Archiv
16. November 2015

Schlafes Bruder

Schläft das Baby tief
Schläft es tief und fest? (Bild: Fotolia)

Schlafende Babys sind etwas Wunderbares. Wer wissen will, ob sein Kleines nur schlummert oder tief schläft, der sollte ein Ärmchen anheben – und es dann loslassen. Kinder, deren Bewusstsein nur wenige Millimeter abgetaucht ist, fangen ihr Ärmchen ab. Plumpst es aber widerstandslos nach unten, hat die Tiefschlafphase begonnen. Für Eltern heisst das: Zehenspitzenballett-Pause. Nun darf ungeniert geräumt und gestaubsaugt, gelacht und diskutiert werden.

Tief schlafende Babys sehen so verletzlich aus. Ihr Körper erschlafft, der Kopf zur Seite gefallen, die Arme rechts und links daneben. Der kleine Brustkorb hebt und senkt sich kaum, die Zeit scheint stillzustehen. Es heisst, der Schlaf sei ein Bruder des Todes. Warum halten Eltern die Luft an, nur um die Atemzüge ihres Kindes besser hören zu können? Warum küssen sie ihr schlafendes Liebstes leise und sanft auf die Stirn? Die Angst, das Köpfchen könnte für einmal nicht warm, sondern eiskalt sein, die kennt jede Mutter.

Vielleicht, weil wir intuitiv wissen, dass schlafende Babys in sehr seltenen Fällen zu weit abtauchen können. Sie schlummern mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein – und entschlafen für immer. Morgens, wenn die Eltern ihr Kind aufwecken wollen, liegt es steif in seinem Bettchen. Den plötzlichen Kindstod gibt es seit Menschengedenken. Er kann eine Familie über Nacht zerstören. Wir alle kennen die Gefahr. Deswegen lassen wir grundsätzlich niemanden in der Umgebung unserer Kleinen rauchen. Deswegen legen wir sie immer auf den Rücken und packen sie nachts in Schlafsäcke oder Zewi-Decken, verbannen Kissen und Kuscheltiere aus ihren Stubenwagen und rollen diese ins kühle Elternschlafzimmer. Es ist nicht so, als wüssten wir es nicht.

Wenn es dennoch geschieht, wenn all die Vorsichtsmassnahmen versagen und ein Säugling von Schlafes Bruder mitgerissen wird, leiden wir auch als Aussenstehende mit. Vielleicht, weil wir ahnen, dass es auch uns hätte treffen können. All die Liebe der Welt konnte das Unglück nicht verhindern. Das ist vermutlich die schlimmste Erkenntnis.

www.sids.ch

Autor: Bettina Leinenbach