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15. Juli 2013

Schlaf weiter!

Mamma Mia Schlaf weiter
Idas Kuh-Wecker.

Ich liege in den Armen eines muskulösen Freibeuters. Gerade beugt er sich zu mir herunter und will mich leidenschaftlich küssen, da höre ich eine Kinderstimme …

«Mami!»

… ich ignoriere den Störfunk. Der romantische Traum darf nicht enden, ich schmachte doch gerade so schön …

«Mami, ich bin wa-ach!»

… nix da. Komm, beuge dich zu mir hinab, verschlinge mich, du edler Held!

«Maaaaa-miiiii, mein Bauch hat Huuuuunger!»

Verdammt, es ist schon wieder passiert. Mein wunderbarer Traum ist wie ein Film gerissen. Warum? Weil Ida wach ist. Hellwach. Nun trampelt sie auch noch mit ihren Füssen gegen die Zimmerwand. Jetzt ist es nur noch eine Frage von Sekunden, bis Eva frustriert brüllt. Die würde nämlich – genauso wie ich – gerne weiterschlafen.

Finden Sie mein Gejammer übertrieben? Sie haben ja keine Ahnung. Meine vierjährige Tochter beendet ihre Nachtruhe nicht etwa um sechs oder sieben Uhr. Nein. Bei uns beginnen die Tage regelmässig um fünf Uhr in der Früh. Ich bin manchmal auch vor den Hühnern wach. Dann drehe ich mich um und döse noch ein bisschen vor mich hin. Ida ist anders: Sie öffnet ihre Äuglein uuuund: Showtime! Runter vom Stockbett klettern, Cornflakes mit Milch essen, Bilder malen, Perlen stecken, Playmobil spielen, Grosi anrufen.

Ich glaube, dass sie das von ihrem Papi hat. Der ist morgens auch immer so fürchterlich gut gelaunt. Während ich jeweils noch mit dem Kopf auf dem Frühstückstisch liege und apathisch das Nutella-Glas anstarre, will er mir dauernd Passagen aus der NZZ vorlesen (weil es so interessant ist). Wenigstens steht er meistens mit unserem Hühnermädchen auf. Wenn er aber geschäftlich unterwegs ist, muss ich ran. Ein Albtraum.

Vor wenigen Wochen war ich so durchnächtigt, dass ich einen Hilferuf auf meiner privaten Facebook-Seite schaltete: «Ida wacht immer viel zu früh auf. Habt ihr Tipps, wie wir ihre innere Uhr verstellen können?» Die meisten meiner Bekannten konnten sich nicht vorstellen, dass eine Vierjährige freiwillig um 5.00 Uhr aufsteht. Es gab aber Leute, die das Problem kannten. Wir probierten daraufhin alles Mögliche aus. Wir brachten das Kind statt um 20 Uhr schon um 19 Uhr ins Bett. (Es gibt Leute, die behaupten, frühes Erwachen deute auf Schlafmangel hin). Klappte nicht. Dann schoben wir die Einschlafzeit auf neun Uhr. Klappte auch nicht. Ida stand weiterhin um fünf auf, schlief dann aber vormittags vor Erschöpfung ein. Am Schluss versuchten wir es mit einem Trick. Wir kauften einen vollkommen überteuerten Kuh-Wecker. Sie müssen sich ihn wie eine Lampe vorstellen. Leuchtet das obere Licht, ist die Kuh wach, leuchtet das untere Licht, schläft sie. Das Gerät lässt sich so programmieren, dass die Erwachsenen bestimmen, wann das Rindvieh «aufsteht». Im Idealfall wird das Kind so motiviert, länger liegen zu bleiben. In der ersten Woche mit Kuh klappte das ganz gut. Ich hatte sechs Uhr einprogrammiert. Dann verstellte ich den Timer (der Empfehlung des Herstellers folgend) um eine weitere Viertelstunde. Nun sollte die Kuh erst um 6.15 Uhr «wach» werden. Das, so fanden wir alle, sei eine vernünftige Zeit. Am nächsten Morgen stand Ida um kurz nach sechs vor unserem Bett. Sie war ganz aufgeregt.

«Mami, Papi, ich glaube, die Kuh hat Fieber.»

«Warum?», nuschelte mein Mann verschlafen, während ich mich tot stellte.

«Weil sie noch schläft. Dabei bin ich doch schon wach.»

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach