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13. Juni 2016

Schaurig schöne Scheuchen

In Münsingen BE kommts am Wochenende zum ersten internationalen Festival der Vogelscheuchen. Drei Familien tüfteln seit Wochen an ihren Strohpuppen. Und: Wo steht Ihre Lieblingsvogelscheuche? Verraten Sie uns ihren Standort oder schicken Sie ein Foto wie Valentin aus dem Kanton Zürich (oben).

Die Vogelscheuche von Valentin R.
Valentin R.: «Die Lieblingsvogelscheuche in unserem Garten hat die Tochter mit ihrem Grosspapi hergestellt. Natürlich verscheucht sie keine Vögel vom kleinen Gemüsegarten, dafür hat sie ein viel zu nettes Gesicht. Dafür erschreckte sie zuerst uns, wenn wir das Fenster öffneten ...»

Die Gafners aus Oberdiessbach BE haben Familienzuwachs bekommen. La Diva wohnt seit ein paar Tagen im kleinen Büro neben dem Elternschlafzimmer. Die Frau hat lange blonde Haare, spitze Wangenknochen und sieht mit ihren vollen Lippen ein bisschen aus wie Modedesignerin Donatella Versace. Steht Vater Gafner nachts auf, um auf der Toilette einen Schluck Wasser zu trinken, erschreckt er sich immer fast zu Tode. «Zeit, dass diese Bäbe wieder auszieht», sagt er dann beim Frühstück am nächsten Morgen. Und seine Frau und die Tochter lachen bloss: «Nur noch das rote Kleid, dann ist sie fertig.»

Scheuche La Diva inmitten ihrer Schöpferinnen
Scheuche La Diva inmitten ihrer Schöpferinnen: Mutter Franziska Gafner, Grossmutter Alice und Tochter Anouk mit Büsi Jimu.

La Diva zwischen ihren Schöpferinnen Franziska Gafner (l.), Grossmutter Alice und Tochter Anouk.

Am Wochenende ist der Spuk im Hause Gafner vorbei. Dann zügelt La Diva zu ihren Artgenossen aufs Schlossgut in Münsingen, wo das erste internationale Vogelscheuchenfestival stattfindet. Eine Jury prämiert die schönste unter ihnen, dann gelangen die Kunstwerke in eine Versteigerung, deren Erlös den SOS-Kinderdörfern zugutekommt. Chris von Rohr («Meh Stroh!») macht mit, Wetterfee Sandra Boner auch, und wer es gegen die Promi-Scheuchen aufnehmen will, hat noch bis zum 18. Juni Zeit zu basteln.

La Diva ist ein Generationenprojekt: Grossmutter Alice (64) hat das Holzgestell gezimmert, Mutter Franziska (41) formte den Brustkorb und Tochter Anouk (14) verpasste der Lady in Red das glamouröse Make-up. Rund 20 Stunden hat das Trio bisher in die 1,80 Meter grosse Puppe investiert. Zusammen rumfuhrwerken, diskutieren und ganz viel lachen, darum gehe es bei dieser Sache, sagt Mutter Franziska in breitem Berndeutsch: Wie lang soll der Schlitz im luftigen Kleid der Schönen sein, wie tief ihr Ausschnitt? Braucht sie eine Hochsteckfrisur, oder passen die «verhürschten» Haare zum Look? Und, ganz wichtig: Funktioniert der solarbetriebene Bewegungsmelder, der «so ein Alarmding» mit Strom versorgt, das ohrenbetäubenden Krach macht, sobald sich jemand der Diva nähert. Klappt etwas nicht so, wie man sich das eigentlich vorgestellt hat – hängt zum Beispiel eine Wimper schief –, sagen sich die drei: «Hey, es ist immer noch eine Vogelscheuche!»

Vögel sind nicht dumm

Und als solche hat La Diva eine klar definierte Aufgabe: Vögel verscheuchen nämlich. Doch funktioniert das tatsächlich? «Man geht davon aus», sagt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach. Die Wirkung sei jedoch weniger gross, als man sich erhoffe. Die Krähen, die es auf die frische Saat auf den Äckern abgesehen hätten, die Tauben oder Stare, die sich im Rebberg labten, sie alle seien eher die Sündenböcke, die ihren Schnabel herhalten müssten, wenn den Bauern eigentlich andere Sorgen plagten. «Schädlinge und Wetterkapriolen sind viel schlimmer für die Ernte», sagt Kestenholz. Hinzu kommt, dass Vögel schlaue Wesen sind. Sie lernen rasch und freunden sich nach ein paar Tagen gar mit der Scheuche an. Den gewünschten Effekt erzielen die gruseligen Gehilfen höchstens, wenn sie regelmässig ihren Standort wechseln, im besten Fall auch ihr Äusseres und dabei mit den Stroharmen wedeln und jede Menge Lärm machen.

Vogelscheuche von Gian-Reto Walther und Sohn Andrin
Der imposante Luftibee von 
Schepper ist das Werk von Gian-Reto Walther und seinem Sohn Andrin.

Der imposante Luftibee von Schepper ist das Werk von Gian-Reto Walther und seinem Sohn Andrin.

Einer, der diese Voraussetzungen ziemlich gut erfüllt, ist Luftibee von Schepper. Die Scheuche der Familie Walther aus Bätterkinden BE ist beweglich und laut. An ihrem Hinterkopf, einem alten Velorad, ist ein Windrad befestigt. Und ihre Extremitäten bilden Dutzende leere Katzenfutterbüchsen, die herrlich scheppern, wenn die Bise übers Feld pfeift. Das Problem: Gian-Reto Walther (45) und Sohn Andrin (13) mögen eigentlich Vögel. Die Familie hat einen kleinen Garten und freut sich immer, wenn ein Piepmatz zu Besuch kommt. Als Wissenschaftler und Tüftler habe ihn die Aufgabe dennoch gereizt, sagt Vater Gian-Reto: «Jetzt ists halt eine Mehrzweckscheuche geworden.»

Luftibee soll nicht nur halbherzig Federvieh verscheuchen, sondern auch Insekten anziehen. Seinen Mund formen vier mit Schilfrohr gefüllte Dosen: ein vierteiliger Wildbienenhotelkomplex. Um den Bienen den Aufenthalt bei Luftibee von Schepper zu versüssen, gibts sogar eine «Bienensnackbar», ein am Bauch der Scheuche festgezurrter Blumentopf. Während Vater und Sohn «fürs Grobe» zuständig waren, kümmerten sich Mutter Karin (50) und Tochter Seraina (15) um die Dekoration. Sie verschönerten die Scheuche mit einem Haarbüschel aus verschnittenen PET-Flaschen und schenkten ihr ein Paar giftgrüne Augen. Mit dem Resultat sind die Walthers zufrieden. Beim Fotoshooting im hohen Gras zeigten Vögel und Bienen Interesse – nur ­Katze Chilli machte einen ­gros­sen ­Bogen um Luftibee.

Ex-Miss in der Jury

Mit dem Vogelscheuchenfestival will Initiantin Sonja Grossenbacher aus Konolfingen BE einen alten Brauch wiederbeleben. Und das scheint ihr zu gelingen. Die Scheuchen mögen zwar kein Hirn haben, wie schon die vielleicht berühmteste ihrer Gattung, Scarecrow aus dem Kinderfilmklassiker «The Wizard of OZ», beklagte, eine Seele besitzen sie zweifellos alle. So ist zu erklären, weshalb Brigitte Estoppey-Bähle (47) schon heute mit dem Gedanken spielt, ihren Vater mit dem Ersteigern ihrer Vogelscheuche zu beauftragen. Damit Treysi in der Familie bleibt.

Vogelscheuche von Brigitte Estoppey-Bähle und Tochter Leanne

Brigitte Estoppey-Bähle und Tochter Leanne möchten, dass Scheuche Treysi in der Familie bleibt.

Der Bäuerin aus Trey VD ist die Scheuche, die sie mit Tochter Leanne (14) gebaut hat, ans Herz gewachsen. «Seit einem Monat steht Treysi jetzt in unserer Stube, das Loslassen wird uns schwerfallen», sagt sie. Den Besen und das alte Sacktuch habe sie im Stall gefunden, den Plastikmund, die Knopfaugen und die Silberstreifen für den peppigen Bürstenschopf hatte die Bastlerin noch in ihrem Fundus. «Treysi ist eine Recycling-Scheuche.» Keine Illusionen macht sich Brigitte Estoppey-Bähle zur Funktion ihrer Vogelscheuche. Diese sei rein dekorativ. Auf dem Betrieb der Familie stehen denn auch keine weiteren Exemplare, um Krähen fernzuhalten. «Die schauen sich das zwei Tage lang an, dann setzen sie sich drauf.»

Am Samstag treffen sich Treysi, Luftibee von Schepper und La Diva zum Stelldichein der Vogelscheuchen. Schönheit, das wird das Festival eindrücklich beweisen, liegt eben doch im Auge des Betrachters. Die Jury mit Ex-Miss-Schweiz Linda Fäh wird es jedenfalls nicht leicht haben, die Schaurig-schönste unter all den sympathi­schen Stroh-, Besen- und Büchsenpuppen zu krönen.

Das erste internationale Vogelscheuchenfestival findet vom 18. Juni bis 27. August im und rund um das Schlossgut Münsingen statt.

Weitere Infos unter www.vogelscheuchen-festival.com

Wo steht Ihre Lieblingsvogelscheuche? Schreiben Sie unten einen Kommentar oder senden Sie ein Foto inklusive Standort an onlineredaktion@migrosmedien.ch

Autor: Peter Aeschlimann

Fotograf: Marco Zanoni