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12. Januar 2015

Scherben bringen Glück

Einverstanden, Ferien sind immer zu kurz. Aber diejenigen über Neujahr sind nicht einfach nur zu kurz. Die sind brutal viel zu kurz. Und gibt es anstrengendere Ferien als winters ein paar Tage in die Berge zu fahren? Nur schon die Vorbereitung! Was da alles eingepackt werden will, Thermounterwäsche und Snowboardsocken, Brettspiele für Abende in der warmen Stube, dann Handschuhe und Rückenpanzer, Badezeug für die Schlechtwettervariante «Hallenbad», Küchen- und Frottiertücher, Bücher und eine Staffel «Breaking Bad»-DVDs, die wir längst schauen wollten …

Ist man erst mal droben angelangt, muss ja auch noch eingekauft werden. Im Laden kommt meine Frau mit einem Bündel Bananen daher, ich drücke auf der Früchte- und Gemüsewaage auf Taste 1, schwungvoll und selbstbewusst. Denn Bananen sind überall auf der Welt die 1. Sie! Ich habe in Berlin Bananen gekauft, in Bangor im US-Staat Maine, in Rom und Liverpool, in Los Angeles und im französischen Grasse. Die Banane ist allenthalben Nummer 1, das weiss ich. Ich wüsste freilich keine andere Nummer auswendig, nicht Sellerie und nicht Clementinen, ich muss sie mir stets neu merken, und mit zunehmendem Alter – geben Sie zu, dass es Ihnen auch schon passiert ist! – habe ich sie vergessen, wenn ich den Weg vom Gestell zur Waage zurückgelegt habe, oder ich verwechsle die Nummern, weil ich in der linken Hand eine Pink Grapefruit und in der rechten einen Bund Krautstiele habe …
Aber die 1, nein, die ist unverfehlbar. Ich drücke also auf die 1, schnappe mir das ausgedruckte Klebeetikett und hefte es an die Bananen.

Dann erst höre ich meine Frau sagen: «Falsch. Nummer 7.» Und tatsächlich: Die 1 gilt im Volg-Laden in Laax, jedenfalls an diesem Tag, dem Boskoop-Apfel – Bananen haben hier die 7. Also noch mal ausdrucken und neu draufkleben. Ob die Kassenfrau den Fehler – hätte meine Liebste mich nicht darauf aufmerksam gemacht – freilich bemerkt hätte? Kaum. Es wäre auch ein freundlicher Betrug gewesen, denn der Kilopreis für Boskoop ist höher als derjenige der Bananen.

Die kaputte YB-Christbaumkugel
Die kaputte YB-Christbaumkugel.

Nummer 7! Werd ich mir merken. Und hat man die Bündner nicht just deshalb so gern, weil sie anders ticken als der Rest der Welt? Jedenfalls war der Aufenthalt zu kurz, viel zu kurz. Kaum wieder daheim, geht der Krampf weiter: Mietwagen reinigen und zurückbringen, Schneesportkleider waschen … Und in der Stube steht ja noch der Tannenbaum. (Ich erspare Ihnen die Details über dessen Entsorgung, aber dass ich nun wieder für Monate Tannnadeln aus Ritzen und Ecken klauben werde, versteht sich von selbst.)
Am Sonntag kurz nach 23 Uhr, der letzte Ferientag ist schon fast vorüber, ist endlich alles, alles erledigt. Weihnachtskugeln abgehängt, Mistelzweig kompostiert, Skibrillen und Snowboardhelme wieder versorgt. Ich will noch die letzte Kiste, mit «Advent» beschriftet, ins Kellerregal schieben, da geschieht es: Ausgerechnet der Karton mit dem Baumschmuck, den wir so sorgsam gepackt haben, rutscht mir weg und stürzt zu Boden. Es klirrt. Himmel, nein! All unsere kostbaren Aufhängsel! Die Elvis­Gitarre, das VW-Cabrio samt Samichlaus, der John-Deere-Traktor … Bestimmt alles in Scherben!

Nur eine Kugel ging zu Bruch.

Sekunden später das Aufatmen. Nur eine einzige Weihnachtskugel ging zu Bruch, die goldgelbe YB-Kugel, die Martin mir letztes Jahr geschenkt hat. Ob das ein gutes Omen ist?

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli