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06. Januar 2014

Schatzsucher mit Visionen

Wie findet man drei Millionen Franken? Fundraiser Hans Jörg Galliker gelang es, die nötigen Spenden für die Restaurierung des historischen Stiftstheaters in Beromünster zu sammeln – ehrenamtlich und quasi im Alleingang.

Hans Jörg Galliker vor «seinem» Stiftstheater Beromünster. Drei Millionen Franken hat er für die Restaurierung gesammelt.

Machen Sie mit! Das Stiftstheater Beromünster ist ein gelungenes Beispiel für ein privat gerettetes Kulturangebot. Kennen auch Sie Institutionen, die auf ähnliche Hilfe zählen konnten? Nennen Sie uns Ihr Beispiel als Kommentar ganz unten auf dieser Seite. Wir freuen uns!

Es wäre ihm lieber, die Linse des Fotografen wäre nicht auf ihn gerichtet. «Schauen Sie! Dies allein ist wichtig», sagt Hans Jörg Galliker (70): Er deutet auf das neueste Kleinod in Beromünster LU, das Gebäudeensemble des Stiftstheaters und der angrenzenden «Schol» (siehe Infobox in der rechten Spalte). Um die nötigen Gelder für die Restaurierung zu beschaffen, habe er potenzielle Spender zur Besichtigung des geschichtsträchtigen Komplexes gebeten. «Das hat gewirkt», sagt er mit einem feinen Lächeln.

Hans Jörg Galliker hat es geschafft, während der letzten sieben Jahre drei Millionen Franken für die Umbaukosten zusammenzutragen, ehrenamtlich und als Einzelkämpfer. Galliker präzisiert: «Nicht allein. Ich wurde von vielen, guten Leuten unterstützt.» Freud und Leid habe er jedoch kaum geteilt – «allenfalls mit meiner Frau, aber die sah es nüchtern.» Das meiste habe er mit sich selber ausgemacht.

Ein Kornspeicher wird zum Kulturzentrum

Hans Jörg Galliker hat sich bereits 1995 zum Ziel gesetzt, das Ensemble zu neuem Leben zu erwecken. «Schol» (die Bezeichnung stammt von Schale) und das Theater wurden ab dem frühen 16. Jahrhundert als Korn- und Weinlager des angrenzenden Chorherrenstifts St. Michael genutzt. Hier lieferten die Bauern dem Stift einst ihre Zehnten ab. Auch wurden die Räume als Brotschol, Fleischbank und Tuchlaube vermietet. Im letzten Jahrhundert dienten sie unter anderem als Post, Lateinschule des Stifts, Fest- und Theaterräume. Schliesslich wurden sie immer baufälliger, die öffentlichen Toiletten im Erdgeschoss verkamen zum «Schandfleck für Beromünster», sagt Galliker. Er sei lange damit schwanger gegangen, eine nachhaltige Idee für den Erhalt dieses Kulturerbes zu entwickeln. Zusammen mit Vertretern des Stifts und Kulturkennern der Region gründete er eine Arbeitsgruppe und suchte nach einer Idee, die sozioökonomisch überzeugt. «Das war als Basis für das Fundraising entscheidend.»

Galliker plädierte für eine neue Nutzung als überregionales Theater- und Veranstaltungshaus, ähnlich wie die erfolgreiche Kartause Ittingen im Thurgau. Gemeinsam mit dem Luzerner Theaterregisseur Louis Naef erarbeitete er das Konzept. Es wurde eine Machbarkeitsstudie erstellt und ein Businessplan erarbeitet. Hans Jörg Galliker, zu jener Zeit noch stellvertretender Personalchef der Stadt Luzern, wusste als Manager, wie man Projekte seriös anpackt. Wer würde aber die nötigen Gelder beschaffen? Die Mitglieder der Arbeitsgruppe konnten das nicht leisten. «Also suchte ich das Geld.» Galliker nahm sich vor, von den damals knapp 5 Millionen veranschlagten Franken rund 3 Millionen selbst zu sammeln. «Eigentlich eine verrückte Aufgabe», sagt Galliker, aber er wage sich gerne an Projekte heran, an deren Realisation niemand so richtig glauben wolle.

Der Verantwortliche für die äusseren Angelegenheiten des Stiftskapitels, Propst Josef Wolf, betont indes, er habe Galliker sehr wohl zugetraut, dieses Ziel zu erreichen. Gestaunt habe er lediglich darüber, dass sich dieser die Aufgabe allein zugemutet habe, zumal er zu jener Zeit beruflich noch stark gefordert war. Inzwischen ist Galliker pensioniert.

Stammte die Motivation des Fundraisers daher, dass er in Beromünster aufgewachsen ist und schon als kleiner Ministrant den Chorherren gedient hatte? Oder dass er als Jugendlicher die Lateinschule besucht hatte, die einst auch zum Stift gehörte? Hans Jörg Galliker sagt lediglich, sein Engagement sei doch selbstverständlich. «Als Bürger muss man freiwillige Einsätze für die Gesellschaft leisten, sonst funktioniert sie nicht.»

Sein Ansinnen wurde gewürdigt: Die ersten 100'000 Franken sprach ihm 2006 die Schweizerische Stiftung Pro Patria zu. «Das war eine wichtige Referenz.» Damit galt es, «ohne sich mit Anfragen für Kleinspenden zu verzetteln», weitere potenzielle Donatoren zu suchen: Hierfür schrieb er Gesuche und Dokumentationen und nutzte sein dichtes Netzwerk aus Berufszeiten.

Wichtig sei gewesen, nicht locker zu lassen. Rückschläge, wie etwa Kostenverteuerungen und zahlreiche Absagen, hielt er aus. Es stehe jeder Stiftung frei, eine Anfrage abzusagen, sagt Galliker trocken. Zudem gab es da noch einen, der half: Propst Josef Wolf macht eine Geste gen Himmel. «Schliesslich haben wir da oben noch jemanden, der für uns den besseren Überblick hat.»

Kurz vor Ende der Restaurierung 2013 erreichte Galliker sein Ziel: 43 Spender hatten 3 Millionen Franken überwiesen. Darunter waren Kanton, Korporationsbürgerschaft und Einwohnergemeinde sowie private und kirchliche Institutionen, Privatpersonen und Unternehmen sowie auch das Migros-Kulturprozent und die Migros Luzern. Die restlichen Aufwände von rund 2,3 Millionen Franken übernahmen das Chorherrenstift, die kantonale Denkmalpflege sowie eine weitere kleine regionale Finanzierungsgruppe. Zu guter Letzt sponserte der lokale Gewerbeverein den Fahrstuhl im Stiftstheater.

Wie wurde Gallikers Engagement vergolten? «Mit einem tollen Gefühl», sagt er. «Es befriedigt mich, dass dieses Kulturgut für künftige Generationen erhalten werden konnte.»

Autor: Gabriela Bonin

Fotograf: Herbert Zimmermann