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10. April 2012

Schattendasein

Geschwister behinderter Kinder fühlen sich oft vernachlässigt. Ein regelmässiger Abend allein mit Mutter oder Vater wirkt Wunder.

Geschwister behinderter Kinder kommen häufig erst an zweiter Stelle.
Geschwister behinderter Kinder kommen häufig erst an zweiter Stelle. Doch auch sie brauchen Liebe.

Eltern sterben, Freunde oder Partner kommen und gehen. Geschwister hingegen begleiten einen meist während des ganzen Lebens. Sie sind die ersten Freunde, aber auch die ersten Konkurrenten. Sie lehren sich Liebe und Gemeinschaft, aber auch Abgrenzung und Eifersucht. Schwierig wird es, wenn in diesem sozialen Trainingscamp nicht für alle die gleichen Spielregeln gelten, etwa weil ein Kind behindert ist.

Nicht alle kommen damit klar, eine Nebenrolle zugunsten eines kranken Bruders oder einer behinderten Schwester zu spielen. «Es gibt Geschwister, die sich übermässig anpassen, andere reagieren eher mit auffälligem Verhalten», sagt Erziehungswissenschafterin Nora Haberthür (41), Autorin des Buchs «Kinder im Schatten — Geschwister behinderter Kinder».

«Ein Kind erlebt auch einem behinderten Geschwister gegenüber Wut und Eifersucht», so die Expertin. «Oft darf es aber diese Gefühle nicht zeigen, da ja das Geschwister behindert ist, sich nicht wehren kann.» Aufgestaute Aggressionen und Schuldgefühle können die Folge sein. In Deutschland stellen Fachleute wie der Sozialpädagoge Eberhard Grünzinger, der sich seit zehn Jahren intensiv um sogenannte Geschwisterkinder kümmert, vermehrt Depressionen fest.

Überlastete Eltern sollten sich entlasten und besser organisieren
Darum spielen die oftmals selber überlasteten Eltern eine zentrale Rolle. «Die Lösung», so Haberthür «heisst deshalb immer Entlastung suchen und organisieren.» Es braucht nicht viel, um Geschwisterkindern das Gefühl von Beachtung und Wertschätzung zu schenken. Regelmässig ein Abend allein mit einem Elternteil kann schon viel bewirken.

Wie viele Kinder davon betroffen sind, ist nicht bekannt. Aber es dürften in der Schweiz rund 150 000 bis 200 000 Kinder sein, leben doch in 122 000 Haushalten behinderte Kinder; bei 85 000 beeinträchtigt die Behinderung das Leben.

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Autor: Thomas Vogel