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26. März 2012

Saugen oder blasen?

Der Blütenstaub käme ja dann noch dazu, apropos Staub. Vor allem wenn man wie ich jedes Frühjahr gefühlte 437 Tulpensträusse kauft, weil man gern überall Tulpen hat: in der Wohnstube, der Küche, dem Badezimmer. Und nach ein paar Tagen, wenn sich die Tulpenblüten allmählich nach unten neigen, rieselt dann halt Blütenstaub auf Chromstahl, Nussbaum- und Kunststoffoberflächen — gelber Blütenstaub. Den sieht man ­besonders gut.

Den Staub auf Kinkerlitzchen, Nippes und Büchern, rät eine Leserin vom Vierwaldstättersee, müsse man einfach möglichst gleichmässig verteilt lassen. Also, um Himmels willen nichts berühren, kein Figürchen verrücken, auch nicht um einen halben Millimeter, keinen Labello-Stift auf dem Schminkaltar des Teenietöchterchens von seinem Platz nehmen … «Ist die Staubschicht nämlich schön gleichmässig, fällt sie niemandem auf!» Ausser dem Hans. Er beklagte sich am Freitag früh, er müsse niesen wegen des vielen Staubs neben seinem Bett. (Man muss wissen, der Bub schläft bodennah.) «Chönntsch nid wieder mal stoubsuge?» Seine Bemerkung traf mitten in mein schwärzestes Gewissen, ich hatte sein Zimmer tagelang vernachlässigt. Also sofort gesaugt! Gründlich. Am Mittag dann das Donnerwetter: «Vatiii! Du hast ein Teilchen eingesaugt!» Eine winzige Halteklammer fehle, nun könne er den Heckspoiler nicht mehr an seinem ferngesteuerten Automodell befestigen, und ohne Heckspoiler sei es im Fall nicht fahrtüchtig, gopf … «Vatiiii!» Hätte ich also doch nicht ungeschützt saugen, sondern, wie mir vielfach geraten, einen Socken über die Mündung stülpen sollen!

«Den Blütenstaub sieht man besonders gut.»
«Den Blütenstaub sieht man besonders gut.»

«Stimmt es, dass man einen Pariser vor Gebrauch zunächst mal mit Wasser füllen muss?», ruft in diesem Moment Anna Luna aus der Stube, «um seine Dichtheit zu prüfen? Gäu, das stimmt nicht?» Sie bereitet sich auf eine Bioprüfung vor, Thema: Geschlechtsteile, Zeugung, Verhütung, Aids. «Poah!», durchzuckts mich, von diesen Dingen hatte unsereiner doch mit 13 noch keine Ahnung! Und ich antworte: «Nein, das stimmt nicht. Glaubs.»

Sollte ich übrigens Lego verklagen? Da gab die Firma doch unlängst dem Druck nach, mehr weibliche Töggeli zu produzieren — und was bringen sie, statt taffer Frauenfiguren, heraus? Magersüchtige Modepüppchen. Mit Accessoires, noch kleiner als die Badesandalettchen und Sonnenbrillelein der Polly-Pocket-Figürchen, die so gern in meinem Staubsauger verschwinden. Aber vielleicht hat Hans seine Halteklammer ja verlegt, und ich hab sie gar nicht verschluckt? Und falls doch, hätte sich das Malheur vermeiden lassen, wenn ich Heidis Tipp beherzigt hätte: Abstauben mit dem Föhn. Also blasen statt saugen! «Am besten auf Kaltstellung», schrieb Heidi, «und je nach Gewicht der herumstehenden Dinger volle Pulle oder süüferli.» Was, genau genommen, den Staub zwar nur umverteilt, aber Hans’ kleine Klammer wäre nun noch vorhanden.

Inzwischen hat er sich beruhigt, eine Autobeilage aus dem Altpapier gefischt. Er studiert sie geflissentlich, brummelt. «Hmm … Alles Elektromotoren und Hybridfahrzeuge.» Und sagt nach kurzer Pause. «Aber dann brauchen wir ja doch wieder Atomkraftwerke?»

Und in diesem Moment wird mir klar: Ich brauche einen good old Staubwedel! Handbetrieben.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Seine Internetseite: www.derhausmann.ch
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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli