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27. Oktober 2014

Schlaflos

Der Wunschtraum einer Mutter
Der Wunschtraum einer Mutter: «Bitte nicht stören!» (Bild iStockPhoto)

Dieses Dornröschen, das führt uns alle an der Nase herum. Macht einen auf Komapatientin, gefangen im eigenen Bett und so weiter und so fort. Ich kaufe ihm das nicht ab. Wo soll denn, bitte schön, das Problem liegen? Die Prinzessin hat keine Kinder, keinen Haushalt, keinen Job. Klar, dass sie so lange schläft, wie sie will. Das ist nicht bedauerns-, sondern beneidenswert. Seit ich Mutter bin, nervt mich dieses Dornröschen jedenfalls ganz gewaltig. Das vermeintlich arme Opfer («Ich bin eine Prinzessin – holt mich hier raus!») ist in Wirklichkeit ein Wellnessfreak. Solche Probleme möchte ich haben …

The truth is: Ich hätte auch gern eine Dornröschen-«Schlafstörung». Augen zumachen und alle Sinne auf Stand-by schalten, schlafen, aus freien Stücken (und erst) nach (Minimum!) 10,3 Stunden erwachen, ausgeruht und voller Tatendrang den Tag beginnen, mit einem Lächeln auf den Lippen und ohne Ringe unter den Augen. Das wäre echt super. Aber leider kommt bei mir seit sechs Jahren immer etwas dazwischen. Das muss man sich mal vorstellen: sechs verdammte Jahre! Anfangs lag es an meinem dicken Bauch, der gegen Ende der ersten Schwangerschaft auf die Blase drückte. Dann lag es an einem Baby, das die Nacht mit dem Tag verwechselte. Dann waren es die durchstossenden Milchzähne, wahlweise auch irgendein Fieber.
Später kamen die Monster ins Spiel. Sie wissen schon, diese riesigen, haarigen Ungeheuer unter dem Bett, die hinter dem Vorhang oder in der Playmobil-Kiste hausen. Wenn die Monster selbst vor Erschöpfung durchschlafen, dann taucht in meiner Familie garantiert ein anderes Problem auf. Sobald Mami in eine Tiefschlafphase eintaucht, werden die Kinder von einem Hüngerchen geplagt («Mami, mein Bauch fühlt sich total leer an!»). Oder sie leiden um vier Uhr nachts unter Sehnsuchtsattacken («Mami, ich will jetzt mit dir kuscheln!») Nicht selten entstehen bei uns nachts auch total bedrohliche Szenarien («Buhu, ich kann nicht weiterschlafen, weil mein Zehennagel eingerissen ist.») Erwähnte ich meinen Ehemann, der nach anstrengenden Bürotagen immer besonders engagiert schnarcht?

Kein Wunder, dass die Lachfältchen um meine Augen mittlerweile wie Ackerfurchen aussehen. Schlafmangel macht übrigens nicht nur müde, sondern auch aggressiv. Ist so. Wenn ich mal wieder nachts durch die Wohnung tigere, um Betten neu zu beziehen («Maaaami, Bisi-Unfall!») oder Sigg-Flaschen mit Wasser zu befüllen («Ich verdurste!»), dann träume ich von Bushaltestellen, an denen ich die Kinder aussetzen könnte.

Herr Leinenbach behauptet übrigens, er würde statistisch gesehen nachts viel öfter aufstehen als ich. Kann schon sein, aber es zählt bekanntlich die Qualität, nicht die Quantität. Wenn bei uns einer dauermüde ist, dann bin ich es. Basta. Neulich rief ich meine Eltern um 8 Uhr 43 an. «Spinnst du? Es ist noch mitten in der Nacht!», schnauzte mich mein Vater an. Ich gab mich trotzig: «Du weisst doch, wie der Spruch mit dem frühen Vogel geht?» Mein Papi wollte aber keine Lektion in Ornithologie. Er wollte nur eines: schlafen. Deswegen beendete er unser Gespräch überhastet, um wieder zurück ins Bett zu kriechen. Hätte ich auch gern gemacht. Super! Danke, Papi! Nun war ich nicht nur auf Dornröschen, sondern auch auf meinen Erzeuger neidisch. Wie schon gesagt, der Schlafmangel, der Schlafmangel, der Schlafmangel.

Autor: Bettina Leinenbach