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20. Juli 2015

«Saujoggel! Fotzelchäib!»

Man begegnet ihnen oft: Ältere Mehnschen, die Fremden ihr halbes Leben erzählen.
Man begegnet ihnen oft: Älteren Mehnschen, die Fremden ihr halbes Leben erzählen.

Ihr Gesicht kann ich nicht erkennen, ich sehe die Frau nur von hinten. Aber hinter ihr in der Schlange vor der Kasse stehend kann ich feststellen, dass ihr Blond ein bemühtes ist, ein falsches Blond, viel zu auffällig. Und ausserdem ist der Haaransatz weiss. «Wissen Sie, die brauch ich jetzt dann, diese Söcklein», höre ich sie zur Kassierin sagen, «weil in Australien ist es ja heiss, um diese Jahreszeit …» Die Ver­käuferin sagt: «Ja, also … kaum heisser als hier …», doch die falschblonde Kundin vor mir hört offenbar gar nicht richtig zu, sie sprudelt schon weiter: «Aber, wissen Sie, die Lizz, also: ­meine Schwiegertochter …» Die will ­etwas loswerden. Die Kassenfrau sagt: «Okay …» und «Ach so!», hört sich an, was die Alte zu ­berichten hat. «Endlich wieder mal die ­Enkel besuchen», schnappe ich auf, «hab sie vier Jahre nicht gesehen.»

Bänz Friedli (50) blieb für einmal stumm.

Diese Einsamkeit. Man begegnet ihr oft.Ältere Menschen, die am Postschalter ihre Einzahlungen tätigen und dabei ihr halbes Leben erzählen. Und wenn sie dann vom Schalter wegtippeln, reden sie einfach weiter, reden vor sich hin ins Leere. Und man ahnt, dass sie oft solche Selbstgespräche führen. Manche haben ­dafür ­einen Hund, heischen dessen Beifall: «Gäll, Schnauzli, jetz gömmer go pöschtele …», aber das kümmert den Schnauzli nicht.

Und wenn sie dann im Supermarkt Schlange stehen, fangen sie Gespräche an, weil dies ihre einzig möglichen Gespräche sind. Oder sie suchen, weil ja sonst den ganzen Tag niemand mit ihnen redet, im Tram Streit, wie neulich der ältere Mann im 14er, der absichtlich über die Sporttasche eines Jünglings stolperte. «Hee, Saujoggel!», maulte der Alte. Der Junge: «Wie mäined Sii?» – «Saujoggel! Fotzelchäib!» Und, ­Verbündete suchend, an die Umstehen­den gerichtet: «Kän Astand meh, das junge ­Saupack!» Niemand antwortete. Nur beklemmend wars. Und betrüblich.

Heute wieder, im Sportartikelgeschäft. Die Verkäuferin ist geduldig mit der Frau, die bald nach Australien fliegt, die Kassenschlange wird lang und länger, und längst hat sich herausgestellt, dass der Sockenkauf ein Vorwand ist: Sie wollte es jemandem erzählen, die Alte, dass sie die Enkel wiedersieht, sie würde gern ihre Vorfreude teilen und hat offenbar niemanden, mit dem sie es tun kann. Sie tut einem leid, die einsame alte Frau, und man freut sich für sie, dass sie bald drunten bei ihren Lieben sein wird. Im australischen Winter. «Dort brauchen Sie keine leichten Sommersocken, im Gegenteil, es schneit sogar, in Australien», wollte ich ihr noch sagen, aber sie hätte mich in ein ­Gespräch verwickelt, und dafür hatte ich ­keine Zeit. Warum eigentlich nicht?

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Autor: Bänz Friedli