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10. April 2012

Schlaflos? Später ins Bett!

Jeder fünfte Erwachsene in der Schweiz leidet unter chronischen Schlafstörungen. Ausgelöst werden diese von Stress, begünstigt aber von zu langen Schlafzeiten. In Therapien lernen Betroffene, zur Ruhe zu kommen.

Gabriela Künzli litt an Schlafstörungen.
Neben dem Stress begünstigte frühes Zubettgehen die Schlafstörungen von Gabriela Künzli.

Die Online-Tipps: Was hilft bei leichten Ein- und Durchschlafstörungen?

Gabriela Künzli starrt auf die Digitalanzeige ihres Weckers: 01:00, 01:01, 01:02. Die 50-Jährige ist hellwach. In ihrem Kopf fahren die Gedanken Karussell: «Was muss ich morgen alles erledigen? Wie geht es mit unserem Jüngsten und seiner Lehrstelle weiter?» Irgendwann schläft sie ein, für ein, zwei Stunden, ehe um 5:45 Uhr der Wecker klingelt. Tagsüber ist sie todmüde, unkonzentriert, fühlt sich ausgelaugt, niedergeschlagen. Vier Monate lang litt Gabriela Künzli aus Root LU unter einer schweren Durchschlafstörung.

«Etwa jeder zweite Schweizer klagt über gelegentliche Ein- und Durchschlafprobleme, jeder fünfte Erwachsene leidet sogar an ausgeprägten und chronischen Schlafstörungen», betont Eva Birrer, leitende Psychologin und operative Leiterin der Klinik für Schlafmedizin (KSM) Luzern. Tendenz steigend. Schlafmittel gehören mittlerweile zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. In anderen Industrieländern sieht es nicht anders aus: Die Anforderungen in der Berufswelt steigen stetig, hinzu kommen wirtschaftliche Unsicherheiten, die mehr und mehr den erholsamen Schlaf rauben. Die Folgen des Schlafentzugs sind gravierend: Abnahme der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, Nervosität, Gereiztheit bis hin zur Depression.

Eva Birrer, Leiterin der Klinik für Schlafmedizin (KSM) Luzern.
Eva Birrer, Leiterin der Klinik für Schlafmedizin (KSM) Luzern. (Bild zVg)

Leiden Betroffene unter diesen Folgen, so sprechen Schlafmediziner von einer Ein- und Durchschlafstörung. Ist es einmal so weit, helfen altbekannte Hausmittel wie heisse Milch mit Honig, Beruhigungstees oder ein Glas Rotwein am Abend wenig. Psychologin Eva Birrer rät deshalb Betroffenen, so schnell wie möglich Hilfe zu suchen — am besten bevor eine Schlafstörung chronisch wird.

Gabriela Künzli wurde von ihrem Hausarzt in die Klinik für Schlafmedizin Luzern überwiesen. «Wenn Patienten zu uns kommen, analysieren wir in Gesprächen und anhand standardisierter Fragebögen zunächst, ob ihre Schlafstörung organische oder nicht organische Ursachen hat», erklärt Birrer die Vorgehensweise der Luzerner Schlafexperten. Liegen organische Probleme wie eine Schilddrüsenfunktionsstörung, nächtliche Atemaussetzer oder unruhige Beine vor, müssen diese zuerst weiter abgeklärt und behandelt werden.

Zwei Wochen lang musste Gabriela Künzli ein Schlaftagebuch führen.
Zwei Wochen lang musste Gabriela Künzli ein Schlaftagebuch führen und am Handgelenk ein Aktometer tragen. Dieses zeichnete Tag und Nacht jede Bewegung auf. Danach wurde der Schlaf-Wach-Rhythmus ausgewertet.

Oftmals leiden die Patienten jedoch unter einer sogenannten psychophysiologischen Insomnie, einer durch Stress und Konflikte im Berufs- sowie Privatleben oder durch Schicksalsschläge ausgelösten Ein- und Durchschlafstörung. Die Betroffenen befinden sich in einer Art Teufelskreis. Sie können stressbedingt nicht schlafen, setzen sich deshalb unter Druck. Hinzu kommen Gedanken wie «Warum liege ich ständig wach?», «Und was passiert, wenn ich nächste Nacht wieder nicht schlafen kann?».

Darauf reagieren Betroffene meist mit Verhaltensweisen, die dem Schlaf weiter abträglich sind — wie viel zu langen Bettzeiten. «Sie erhoffen sich so, mehr Ruhe zu bekommen, um doch wieder wach zu liegen», beschreibt Eva Birrer das Dilemma. Folge: Der Schlaf-Wach-Rhythmus gerät mehr und mehr durcheinander. Um diesen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, unterziehen sich die Patienten in der KSM Luzern einer ambulanten, kognitiven Verhaltenstherapie – ohne Medikamente. 14 Tage lang wird in einem Schlaftagebuch alles rund um den Schlaf notiert: «Wie fühle ich mich abends, welche Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich wach liege, wie fit fühle ich mich morgens?» Gleichzeitig zeichnet ein Aktometer — ein Bewegungsmesser, der wie eine Uhr ums Handgelenk getragen wird — Tag und Nacht jede Bewegung des Patienten auf.

Nach zwei Wochen wird der Schlaf-Wach-Rhythmus in der Klinik ausgewertet. «Dabei kam heraus, dass ich immer viel zu früh ins Bett gegangen bin», berichtet Gabriela Künzli, «oft schon um 21 Uhr, weil ich todmüde war.»

«Schlafdruck aufbauen», lautet das Rezept des Psychologen

In der Klinik bekam sie «spätes Zubettgehen» verordnet. Zunächst musste sie bis Mitternacht aufbleiben, dann durfte sie eine Viertelstunde früher schlafen gehen, nach einigen Wochen eine halbe Stunde. Einen Schlafdruck aufbauen, nennen das die Psychologen. «Und es hat geholfen!», sagt Gabriela Künzli. An die erste Nacht, in der sie bis halb vier durchschlief, erinnert sie sich noch heute. Ausserdem lernte sie Entspannungsübungen und viel über sogenannte Schlafmythen. Etwa, dass der Schlaf vor Mitternacht immer der erholsamste ist, was aber nicht für alle gilt. Und: Nicht jeder braucht gleich viel Schlaf, um erholt aufzuwachen. «Ich habe erkannt, dass für mich sechs bis sieben Stunden ausreichend sind», so Gabriela Künzli.

«Mehr als 80 Prozent unserer Patienten kommen nach dieser Behandlung klar», freut sich Schlafexpertin Eva Birrer. Ob bestimmte Menschen eine Veranlagung für Schlafstörungen haben, ist unklar. Es sei aber auffällig, so die Psychologin, dass viele Insomniker viel von sich verlangen. Und sie schenken dem Schlaf mehr Beachtung als andere.

Gabriela Künzli schläft heute wieder besser. Sie nehme das Schlafen auch nicht mehr so wichtig, sagt sie. «Wenn ich mal eine schlechte Nacht hatte, ist das kein Drama.» Auch diese Einstellung sollen die Patienten in der Schlafklinik lernen. Und was wäre, wenn sie wieder Schlafprobleme bekäme? «Dann gehe ich halt wieder später ins Bett.»

Autor: Evelin Hartmann

Fotograf: Tina Steinauer