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06. April 2015

Sara Schätzl über ihre Bulimie

Die Schauspielerin und Kolumnistin Sara Schätzl litt jahrelang heimlich unter Bulimie und schrieb schliesslich ein Buch darüber. Das Gespräch mit ihr führtet Silvia Aeschbach, die ihre Panikattacken auch schriftstellerisch verarbeit hat.

Sara Schätzl war in München ein Star, heute lebt sie mit ihrem Sohn in Los Angeles
Sara Schätzl war in München ein Star, heute lebt sie mit ihrem Sohn in Los Angeles (Bild: Caro/Keystone).

Sara Schätzl, jahrelang haben Sie als Partygirl und Schauspielerin ein beneidenswertes Leben geführt. Wie sah es damals in Ihnen aus?

Ich war eine Kunstfigur: laut, witzig, von sich selbst überzeugt. Um mich herum hatte ich eine Mauer gebaut. Dahinter gab es nur mich und meine Krankheit. Innerlich war ich zutiefst einsam.

Wir haben beide ein Buch über unsere Krankheiten geschrieben. Sie eines über Bulimie, ich über meine Panikattacken. Warum sind Sie an die Öffentlichkeit gegangen?

Ich war nach meiner zweiten Sendung bei Vox, «Auf und davon», an einem Punkt, an dem ein grosses Publikum sich für mich und mein Leben interessierte. Ich bekam viele Zuschriften von Menschen mit dem Tenor «Ich wäre so gern so mutig und furchtlos wie du …». Die Leute dachten, ich könne Dinge, die sie nicht können, weil sie dachten, ich sei so viel stärker als sie. Ohne es zu beabsichtigen, hatte ich eine Halbwahrheit kommuniziert. Ich bin weder stärker noch furchtloser oder selbstbewusster als die Zuschauer.

Aber Sie hatten dann den Mut, Ihre Krankheit zu offenbaren.

Ich öffnete mich, um zu zeigen, wie zerbrechlich ich wirklich war und wie viel Angst ich oft hatte. Der einzige Unterschied zwischen mir und manchen Zuschauern ist: Ich lasse mich von meinen Ängsten nicht stoppen. Ich folge meinen Träumen mit dem Herzen eines naiven Kinds.

Sie waren zwölf Jahre lang bulimisch, assen in kurzer Zeit so viel Nahrung wie möglich und übergaben sich danach. Wieso?

Ich kann mich an keine Ursache erinnern. Aber ich kenne heute die Wurzel meiner Krankheit: fehlende Selbstliebe. Ich mochte mich keinen Tag meines Lebens, bevor ich in Therapie ging.

Sie haben lange über Ihre Krankheit geschwiegen. Wie haben Sie diese Heimlichkeiten erlebt?

Die Krankheit war mein einziger Verbündeter, sie war alles für mich, Ersatz für Freundinnen und Partner. Ich hatte quasi einen Geheimbund mit der Bulimie, wir waren die einzigen zwei Klubmitglieder.

Silvia Aeschbach ist langjährige Journalistin und litt unter Panikattacken und schrieb einen Bestseller über ihre Erlebnisse.
Silvia Aeschbach ist langjährige Journalistin und litt unter Panikattacken und schrieb einen Bestseller über ihre Erlebnisse.

Wieso redet man in der Öffentlichkeit so selten über Krankheiten wie unsere?

Als Magersüchtige wirst du oft bemitleidet. Bulimie aber ist mit Ekel verbunden, und als Betroffene fühlt man nur Scham. Wie war das bei Ihnen?

Ich erzählte ganz wenigen Menschen von meinen Panikattacken, weil ich mich für meine vermeintliche Schwäche schämte. Nachdem ich mein Buch geschrieben hatte, fühlte ich eine Art Zufriedenheit in mir, weil sich so viele Leser bei mir für meine Offenheit bedankten und sagten, dass ich ihnen geholfen hätte. Das Buch habe ich in drei Monaten geschrieben – wie war das bei Ihnen?

Ich schrieb und schreibe jeden Tag Tagebuch. Das ist mein Ventil und ein reinigender Prozess. Das Buch entstand hauptsächlich aus meinen Tagebucheinträgen und war daher in wenigen Wochen fertig.

Mir wäre es manchmal lieber gewesen, ich hätte eine körperliche Krankheit statt einer psychischen. Geht es Ihnen auch so?

Nein. Ich wusste, dass ich meine Dämonen besiegen kann, wenn ich lerne, das Leben genug zu lieben. Das ist bei Krebs oder MS nicht der Fall.

Was hat sich seit Ihrem Coming-out verändert?

Alles. Meine Essstörung nahm ja viel Platz in meinem Leben ein. Täglich habe ich zwei bis drei Stunden gegessen und mich übergeben. Der Raum, den die Bulimie gefüllt hat, fülle ich mit neuen Dingen. Ich gehe jetzt in dieser Zeit spazieren, verbringe Zeit mit meinem Sohn, gehe schwimmen. Kurz, ich habe gelernt, das Leben wertzuschätzen.

Sie haben wie ich eine Therapie begonnen. Ist es Ihnen gelungen, die Lücke auf Anhieb zu füllen, welche die Bulimie hinterliess?

Nein, ich musste es lernen. Ich machte mir Listen wie: jeden Tag 30 Minuten spazieren gehen, eine Stunde an den Strand und so weiter. Nach einem Jahr gehen diese Dinge nun automatisch. Mussten Sie Ihr Leben auch wieder neu organisieren?

Bei mir war das anders, die Panik bestimmte zwar mein Leben, aber ich funktionierte äusserlich immer, und nur ganz wenige Menschen wussten davon. Insofern bin ich heute einfach glücklich, dass ich mich freier bewegen kann. – Viele Menschen mit Suchtcharakter legen eine Sucht ab und nehmen eine andere an. Hatten Sie damit Probleme?

Ich habe in der Therapie gelernt, einen gesunden Umgang mit meinen Gefühlen zu finden. Viele Menschen, die Gefühle wie Traueroder Einsamkeit nicht aushalten können, fliehen ja in die Sucht

Warum ist Bulimie in erster Linie ein weibliches Problem?

Es ist nicht leicht, Frau zu sein. Wie du es machst, ist es falsch. Bleibst du als Mutter zu Hause, bekommst du keinen Respekt, und als Berufstätige bist du eine Rabenmutter. Ausserdem wird uns von den Medien ein Schönheitsideal eingetrichtert, das 99 Prozent der Frauen nicht erreichen. Wie sollen wir uns selber lieben, wenn wir mit Barbies und «Germanys Next Topmodel» aufwachsen? Ich hatte jedenfalls das Gefühl, nie zu genügen.

Und heute?

Es ist ein ganz neues Lebensgefühl. Nicht alles ist besser als zuvor, denn viele Menschen verstehen meine Krankheit nicht. Aber das bezeichne ich als «natürliche Auslese». Wer mich als sensibles Weichei nicht will, der ist eben nicht richtig in meinem Leben. Das ist okay.

Vielfach ist es für das engere Umfeld schwierig, mit einer psychischen Erkrankung umzugehen. Wie war das bei Ihnen?

Mein Umfeld wusste ja nichts von meiner Krankheit, und die, die es hätten wissen können, wollten es nicht sehen oder hatten nicht genug Interesse an mir. Oft sind die Gedankengänge von Menschen mit Essstörungen oder Panikattacken für andere nicht nachzuempfinden. Dafür habe ich Verständnis.

Sind Sie jetzt eine Expertin für Bulimie? Werden Sie von Anfragen überhäuft?

Ich bekomme unzählige E-Mails und bin sehr froh darüber. Für viele Mädchen bin ich die Erste, der sie sich öffnen – das ist eine Ehre. Ich motiviere sie dann, sich Hilfe zu suchen. Jeden Abend beantworte ich eine Stunde oder länger Mails und hoffe, helfen zu können.

Ich hatte meine erste Panikattacke mit 17 Jahren, Sie Ihren ersten bulimischen Anfall mit 14. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Pubertät und dem Ausbruch?

Ich glaube schon. In diesem Alter hat man die grössten Selbstzweifel. Man beginnt sich fürs andere Geschlecht zu interessieren. Und man will gefallen. Kommt man nicht an, kann das schwierig werden.

Sie sind auch äusserlich eine andere geworden, wirken reifer, ausgeglichener und schöner. Sehen Sie im Spiegel eine andere Person als vor ein paar Jahren?

Ich finde, was man auf den Fotos sieht, ist nicht nur das Aussehen, sondern auch die Aura. Da sehe ich einen Unterschied wie Tag und Nacht. Mein Körper hat sich verändert. Und ich habe Rückgrat.

Ich habe, wie Sie, jahrelang mit einem Mann zusammengelebt, der nichts von meiner Krankheit wusste. Wie lief das bei Ihnen?

Ich war unglaublich geschickt und habealles so organisiert, dass mein Mann nichtsgemerkt hat.

Schätzl litt zwölf Jahre an Bulimie: Sie ass täglich zwei bis drei Stunden und übergab sich anschliessend. Ihr Umfeld wusste nichts davon.
Schätzl litt zwölf Jahre an Bulimie: Sie ass
täglich zwei bis drei Stunden und übergab sich anschliessend. Ihr Umfeld wusste nichts davon.

Konnte er Ihnen nicht helfen?

Ich hatte bei meiner Partnerwahl nie ein glückliches Händchen. Die Männer waren nicht richtig an mir interessiert, wollten nicht hinter meine Fassade schauen.

Meine Panikattacken sind nach Verlusten in meinem Leben immer wieder stärker aufgetreten. Wie war das bei Ihnen?

Einsamkeit und Leere sind die Türöffner für Süchte. So war das auch bei mir.

Sie sagen allerdings auch, dass die Bulimie Ihre beste Freundin war. Warum?

Sie war immer da, wenn es sonst keiner war und das Chaos und die Angst in meinem Kopf zu gross wurden. Die Verbindung einer Süchtigen zu ihrer Lieblingsdroge eben.

Sie schreiben: «Bulimie ist die Hand, die mich auffängt und eines Tages umbringen wird. Das klang nach einem fairen Deal.» Weshalb kam es nicht dazu?

Das war wegen meines Sohns. Plötzlich war ich Jemandes Mutter. Und selbst wenn ich bereit war, Sara sterben zu lassen, die Mutter meines Sohns keinesfalls. Er brauchte mich.

Wie haben Sie sich während der Schwangerschaft gefühlt?

Grossartig. Ich habe mich nie übergeben.

Was bedeutet Ihr Kind für Sie?

Alles. Es ist erstaunlich, wie viel er mir täglich über das Leben beibringt. Ich entdecke vieles durch ihn und mit ihm zum ersten Mal.

Heute gelten Sie als gesund. Haben Sie Angst vor Rückfällen?

Es wäre sehr arrogant und unvorsichtig, das nicht zu haben. Ich war so lange krank – das vergesse ich nie.

Wie wichtig ist das Essen heute für Sie?

Essen war lange Zeit Droge, Waffe und Feind zugleich. Momentan schliessen wir Frieden und lernen uns neu kennen. Ich habe sogar mit einem Kochkurs angefangen.

Mussten Sie auch mit Vorwürfen umgehen, Sie hätten Ihre Krankheit benutzt, um in der Öffentlichkeit zu stehen?

Nein, denn Journalisten sind nicht dumm. Die kennen mich seit zehn Jahren aus der Klatschpresse. Es ist also unbestritten, dass ich weiss, wie ich viel Wirbel um nichts machen kann. Darauf bin ich nicht stolz, aber es ist ein Fakt. Ich muss nicht das düsterste und privateste Kapitel meines Lebens auf den Tisch legen, um Presse zu haben.

Planen Sie, in den USA zu bleiben?

Los Angeles ist seit 2013 meine Heimat. Hier hat meine neue Entwicklung angefangen. Ich lebe hier mein Leben Tag für Tag und mache mir keine grossen Gedanken über morgen.

Wie sehen Sie Bulimie heute?

Es können die schönsten, intelligentesten Menschen darunter leiden. Und: Jeder Süchtige kämpft einen Kampf mit sich. Das dürfte Ihnen nicht anders gegangen sein.

Das ist so. – Was sind Ihre nächsten Pläne?

Glücklich sein.

Autor: Silvia Aeschbach