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23. Mai 2016

«Ich muss nicht das sagen, was Zuschauer gern hören»

Bei Sascha Ruefer beginnt das Kribbeln: Bereits zum vierten Mal wird der Sportreporter die Spiele der Schweizer Nationalmannschaft an der Fussball-EM kommentieren. Der TV-Mann über potenzielle Champions, sein Selbstverständnis als Moderator und die zwiespältigen Gefühle, wenn er selber kickt.

Moderator Sascha Ruefer
«Ich bin relativ emotional ...

Sascha Ruefer, am 10. Juni fällt der Startschuss zur Fussball-EM in Frankreich. Freuen Sie sich eigentlich selbst darauf?
Ja, klar, das ist eine Riesenfreude, denn eine Europameisterschaft ist eine emotionale Geschichte mit Tausenden von Fans im Stadion und in den Strassencafés. Niemand weiss recht, wie das Fest ausgehen wird. Darum beginnt bei mir so langsam das Kribbeln.

Haben Sie als Sportreporter vor Ort überhaupt Zeit, Cafés zu besuchen?
Wenn Sie ein Spiel kommentieren, müssen Sie nach dem Schlusspfiff vom Stadion ins Hotel gehen. Da kehren Sie unterwegs auch mal in einem Café ein, um den Kopf ein wenig zu lüften. Sie können nicht vier Wochen lang ständig im stillen Kämmerchen hocken. Aber für Sightseeing fehlt die Zeit. Wir sehen vor allem das Hotel, das Stadion und das Pressezentrum.

Sie sind auch privat Fussballfan. Würden Sie manchmal nicht lieber ein Spiel mit Freunden in einer Beiz verfolgen?
Tatsächlich: Das ist etwas vom Schönsten! Doch das letzte Spiel, das ich mit Freunden sah und über das wir philosophierten, war der Champions-League-Final 2001.

Lernen Sie an einer EM die Schweizer Spieler besser kennen?
Mir stellt sich die Frage, wie viel Nähe ich überhaupt will, wenn ich objektiv berichte. Der Kontakt zur Nati besteht, aber ich wohne bewusst nicht in ihrem Quartier. Es sind jedoch zusätzliche Journalisten im Einsatz, die die Natispieler treffen und ihre Erfahrungen mit mir austauschen. Zu viel Nähe birgt die Gefahr, nicht mehr aus einer gesunden Perspektive kommentieren zu können. Und das wäre unglaubwürdig.

Was erwarten Sie von der Schweizer Auswahl an der EM?
Es ist unglaublich schwierig, das einzuschätzen. Der Eindruck, den die Nationalmannschaft im Vorfeld der EM abgibt, fällt nicht unbedingt positiv aus. Andererseits sind Vorbereitungsspiele immer mit Vorsicht zu geniessen. Grundsätzlich haben die Schweizer mehr Potenzial als Gruppengegner wie Rumänien oder Albanien. Für mich zählen die Schweizer Fussballer zu den besten in Europa. Das erste Spiel gegen Albanien wird wegweisend sein und zeigen, wie weit sie im Turnier kommen.

Der Eindruck, den die Nationalmannschaft im EM-Vorfeld abgibt, fällt nicht unbedingt positiv aus.

Welches sind die Schwächen des Teams?
(Überlegt) Die Mannschaft ist auf der Suche nach einer Leaderfigur. Diese Rolle haben vorher Goalie Diego Benaglio und Captain Gökhan Inler übernommen. Jetzt verteilt sich die Verantwortung auf die Schultern von jungen Spielern wie Shaqiri oder Xhaka. Dieser Prozess erfordert etwas Zeit. Und dass die Schweizer Mühe haben, das Spiel zu machen, ist bekannt.

Was erwarten Sie in fussballerischer Hinsicht von dieser EM?
Ich glaube, die Spanier werden mit ihrem Tiki-Taka (Kurzpassstil, Anm. d. Red.) nicht mehr bestimmend sein. Vermeintlich Kleine haben aufgeholt – die Rumänen zum Beispiel: Sie spielen physisch sehr stark, taktisch diszipliniert und schalten aus einer gesicherten Defensive sehr schnell in den Angriff um. Ich glaube, wir werden schönen Fussball sehen. Die Mannschaften, die am diszipliniertesten auftreten, werden am weitesten kommen.

Wer wird Europameister?
Wir werden wohl eine EM der Überraschungen erleben. Erinnern Sie sich, wie die Spanier 90 Minuten lang fast ohne eine einzige Torchance gegen die Rumänen anrannten! Auch die physisch starken Isländer werden immer unterschätzt, obwohl sie genau den Fussball spielen, an dem spielerisch starke Mannschaften zu beissen haben. Letztlich wird aber eine grosse Mannschaft wie Deutschland um den Titel spielen.

Sie kommentieren live an der neunten Endrunde und begleiten seit 2008 die Schweizer Nati als Beni Thurnheers Nachfolger. Was für ein Gefühl ist das, in seine Fussstapfen getreten zu sein?
Der Vergleich mit Beni Thurnheer ist unfair, weil dieser Mann eine ganze Generation geprägt hat. Er ist auch heute noch mein Vorbild. Seine Fussstapfen sind für mich viel zu gross. Ich versuche, mich selbst zu sein. Ich bin relativ emotional und bringe auch mal meinen Ärger zum Ausdruck. Am Anfang machte ich mir keine Gedanken darüber, was für eine Wirkung das haben kann.

Seither sind Ihre lautmalerischen Ausbrüche seltener geworden.
Ja, das stimmt. Mit 25 Jahren war ich auch ein anderer Mensch als heute, mit 44; das hat ja auch mit Reife, Erfahrung und dem Alter zu tun. Emotionen sind keine Frage der Lautstärke.

Wollen Sie auch wie «Beni National» 30 Jahre lang Fussballspiele kommentieren?
Ja, das wäre mein Wunsch. Ich möchte die Nationalmannschaft so lange wie möglich kommentieren – das ist ein Traumjob, auch wenn er nicht einfach ist.

Die Nati zu kommentieren, ist ein Traumjob, auch wenn er nicht einfach ist.

Weshalb?
Alle Zuschauerinnen und Zuschauer sind Schweiz-Fans und hoffen, dass die Nati so weit wie möglich vorstösst. Es ist deshalb extrem wichtig, eine gute Balance zu finden zwischen einer kritischen Beobachtung und dem Versprühen von helvetischer Hoffnung. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mein Kommentar gut ankommt, wenn die Schweizer Mannschaft gewinnt – verliert sie hingegen, ist der Kommentator der Grund für die Niederlage.

In welcher Phase des Spiels ist es für Sie angebracht, einmal nichts zu sagen?
Wenn nicht viel läuft, halte ich mich zurück. Insgesamt kommentiere ich weniger als 50 Prozent eines Spiels. Wenn ich auf unter 40 Prozent komme, erhalte ich Zuschriften, in denen Leute sich beschweren, sie würden Billag-Gebühren zahlen und möchten mehr von mir hören. Kommentiere ich mehr, heisst es, ich solle doch nicht das Spiel zu Tode reden. Weil der Informationsstand der Zuschauer besser ist als früher, sprechen wir tendenziell weniger ins Mikrofon. Es ist nicht meine Aufgabe, den Zuschauern zu beweisen, was ich auswendig gelernt habe. Ich sehe mich als Beobachter eines Spiels.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie letztlich nicht doch zu viel reden?
Am Tag nach dem Spiel schaue ich mir mehrere Szenen an und analysiere meine Arbeit. Und ich habe einen 22-jährigen Assistenten in St. Gallen, der zu Hause meine Spiele verfolgt und mich über iMessage sofort informiert, wenn ich zu viel rede. Er füttert mich während der Spiele auch mit Zusatzinformationen. Wenn Shakiri innerhalb von zehn Minuten drei Tore schiesst, fragt sich der Zuschauer, ob ihm das schon mal gelungen ist. Das klärt mein Assistent sofort für mich ab. Am Tag nach dem Spiel lese ich fast jeden Matchbericht, um abzuschätzen, ob ich mit meiner Analyse richtig lag.
Ich muss nicht das sagen, was die Zuschauer gern hören. Der Schweizer Fan möchte lobende Worte über seine Mannschaft hören. Ich bin aber nicht bei einem PR-Fernsehen angestellt.

Der Schweizer Fan möchte lobende Worte über seine Mannschaft hören ...

Laut einer Umfrage des Newsportals Watson sagen 35 Prozent der Leser, dass Sie top sind, 24 Prozent geben Ihnen die Note gut, 11 Prozent mittelmässig, und 30 Prozent sagen, das ständige Geschrei nerve. Wie stark trifft Sie das?
Als ich von der WM 1998 zurückkam, hatte ich das Gefühl, dass alle schlecht über mich redeten. Mittlerweile lassen mich solche Zahlen kalt. Ich kommentiere seit fast 20 Jahren fürs Fernsehen und habe gelernt, mit Kritik umzugehen und sie richtig einzuordnen. Mühe hätte ich, wenn 30% äussern würden, ich könne die Spielernamen nicht richtig zuordnen oder habe sachlich keine Ahnung von Fussball.

Welchen Kommentar haben Sie im Nachhinein bereut?
An meiner ersten WM bezeichnete ich die ältere Generation als «Corega-Tabs-Fraktion» und die Italiener als «Spaghetti-Hochburg». Solche Ausdrücke würde ich heute nicht mehr. Wenn die Nati jedoch 60 Minuten lang schlecht kickt, platzt mir der Kragen.

Wenn die Nati 60 Minuten schlecht kickt, platzt mir der Kragen.

Ist es schwieriger, die Spiele seiner Lieblingsmannschaft zu kommentieren?
Für wen ich Sympathien habe, darf letztlich keine Rolle spielen. Wenn ich merken würde, dass mich ein Spiel von Bayern München elektrisiert, müsste ich in den Ausstand treten. Ich war ein grosser Bayern-Fan, weil ein Onkel von mir in einer Münchner Bierbrauerei gearbeitet hat. Als Kommentator muss ich, ähnlich wie ein Schiedsrichter, neutral sein. In der Schweiz bin ich schlicht ein Fussballfan, der nicht übermässig viele Sympathien für den Meister Basel hegt. Als gebürtiger Berner habe ich aber auch keine Abneigungen gegen den Zürcher Fussball.

Sie sind seit Ende 2013 Vater. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit als Moderator und Kommentator ausgewirkt?
Mein Sohn hat mein Leben ziemlich auf den Kopf gestellt. Das eigene Kind hat oberste Priorität. Selbstverständlich versuche ich nun, so viel Freizeit wie möglich zu geniessen. Dennoch ist mir der Job sehr wichtig. Allerdings habe ich den Blick auf das Smartphone reduziert, und im Sommer 2015 habe ich mich ganz bewusst aus den sozialen Medien verabschiedet.

Weshalb?
Für mich bringt Facebook weder einen Vorteil noch eine Bereicherung. Ich störe ich mich vor allem an der oftmals respektlosen Art, wie die Leute in den sozialen Medien miteinander umgehen. Twitter nutze ich allerdings weiterhin als Infokanal.

Wie viel Sport treibt der Sportkommentator selbst?
Ich spiele bei den Veteranen des FC Gunzwil, wo ich die Position des Libero wiedereingeführt habe (schmunzelt). Aber in diesem Jahr, mit EM und Olympischen Spielen, habe ich aus Angst vor Verletzungen letztmals im Januar gespielt. Ein- bis zweimal pro Woche gehe ich joggen und spiele Badminton. Ich muss zugeben, dass es nicht immer angenehm ist, selber Fussball zu spielen.

Warum?
Wenn die Veteranen spielen, haben sie Luft für viereinhalb Minuten. Danach wird nur noch geredet. Ich muss mir dann Sätze anhören wie: «Du spielst etwa so, wie du kommentierst.» Oder: «Aha, du kannst den Ball nicht stoppen, aber Shaqiri ankreiden, wenn er einen Fehlpass gemacht hat. Was für einer bist du?» Oder der Schiedsrichter sagt vor dem Anspiel: «Herr Ruefer, hier rede ich, nicht Sie.» Das ist im ersten Moment zwar lustig, mit der Zeit aber ermüdend.

Die Fussball-EM dauert vom 10. Juni bis 10. Juli.
Die Schweizer Vorrundenspiele finden am 11.6. (15 Uhr), am 15.6. (18 Uhr) und am 19.6. (21 Uhr) statt.
Das Schweizer Fernsehen SRF zeigt alle 51 EM-Spiele live.

Autor: Reto Wild, Reto Meisser

Fotograf: Herbert Zimmermann