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10. Juni 2014

Schanghai gegen Hongkong

Hongkong und Schanghai gehören zu den boomendsten Metropolen in Asien. Trotz vieler Gemeinsamkeiten bestehen auch grosse Unterschiede. Ein Vergleich. Lesen Sie auch den Artikel mit den Reisetipps in der rechten Spalte.

Vom Peninsula-Hotel in Shanghai hat man die schönste Aussicht auf die Flaniermeile Bund.
Vom Peninsula-Hotel in Shanghai hat man die schönste Aussicht auf die Flaniermeile Bund.

Kaum eine andere Stadt der Welt hat sich in den letzten Jahren so dramatisch verändert wie Schanghai. In der mit 20 Millionen Einwohnern grössten Metropole Chinas verschwinden immer mehr Zweiräder aus dem Strassenbild und weichen Autos, über 4000 Wolkenkratzer haben kleinere Häuser verdrängt. Das auch für Touristen empfehlenswerte U-Bahn-Netz besteht heute aus 453 Kilometern oder 80 Kilometern mehr als in New York.

Blick vom Vicoria Peak in Hongkong: 70 des Stadtgebiets ist Grünfläche.
Blick vom Vicoria Peak in Hongkong: 70 des Stadtgebiets ist Grünfläche.

Von der Terrasse des Peninsula-Hotels hat man eine besonders spektakuläre Sicht auf die terrestrischen Entwicklungen. Die Flaniermeile, der Bund, präsentiert sich von dort herausgeputzt wie noch nie. Auf der anderen Seite des Flusses Huangpu erheben sich die Wolkenkratzer des Finanzzentrums Pudong mit dem fast 500 Meter hohen Shanghai World Financial Center.

Schanghai als Eldorado für Selbständigerwerbende

Der in Gais AR aufgewachsene Jonas Merian (37) wohnt seit fünfeinhalb Jahren in Schanghai. Nach einem Einsatz für das Internationale Rote Kreuz hat sich der Schweizer selbständig gemacht und begann, alte Möbel in Designobjekte zu verwandeln. Mit Erfolg. Heute lebt er zusammen mit seiner chinesischen Frau Nina Chen (33) und der Tochter Anna (1) in einer umgebauten Fabrikhalle, eine gute halbe Fahrstunde von Pudong entfernt. Nina ist Grafikerin und Fotografin. «Schanghai ist dynamisch und ein Eldorado für Leute, die sich selbständig machen. Ich lerne viele interessante Menschen aus allen Berufen kennen. Das bietet mir Chancen und Perspektiven, die ich in der kleinen Schweiz nicht hätte», berichtet der Familienvater.

Touristen rät er, «1933» zu besuchen. So nennt sich das alte Schlachthaus im Art-déco-Stil. Oder das einstige Kraftwerk nördlich des Bunds, das zum Museum umgewandelt worden ist und Powerstation of Art heisst. «Das Quartier French Concession wiederum begeistert mit seiner Auswahl an Restaurants, gepflegten Strassen mit alten Villen und Einkaufsmöglichkeiten», sagt er. Besonders angetan ist Merian dort von der Umgebung der Strasse Anfu mit ihren kleinen Läden und vielen Speiselokalen.

Die Familie Merian wohnt in einer umgebauten Fabrikhalle.
Die Familie Merian wohnt in einer umgebauten Fabrikhalle.

Doch der Glanz der schicken Restaurants und modernen Hotels trügt: Im einstigen Zentrum des Opiumhandels spricht die grosse Mehrheit der Taxifahrer kein Wort Englisch. Wer nicht verloren gehen möchte, sollte sich von der Rezeption eine Visitenkarte geben lassen, auf der die Adresse in chinesischen Lettern aufgeführt ist. Taxis sind unglaublich preiswert: Eine Fahrt von 15 Minuten kostet drei, vier Franken.

Englisch, Twitter und Facebook sind in Hongkong verbreitet

In Hongkong, das politisch ebenfalls zu China gehört und gut sieben Millionen Einwohner und 262 Inseln zählt, sprechen die meisten Taxifahrer Englisch. Zudem erlauben die kommunistischen Machthaber in Peking der Sonderverwaltungszone den Zugang zu Twitter und Facebook – im genauso kapitalistischen Schanghai sind beide verboten. Gemeinsam ist den zweieinhalb Flugstunden voneinander entfernten Städten das schier grenzenlose Wachstum. Bereits nächstes Jahr benötigen Expresszüge für die 130 Kilometer lange Strecke Hongkong–Guangzhou in Südchina nur noch 48 Minuten oder halb so lang wie heute. In zwei Jahren soll die einstige portugiesische Kolonie Macau, heute ebenfalls Teil der Sonderverwaltungszone, mit einer 35 Kilometer langen Brücke verbunden werden.

Gabriela Baumgartner schätzt Hongkongs Wanderwege, die 600 Kilometer umfassen.
Gabriela Baumgartner schätzt Hongkongs Wanderwege, die 600 Kilometer umfassen.

Hongkong ist heute schon eine Stadt der Superlative und bietet viel mehr als riesige Einkaufszentren: Mit dem Restaurant Tim Ho Wan findet sich im Stadtviertel Mong Kok das günstigste Michelin-Sterne-Restaurant der Welt mit über 150 Variationen von Dim Sum. Ein Mittagessen mit Grüntee und sechs Häppchen kostet umgerechnet 14 Franken. Bezahlt wird mit Hongkong-Dollar. Mit Englisch kann man sich hier verständigen, allerdings mehr schlecht als recht, obwohl die Sprache schon im Kindergarten unterrichtet wird. Zur Not tut es die Zeichensprache.

Keine Verständigungsprobleme gibt es im mit drei Michelin-Sternen dekorierten «Bo Innovation». Dort wird chinesische Fusionsküche mit westlicher Technik vom Feinsten kombiniert.

Mong Kok, was aus dem Kantonesischen übersetzt «geschäftige Ecke» bedeutet, weist mit 130 000 Menschen pro Quadratkilometer die höchste Bevölkerungsdichte der Welt auf. Und auf der Insel Lantau thront die weltgrösste frei sitzende, bronzene, 34 Meter hohe Buddha-Statue.

Die Insel ist Teil der über 70 Prozent Grünflächen in der Stadt. Gabi Baumgartner (45) schlägt daraus Kapital und bietet mit WalkHK Stadt- und Wandertouren in Hongkong an. Sie führt Touristen zu weissen Stränden, über Berge, durch Wälder und zu Dörfern in den New Territories, wie der grösste Teil im Norden der Sonderverwaltungszone heisst. Die Balance zwischen der Urbanität und fast menschenleeren Stränden schätzt die passionierte Wanderin besonders. Das Restaurant Hoi Fung Store am Ham Tin Beach im Osten Hongkongs ist der Lieblingsort der Zürcherin und ihres Schweizer Gatten Tobias (49), der sein Geld als Theologie-Uniprofessor verdient. Das Ehepaar lebt mit ihren drei Kindern in den New Territories. Dort sind die Wohnungspreise noch nicht so horrend wie im Stadtzentrum.

Erstbesuchern der einstigen britischen Kronkolonie rät Gabi Baumgartner, mit dem Doppeldeckerbus vom Flughafen in die Stadt zu fahren. «Der Blick aus dem Bus auf die Stadt löst ein Wow-Gefühl aus.» Die Aussicht von Sky100, dem 100. Stockwerk des International Commerce Centre im Westen des Stadtteils Kowloons, verstärkt dieses Wow-Gefühl. Es gehört zu den auffälligsten Veränderungen der letzten Jahre, sagt doch Baumgartner: «Als wir 1996 nach Hongkong auswanderten, waren die Gebäude durchschnittlich 25-stöckig. Heute sind es im Schnitt 45 Stockwerke. Die Verdichtung ist enorm. Hongkong hat auf einer Fläche des Kantons Uri fast so viele Einwohner wie die Schweiz.» Trotz der Modernisierung sind viele Quartiere authentisch geblieben. Wie seit eh und je verkaufen Einheimische in ihren einfachen Ständen Früchte und Gemüse – mit futuristischen Wolkenkratzern als Nachbarn.

Fazit: Beide Metropolen sind attraktiv. Dank der intakteren Umwelt und dem insgesamt breiteren touristischen Angebot lohnt es sich, für Hongkong knapp eine Woche einzuplanen, für Schanghai mindestens drei Nächte. In beiden Städten sind die Peninsula-Hotels übrigens besonders gut gelegen.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Reto E. Wild