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22. April 2014

Kanalinseln: Sark, Herm und andere Torheiten

Es gibt ein paar Dinge, die sind absolut unvernünftig – und darum sollte man sie bei einem Besuch der Kanalinseln unbedingt tun. Die ultimativen Inselhopping-, Unterkunfts- oder Restauranttipps.

Little Chapel auf Guernsey
Geschmacksache: Ein Sakralbau aus lauter Porzellanscherben. Die Little Chapel auf Guernsey lohnt den Besuch auf alle Fälle. (Bild: Getty Images)

HERM
Die Anreise war etwas umständlich, aber Sie sind wohlbehalten auf Guernsey angekommen. Sehr gut, wir gratulieren zur Wahl Ihres Ferienziels. Bevor Sie Ihre neue Umgebung erkunden, sollten Sie gleich am ersten Morgen unvernünftig früh aufstehen, zum Hafen gehen und die Fähre auf eine der Nachbarinseln besteigen. Warum am ersten Tag?
1. Sie sind noch nicht im Ferienmodus und drum ans Frühaufstehen gewöhnt.
2. Auf Guernsey gibt es viel zu sehen, und wahrscheinlich haben Sie nur ein paar Tage eingeplant. Ergo ist die Gefahr gross, dass der geplante Ausflug auf die Inseln so lange verschoben wird, bis er nicht mehr realisierbar ist. Das aber wäre Sünd und schade.

Also, hopp, auf nach Herm! Das Inselchen ist geradezu kitschig, putzig und schnusig. Gerade mal 26 Einwohner leben permanent darauf – meist fehlt grad einer, weil er auf Guernsey oder Jersey Besorgungen macht oder sich infolge Inselkollers mit dem Boot an die französische Küste abgesetzt hat und erst am Abend wiederkommt. Macht nichts, die anderen 25 sowie etliche Saisonniers beiderlei Geschlechts sorgen gut für das Wohl der Besucher. Vernünftigerweise haben sie gute Schuhe angezogen, die Sonnenbrille eingepackt und einen Feldstecher dabei. Die Umwanderung der Insel ist gemütlich in drei bis dreieinhalb Stunden machbar.

Verlorengehen ist schwierig, es gibt nur einen Weg. Der ist ungepflastert, und es staubt etwas, wenn einer der Traktoren mit Anhänger vorbeituckert, der beladen ist mit a) Waren oder b) einer Hochzeitsgesellschaft. Wahrscheinlich dauert Ihre Wanderung etwas länger, wenn Sie die steinzeitlichen Megalithgräber auf den zwei Hügeln im Norden besichtigen. Oder ewig lange an einem der traumhaften Sandstrände liegen bleiben. Die Shell Beach (Muschelstrand) hat sogar einen kleinen Kiosk mit Kaffee, Tee und Naschereien. Vielleicht verbummeln sie auch etwas mehr Zeit bei einem Picknick in den Dünen oder der bezaubernden Heidelandschaft. Vernünftigerweise beschliessen Sie den Besuch mit einer Stippvisite im einzigen Hotel der Insel, dem «White House». Ein kleines Mittagessen oder noch besser: eine nostalgische Tea Time im gepflegten Garten krönen das Glück.

Unvernünftigerweise übernachten Sie gleich dort und geniessen, tief in die Plüschsessel des Salons vergraben, das wohlige Feuer im Kamin. Oder sitzen am Kai und beobachten die vielen Boote, die vor allem am Samstagabend im Hafen dümpeln und die Kinder, die mit Todesverachtung von der Hafenmauer ins höchstens 16 Grad kalte Meer springen.
SARK
Etwas grösser ist die Nachbarinsel Sark. Sowohl von Guernsey als auch von Herm aus ist sie mit einer kleinen Fähre zu erreichen. Das Anlegemanöver bei Ebbe ist abenteuerlich. Die Hafenmauer prangt dunkel und bedrohlich etliche Meter über den Köpfen der Ankommenden und kann nur über eine steile Treppe erklommen werden. Oben ist der Blick über das Meer und die benachbarten Inseln schlicht splendid. Ein Traktor mit offenem Anhänger fährt die Besucher hinauf auf den zentralen Platz der grössten Ortschaft, genannt La Segineurie. Genau genommen ist es auch die einzige Ortschaft. Das Zentrum besteht aus einer Handvoll schnuckeliger Häuser, einer Kreuzung und einer Hauptstrasse, genannt Avenue. An dieser residieren die zwei Banken.

Ab hier gibt es für die weitere Beförderung drei Möglichkeiten: zu Fuss, per Velo oder mit der Pferdekutsche. Tipp: Pferdekutsche nehmen. Zurück kommt man immer irgendwie mit dem Velo, die bei jeder Wirtschaft für Gäste oft gratis zur Verfügung stehen. Die Insel ist überschaubar, und darum kommt früher oder später sowieso alles irgendwie zu ihrem rechtmässigen Besitzer zurück.

So und jetzt ist es höchste Zeit für eine kleine, überbordende Unvernunft. Zugegeben, es geht ein ganz kleines bisschen an die Nerven und ins Geld. Aber es ist jeden Guernsey Penny wert: Ein Abstecher ins Paradies auf Erden, ein Besuch im Reich von Elizabeth Perrée, Queen of Sark. So zumindest lautet ihr Spitzname und ja, es schwingt ein leicht spöttischer Unterton mit. Das Reich von Elizabeth heisst La Sablonnerie, liegt auf dem Inselteil Little Sark, der nur durch einen wenige Meter breiten natürlichen Damm mit dem Rest der Insel, Big Sark, verbunden ist. Dieses Nadelöhr heisst bezeichnenderweise La Coupée und ist absolut spektakulär und nicht ganz ungefährlich. Die Klippen fallen mehrere 100 Meter steil ins Meer ab, und die Naturstrasse ist an diesem Punkt wenige Meter breit. Darum müssen Touristen die Kutschen verlassen und den Damm zu Fuss überqueren. Der Nervenkitzel lohnt sich, auf der anderen Seite lockt ein verwunschener Zaubergarten – und wenn jemand das Handwerk der sublimen Verführung aufs Trefflichste versteht, so ist es die Herrin von La Sablonniere. Madame Perrée begrüsst angekündigte Besucher aufs Überschwänglichste und in einer abenteuerlichen Mischung aus Französisch und Englisch. Schliesslich entstammt sie einer der alteingesessenen Familien von Sark, und bis zum Zweiten Weltkrieg wurde auf allen Kanalinseln weitgehend französisch gesprochen, genauer ein französisches Patois.

In La Sablonniere passt irgendwie alles: Verwinkelte Gebäude mit 22 Gästezimmern, eine niedrige Bar mit nostalgischem Charme und Kaminfeuer, eine mit Michelin-Sternen ausgezeichnete Küche und ein traumhafter Garten. Nach dem mehrgängigen Mittagessen draussen auf der Terrasse und einem kleinen Verdauungslikörchen bleibt nur ein Wunsch: auf einer der Bänke inmitten der duftenden Blütenpracht Platz nehmen und die Augen schliessen. In diesem Moment wird sich im Bauch ein wohliges Gefühl ausbreiten, und im Hirn reift die Erkenntnis, dass es das perfekte Paradies auf Erden tatsächlich gibt. Man sitzt grad mitten drin.
INFOS

Anreise: Die private Fluggesellschaft Blue Islands fliegt während der Saison drei Mal pro Woche von Zürich und Genf via Jersey nach Guernsey.
www.blueislands.com

Fähren: Fähren, welche die einzelnen Inseln miteinander verbinden, fahren mehrmals täglich. Die Verbindung von Jersey nach Guernsey (ca. 116 Franken ein Weg) sowie zum englischen und französischen Festland bedient die Condor Line:
www.condorferries.com
Zur autofreien Insel Herm fahren täglich mehrere Fähren von Trident Travel ab Guernsey. Fahrpläne und Preislisten unter:
www.herm.com
Zur Insel Sark kommt man von Guernsey aus mehrmals täglich mit der Sark Shipping Company:
www.sarkshippingcompany.com

Buchung: Da lauter kleine und kleinste Privatanbieter die Verbindung nach, zwischen und auf den Kanalinseln betreiben, empfiehlt es sich auch für hartgesottene Anhänger von Individualreisen, die wichtigsten Stationen vom Profi buchen zu lassen. Zum Beispiel bei Travelhouse/Falcontravel, einem Tochterunternehmen von Hotelplan Schweiz:
www.travelhouse.ch

Beste Reisezeit: Mai bis Oktober.
UNTERKUNFT

Guernsey
Das 4-Sterne-Hotel Fermain Valley liegt etwas ausserhalb von St. Peter Port auf Guernsey in einem romantischen Taleinschnitt. Exzellentes Frühstücksbuffet. Viele Zimmer haben einen Balkon mit Sicht aufs Meer. Vom Hotel aus führt eine kleine Strasse direkt hinunter in die gleichnamige Bucht mit Bar und Open-air-Terrasse. Hier kann man auch Kanus mieten, inklusive Neoprenanzug und zehnminütigen Crashkurses
Doppelzimmer ab Fr. 140.– pro Person.
www.fermainvalley.com

Le Chêne ist ein Familienbetrieb, hat zwar «nur» 2 Sterne, aber einen ausgezeichneten Ruf und gilt als äusserst gastfreundlich. Er liegt idyllisch zwischen Bäumen etwas ausserhalb von St. Peter Port an der Strasse zum Flughafen. Zu einem der schönsten Strände der Insel, der Petit Bôt Bay, sind es nur zehn Minuten zu Fuss durch einen Wald voller wilder Blumen. Fahrräder sind für Hotelgäste gratis, und im Pub spielt oft Livemusik. Doppelzimmer ab Fr. 116.– pro Person.
www.lechene.co.uk Herm
Das White House ist – abgesehen von zwei Campingplätzen – die einzige Übernachtungsmöglichkeit auf der autofreien Insel. 3 Sterne, grosser Garten, mehrere kleine Salons, ab Fr. 245.– pro Person im Doppelzimmer, inklusive Schiffstransfer ab Guernsey.
http://herm.com/hotel Sark
Liebevoll eingerichtete Zimmer, traumhaftes Essen und grandiose Umgebung. Das 3-Sterne-Hotel La Sablonnerie auf Little Sark ist jeden Penny wert. Doppelzimmer ab Fr. 172.– pro Person, inklusive Bootstransfer ab Guernsey.
www.sablonneriesark.com RESTAURANTS

Le Nautique: Täglich fangfrischer Fisch und Hummer, zubereitet vom Besitzer Gunter Botzenhardt, einem Norddeutschen mit viel Verständnis für Gäste, die lieber auf die schweren Saucen verzichten. Das Lokal ist gleich beim Hafen in St. Peter Port und gehört zu den Top 100 Restaurants in Britannien.
www.lenautiquerestaurant.co.uk

The Pavilion: Ausschliesslich lokale Produkte, kreativ verarbeitet von Starkoch und Inhaber Tony Leck. Er wurde für seine Brasserieküche mehrfach ausgezeichnet. Das Lokal liegt auf dem Gelände des St. Pierre Park Hotel auf einem schönen Parkgelände, etwas ausserhalb von St. Peter Port (ca. 20 Minuten zu Fuss).
www.thepavilion.co.gg UNBEDINGT MACHEN

Klippenwanderung: Die schroffe Küstenlandschaft im Südosten von Guernsey lässt sich nur zu Fuss erkunden. Das aber auf einem gut unterhaltenen Klippenweg, von dem es immer wieder kleine Abzweiger zu Bushaltestellen hat. Spektakuläre Aussicht und viel Wind sind garantiert. Der Weg beginnt in St. Peter Port und führt unter anderem durch den Bluebelle-Wald, der im vorletzten Jahrhundert bereits Victor Hugo zu entzücken vermochte, dieser badete übrigens gern im Meer in der Bucht des Fermain Valley.
http://deutsch.visitguernsey.com/guernsey.aspx

Little Chapel: Über Geschmack lässt sich nicht streiten, und das Aussehen der «Kleinen Kapelle» ist, nun, etwas fragwürdig. Grosser Respekt gebührt jedoch dem Erbauer für seinen Mut und seine Akribie, ein ganzes Gebäude aus lauter Porzellanscherben zu basteln. Mit dem Bau Anfang des 20. Jahrhunderts schuf der französische Mönch Déodat nicht weniger als die meistbesuchte Attraktion von ganz Guernsey. Und: In der Kapelle werden bis heute Gottesdienste abgehalten, und noch immer geben Mitmenschen der engeren und weiteren Umgebung Plastiktaschen voller Bruchgeschirr ab, denn an der Kapelle wird munter weitergewerkelt.
www.thelittlechapel.org SCHAUEN
Eigentlich kann man auf den Kanalinseln den Kopf drehen, wohin man will: Irgendetwas besonders Interessantes, Schönes oder Spektakuläres bekommt man immer vor die Linse. Auf den Überfahrten zu den kleineren Inseln, Herm, Sark oder Alderney, bekommt man allerdings sehr oft etwas ganz Spezielles zu sehen: Papageientaucher. Die Seevögel mit den auffälligen orangen Schnäbeln heissen in der Landessprache Puffins und sind in natura ziemlich klein. Trotzdem erkennen geübte Fährenkapitäne sie schon von Weitem mit blossem Auge und fahren schon mal etwas langsamer, damit die Gäste an Bord einen Blick auf die Winzlinge werfen können.
Es gibt sogar geführte Kajaktouren, die einen Blick auf die Puffins garantieren:
www.outdoorguernsey.co.uk WISSEN
Amtssprache auf den Kanalinseln ist Englisch. Nur noch wenige sprechen das ursprüngliche Patois, das «Norman French». Dieser mittelalterliche französische Dialekt aus der Normandie ist nach dem Zweiten Weltkrieg ausgestorben. Und zwar aus äusserst dramatischen Gründen. Am 28. Juni 1940 bombardierte Nazi-Deutschland Jersey und Guernsey und nahm die Inseln ein. Kurz zuvor war es den Bewohnern gelungen, alle Kinder aufs englische Festland in Sicherheit zu bringen – in der Annahme, dass die Okkupation in wenigen Monaten vorüber sein würde. Tatsächlich dauerte sie fünf Jahre. In dieser Zeit lebten die Kinder bei englischen Pflegefamilien und in Heimen. Sie kehrten als Teenager, komplett anglifiziert und völlig von ihren Familien entfremdet in ihre Heimat zurück. Diese Zäsur haben die Menschen auf den Kanalinseln noch nicht ganz verkraftet und reden entsprechend ungern über diese Zeit.
Trotzdem oder gerade deswegen lohnt sich ein Besuch im zwei Kilometer langen, unterirdischen deutschen Militärspital. Zwangsarbeiter aus verschiedenen europäischen Ländern hatten dieses architektonische «Monument faschistischen Wahns» in dreieinhalb Jahren aus dem Fels brechen müssen. Es wurde im Originalzustand belassen. Noch immer stehen einzelne Bettgestelle drin, und auch deutsche Aufschriften an den Wänden sind erhalten geblieben.
www.visitguernsey.com/-German-military-underground-hospital

Autor: Ruth Brüderlin