor Kummer vergehen? Mein Mann wurde immer zappeliger. Ich krallte mich noch etwas mehr an seinem Unterarm fest. Meine Brüste fingen an zu tropfen, mein Herz weinte mit. Wir starrten wie gebannt auf das Zifferblatt. Zehn, neun, acht, sieben, sechs – wen interessiert schon ein Countdown? Wir starteten bei «fünf» durch. Wie Raketen auf dem Weg in den Orbit. Das war ein lustiges Bild. Zwei Erwachsene stürmen mit ausgestreckten Armen auf ein Gitterbettchen zu und retten das Kleine, um es nie wieder loszulassen. Armes Schätzeli! Komm zu uns, ja, ganz nahe, kuschele dich an uns, Mami und Papi sind bei dir! Wir lassen dich nie wieder los.

Nach diesem Experiment waren wir drei uns einig: Das «Jedes-Kind-kann-schlafen-lernen»-Programm war nix für uns. Nein, ich präzisiere: Das «Jedes-Kind-kann-schlafen-lernen»-Programm ist nix für die Menschheit. Bestseller hin oder her. Was für eine grausame Idee, ein Kind so lange schreien zu lassen, bis es (vor Erschöpfung, Hilflosigkeit, Resignation, Verzweiflung) einschläft. Und das nur, damit die Eltern später im Freundeskreis erzählen können, dass ihr Baby sich abends seine vier Zähnchen selbst putzt, dann seine Windeln wechselt, in den Strampler steigt, um dann ohne fremde Hilfe und Tamtam einzuschlafen? Nein. Das fand und finde ich nicht erstrebenswert. Abgesehen davon: Es ist sowieso immer das Kind der Nachbarin, das besser schläft als das eigene.

P.S. Idas Schlafproblemchen löste sich nach wenigen Wochen von selbst. Erst durfte ich die Hand von ihrem Kopf nehmen, dann hörte sie auf, mich zu zwicken. Nur die Spieluhrmusik, die hört sie heute noch vorm Einschlummern.

Lesetipp:

Man kann sich dem Thema «Schlafen Lernen» auch auf eine liebevolle, kindgerechte Weise annähern. Das beweist der Titel «Besucherritze. Ein ungewöhnliches Schlaf-Lern-Buch» . von Eva Solmaz. Beltz-Verlag 2013.

Autor: Bettina Leinenbach