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17. Mai 2016

Ticinesi vom Dienst

Die Sonnenstube?
Die Sonnenstube? Von wegen ... (Bild: Keystone)

Wer spricht denn hier von der «Sonnenstube»? Meine Erinnerung sagt das Gegenteil. Da war die Woche in einem Rustico im Maggiatal, und es hat einfach nur geschifft; eine Herbstwanderung von Cardada nach Mergoscia, während der es regnete, wie es sonst nur in Filmen regnet, und zuletzt waren wir nass bis auf Haut und Socken; ans Open-Air-Kino auf der Piazza Grande in Pelerinen muss ich denken; und an ein Wochenende am Lago Maggiore: An der ­Promenade machte unsere Tochter einige ­ihrer ersten Schritte – im strömenden Regen.

«Aii, aii, aii, musica!» Sind vielleicht die Bewohnerinnen und Bewohner unseres Südkantons ein wenig gefangen im Klischee der strahlenden Fröhlichkeit, der ewigen Boc­ca­lino-Gemütlichkeit? «Du bisch ’eeerzig», sagt die gewesene Miss aus dem Tessin zu jedem, der es hören will. Ein sonniges Gemüt, diese Christa Rigozzi, stets bemüht, «every­body’s darling» zu sein, jedermanns Schätzchen.

Bänz Friedli (51) hat verregnete Erinnerungen.
Bänz Friedli (51) hat verregnete Erinnerungen.

Was gewiss auch den Umsatz fördert. Denn es gibt nichts, wofür Christa Rigozzi nicht Reklame machen würde. Für Flussreisen, Kleinkredite, Getränke und Schokolade wirbt sie, für Kaffee, Autos, Käse, Parfüms. Und dann will die vielfach Käufliche, scusi: Vermarktbare auch noch als politische Stimme ernst genommen werden, wenn sie etwa für einen neuen Autotunnel durch den Gotthard weibelt. (Ma certo: Damit sie dereinst mit dem gesponserten herzigen Autöli hurtig zum nächsten Werbetermin nach Zürich brausen kann … )

Als Tessinerin vom Dienst hat Frau Rigozzi nahtlos an Nella Martinetti angeschlossen, immer aufgedreht, immer lustig, immer die Ulknudel mimend. Wobei es auch dem drolligen Akzent geschuldet sein mag, wenn manche Ticinesi stets für gute Laune sorgen wie etwa der Fussballer Mauro Lustrinelli: «Isch ’abe ’erausgefúnde inne mini Studie, dass isch grosse gewáchse Tschutteler, ische besser ­geaignet furre Kopfe-Balle.» Noch Fragen?

Trügt mich die Erinnerung? Nein, das mit der Sonnenstube stimmt wirklich nicht. Die sonnigsten Orte der Schweiz liegen im Oberwallis und im Engadin, nicht im Tessin. Macht aber auch gar nichts, ich mag das Tessin auch verregnet. Und ich wünschte mir mehr Vertreterinnen und Vertreter aus dem italienischsprachigen Kanton, die darauf verzichten, Vorurteile zu bedienen. Lara Gut zum Beispiel, die gefällt mir. «Nennt mich nie mehr ‹Schätzchen›! Ich bin keins», hat sie schon öfter an die Adresse der Sport­journalisten und Boulevardblätter gesagt. ­Gewiss, wenn sie will, kann auch die Gesamtweltcupsiegerin ein sonniges Gemüt sein. Aber eben nur, wenn sie will. Und nicht, wenn andere es von ihr erwarten. Brava! 

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Autor: Bänz Friedli