Archiv
28. Oktober 2013

Scham schützt Kinder

Wenn Kinder plötzlich nicht mehr nackt spielen und nicht mehr gemeinsam in die Wanne möchten: Mit der erwachenden Scham sollten Eltern behutsam umgehen.

Kind das beschämt in die Ecke schaut
Nackt ist nicht mehr okay: 
Ein wichtiger Schritt in 
der kindlichen 
Entwicklung. (Bild: Getty Images)


EIN ROTES KÖPFCHEN
Mehr zum Thema:
Was löst Schamgefühle aus? Und wann fühlen wir uns schuldig? Ein Blick auf die Unterschiede und eine relativ neue Form der Scham. Zum Artikel


Die zweijährige Julia liebt es, mit ihrem Bruder Martin in der Badewanne herumzutollen. Der fünfjährige Bube findet das aber seit einiger Zeit nicht mehr lustig. Kürzlich sagte er klar, er wolle alleine in die Wanne. Bei Martin ist die Scham erwacht.

Scham ist ein natürliches, soziales Gefühl, das wir meist als unangenehm oder peinlich empfinden. Beispielsweise schämt sich Martin, wenn er sich vor seiner Schwester an- oder umziehen soll und sie ihn nackt sieht. Aber auch beim Toilettengang oder wenn die Genitalien sichtbar sind, kann Schamgefühl entstehen. Martin liess sich auch von heute auf morgen nicht mehr von Papa auf die Toilette begleiten. Ein anderes Kind will sich in der Krippe nicht von der neuen Erzieherin wickeln lassen.

Scham entwickelt sich bei jedem Kind anders

«Ein Kind kann bereits im Alter von zwei Jahren Körperscham empfinden», sagt Jeannine Schälin, diplomierte Sozialpädagogin am Marie Meierhofer Institut für das Kind in Zürich. «Ein anderes Kind wiederum reagiert erst im Kindergarten darauf.»

Scham spielt im Zusammenleben eine wichtige Rolle. Am besten versteht man ihre Aufgabe, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sie entsteht: Voraussetzung für die Entstehung von Scham ist, dass ein Kind sich als eigenständige Person wahrnimmt. Sobald das Kleine alt genug ist, sich im Spiegel zu erkennen, nimmt es auch andere Menschen als eigenständige Persönlichkeiten wahr und merkt, dass diese verschiedene Erwartungen haben. Diese Erwartungen versucht das Kind zu erfüllen. Gelingt dies nicht, entsteht oft Scham. Nicht nur ist dieses Schamgefühl von Kind zu Kind verschieden, auch erleben Mädchen und Jungen sie unterschiedlich. Jeannine Schälin: «Mädchen schämen sich vor allem vor männlichen, Jungen vor weiblichen Personen.»

Scham ist grundsätzlich ein positives Gefühl und hat eine wichtige Aufgabe. «Sie kann als vorwarnendes Zeichen auftreten und ist gerade für Kinder ein Schutz ihrer Intimsphäre. Ein Kind setzt mit Körperscham Grenzen», sagt Jeannine Schälin. Und dabei sollten die Eltern das Kind unterstützen. Indem sie zum Beispiel darauf achten, wie das Kind mit Nacktheit umgeht. «Merken sie, dass es dem Kind unangenehm ist, wenn die Eltern nackt vom Bad ins Schlafzimmer laufen, sollten sie sich damit zurückhalten», empfiehlt die Expertin.

Mit gemeinsamen Aktivitäten wie Turnen, Rennen, Springen oder Klettern können Eltern beim Kind ein gutes Körpergefühl fördern. Und ein gutes Körpergefühl ist für das Kind eine wichtige Voraussetzung, um sich vor körperlichen und sexuellen Übergriffen zu schützen.

Autor: Priska Plump