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10. Juni 2014

Sandkasten-Rambos

Die «Mamma Mia!»-Kolumnistin widmet drei Beiträge dem Spielplatz. Im ersten verrät sie, wann Gedanken an Selbstjustiz aufkommen.

Manchmal wäre frau versucht
Manchmal wäre frau versucht ... (Illustration Oreste Vinciguerra)

Ich liebe Spielplätze. Nicht wegen der Rutschen – dafür ist mein Hintern zu breit –, sondern wegen der ungezwungenen Atmosphäre, die dort herrscht. Diese Areale sind ein Eldorado für ausgebrannte Eltern. Man kommt, man setzt die Kinder in den Sand – und dann lässt man sich auf eine der Bänke plumpsen und fängt an zu relaxen. Hach, wie schön die Sonne scheint …

Diese Wellness-Quickies haben aber einen Nachteil: Manche Mütter (und Väter) sind binnen Sekunden so tiefenentspannt, dass sie glatt verpassen, dass die elterliche Aufsichtspflicht auch auf dem Spielpi gilt. Schlimmer noch: Sie nehmen eine Auszeit von der nervenaufreibenden Erziehungsarbeit. Macht ja nix, dass die Anne-Sophie jetzt weint, weil der kleine Lewin ihr den Sand ins Auge geschaufelt hat. Kein Problem, dass David brüllt – der liebe Lewin hat ihm den Bagger sicherlich nur aus Versehen entrissen. Nicht schlimm, dass Ninas Salzbretzeli jetzt im Dreck liegt. Man muss nämlich wissen: Der Lewin steckt gerade in einer Wurfphase. Er muss alles durch die Gegend feuern, vielleicht wird er mal Baseballspieler, hahaha.

Ich lach mich tot. Ist ja auch total herzig, dieser kleine Lewin. Und wie viel Kraft der schon hat.
«Aua, Lewin, das tat weh! Du darfst doch keine Kieselsteine nach mir werfen!»
Lewin grinst in meine Richtung und lädt nach. Ich wiederhole meinen Satz, dieses Mal eine Spur zu laut und einen Tick hysterischer. Nix. Okay, ich besinne mich auf meine Vorbildfunktion und sende eine Ich-Botschaft: «Lewin, ich möchte nicht, dass du Steine nach mir wirfst. Man darf übrigens überhaupt keine Steinchen auf Menschen und Tiere werfen. Insbesondere nicht auf Mütter! Das ist böse und gemein.» Parallel dazu schicke ich sehr laute Gedanken in die Richtung meiner Sitznachbarin: Lewin-Mami, entweder du bremst dein verdammtes Balg ein, oder ich vergesse mich. Bisher war mein Eingreifen ja eher eine Art Ratschlag, ein gut gemeinter Tipp an dein beratungsresistentes Kind. Ich kann aber auch anders. Ich bin eine Löwin. Kannst du es hören? Rooooooaaaarrrrr! Die Lewin-Mutter ist aber auf dem Ohr taub. Sie ignoriert mich. Komplett. Das tut viel mehr weh als Lewins Kieselsteinchen.

Dann kommt doch noch eine Reaktion:
«Ich sage ihm auch immer, dass wir keine Steine werfen. Gell, Schätzeli, das machen wir nicht. Schimpfen Sie ruhig mit ihm, er muss es ja lernen.»

Hä? Habe ich das Kind adoptiert? Ist es mir zugelaufen? Betreibe ich ein privates Boot Camp? Das bedeutet Krieg! Nun brennt die Luft. Meine Töchter gucken in meine Richtung und warten auf den Showdown. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie das Schauspiel ein wenig geniessen. Was merkwürdig ist. Und gleichzeitig beruhigend. Ida und Eva spielen in meinem Team. Die Mütter von Anne-Sophie, David und Nina übrigens auch. Es fehlt nicht viel, und die Frauen rollen ein Banner für mich aus. «Go, Bettina go! Roooooaaar!»

Ich überlege kurz, was ich nun am liebsten machen würde. Hmmm ... Das Erste, was mir in den Sinn kommt, ist ein Baseballschläger. Nicht so ein Schaumstoffding, sondern ein Modell aus Holz. Ein kleiner Schlag mit der Keule, und der Sandkasten-Rambo würde mindestens bis zur dritten Base fliegen. Vielleicht würde es sogar noch für einen Home Run reichen. Sie wissen schon, das ist der Moment, in dem die Mutter ihr ungezogenes Balg an sich reisst (um es vor der bösen Frau mit dem irren Blick zu beschützen), mit viel Drama ihre sieben Sachen einsammelt und vom Feld galoppiert. Bevor Sie jetzt Amnesty International anrufen: Das ist nur ein Gedankenspiel.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Oreste Vinciguerra