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08. Oktober 2012

Schaulaufen der Mütter

Viele Mütter erwarten von sich Perfektion. Vor allem aber wollen sie die anderen Mütter übertrumpfen. Die Folge ist ein Konkurrenzkampf, der keinem nützt und alle plagt. Doch es gibt Auswege.

Mütter geraten oft in eine Konkurrenzsituation
Wer macht es besser? Mütter geraten oft in eine Konkurrenzsituation. (Bild Getty Images)

Unterschiedliche Prioritäten: Was zeichnet die Vollzeit- und die Teilzeitmutter aus? Je fünf Prioritäten – was sind Ihre?

Top-Figur gleich nach der Geburt, ein Baby, das umgehend durchschläft, eine Beziehung wie aus dem Liebesroman und ein Haushalt à la «Schöner Wohnen»: Was Mütter meinen, schaffen zu müssen, ist oft übermenschlich. Und stellt sie unter Dauerstress. Warum führen Frauen diesen gnadenlosen Konkurrenzkampf?

«Wir Frauen haben gelernt, uns an den vermeintlichen Mängeln der anderen zu orientieren», erklärt Julia Onken (70), Psychologin, das Phänomen. «Das schwächt uns. Denn so, wie wir andere beurteilen, beurteilen wir auch uns selbst.» Im Gegensatz zu früher hat sich die Konkurrenz unter Müttern verschärft, ist die Buchautorin überzeugt. «Damals waren die Frauen wie Truthennen im Stall, erledigten einfach ihre Arbeit. Grosse Abweichungen waren gar nicht möglich.» Abgesehen vom Wettkampf um den begehrtesten Mann.

Mittlerweile ist ein weiterer Faktor hinzugekommen, der die Mütter in zwei Lager spaltet: die Möglichkeit für Frauen, sich zu bilden und beruflich Erfolg zu haben. Bei ihren Vorträgen erlebt Julia Onken immer wieder, wie tief der Graben zwischen den «Vollzeitmüttern» und den «Teilzeitmüttern» geworden ist. Die einen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie «nur Hausfrau» sind, die anderen stehen unter dem Generalverdacht, ihre Kinder zu vernachlässigen. Selbstaufgabe versus Egoismus, so sieht es zumindest in der Wahrnehmung der jeweils anderen Seite aus. «Das traditionelle Frauenbild sitzt sehr tief», sagt Julia Onken, die sich seit Jahrzehnten dafür einsetzt, dass Frauen einander weniger bewerten und mehr schätzen. Oder wie sie es formuliert: «Nur, wenn wir lernen, uns an der Fülle der anderen zu orientieren und nicht an den Mängeln, können wir auch uns selbst wertschätzen.» Das erfordert allerdings ein starkes Umdenken.

Mehr Solidarität statt Konkurrenzdenken
Dass ein solcher Wechsel weg vom Konkurrenzdenken hin zu mehr Wohlwollen und Solidarität nötig ist, erlebt auch Monika Plöchinger (40), Mütterberaterin in Stäfa ZH: «Fast täglich erlebe ich Frauen, die ein schlechtes Gewissen haben und Angst, nicht zu genügen», sagt sie. «Ich gebe ihnen dann unter anderem zu bedenken, dass sie von den anderen Müttern vielleicht gar nicht so hart beurteilt werden, wie sie meinen. Vielleicht rührt ihr Gefühl auch daher, dass sie selbst so streng sind mit sich und anderen.»

Autor: Andrea Fischer Schulthess