Archiv
07. April 2014

San Sebastián: Auf ein paar Pintxos nach Donostia

Weisse Strände, internationale Festivals, authentische Tapasbars, hochdotierte Sternerestaurants: San Sebastián hat eine Menge zu bieten. 2016 ist die baskische Perle am Atlantik Kulturhauptstadt Europas.

Die muschelförmige Bucht (Concha heisst Muschel) bei San Sebastian
Die muschelförmige Bucht (Concha heisst Muschel) mit ihrem Sandstrand aus zwei Perspektiven.
Babette Neukirchen am Strand von San Sébastian
Babette Neukirchen am Strand von San Sébastian.

Ausgewandert

Name: Babette Neukirchen (40)

Beruf: Sozialwissenschafterin und Mutter

In San Sebastián seit: Frühling 2011

Grund: Jobangebot ihres Ehemanns

Vorher gelebt: Aufgewachsen in Luzern, gelebt in Bern, Barcelona und Madrid

Stellen Sie sich eine Stadt mit einem kilometerlangen Sandstrand vor. Das Meer schimmert türkis wie in der Karibik. Dahinter breiten sich die besten Restaurants der Welt und eine rekordhohe Dichte an Tapasbars aus. Und trotzdem stehen einem nur wenige Touristen im Weg. Traum? Nein, Wirklichkeit! Diese Stadt gibt es tatsächlich. Sie heisst San Sebastián, befindet sich im spanischen Baskenland am Golf von Biskaya und ist Arbeitsort des Nati-Fussballers Haris Seferovic von Real Sociedad.

Um Schönheit und Zauber dieser Stadt in ihrer ganzen Pracht zu erfassen, fährt man am besten gleich nach Ankunft mit der klapprigen Funikularra, der Standseilbahn, den Hausberg Monte Igeldo hoch. Von dort hat man einen schönen Blick auf die bei Joggern beliebte Promenade und den 40 Meter breiten Badestrand der Playa de La Concha. Auf Baskisch heisst der Strand allerdings Kontxako Hondartza. Man merke: Wir sind hier im Baskenland. Und nur Anfänger meinen, dass das überall auf den Stadtkarten erwähnte Donostia ein Stadtteil des noch kaum entdeckten Reiseziels ist. Donostia – so nennt sich San Sebastián auf Baskisch. Eine Einheimische ist demnach eine Donostiarra.

Die Liebe lockte sie nach San Sebastián

Ein klein bisschen Donostiarra ist auch Babette Neukirchen (40), die mit ihrem baskischen Mann und ihrer Tochter Lily (5) und Sohn Rafael (2) im Frühling 2011 nach Donostia gezogen ist. Die Luzernerin entschloss sich allerdings nicht zu diesem Schritt, weil die Schönheit San Sebastiáns sie anzog, sondern weil ihr Mann, von Beruf Sozialwissenschafter, im Baskenland eine interessante Stelle gefunden hatte.

Jogger an der Promenade um die Playa de La Concha.
Die Promenade um die Playa de La Concha lädt zum Joggen ein.
Surfer am Strand von Zurriolako.
Am zweiten Stadtstrand Zurriolako beim Kursaal tummeln sich die Surfer.

«San Sebastián ist sehr velofreundlich», sagt sie über ihr neues Zuhause, das in etwa gleich viele Einwohner zählt wie Genf. «Ich bin schnell am Strand oder im Park. Dabei schätze ich es, dass unsere Tochter in den Kindergarten der deutschen Schule gehen kann.» Die Familie Neukirchen hat im Stadtteil Antiguo, erhöht über der Kontxako Hondartza gelegen, ein Haus mit drei Zimmern gemietet. Auch für die zweifache Mutter gehört diese Kontxako Hondartza zu einem der schönsten Stadtstrände Europas. «Mit Kindern in einer Grossstadt wie Barcelona oder Madrid zu leben, ist mühsam. Donostia hingegen ist sehr grün und übersichtlich, hat allerdings auch die höchsten Immobilienpreise Spaniens.» Den Grund für das saftige Grün darf man nicht verheimlichen: In der Wetterküche Spaniens regnet es an 149 Tagen. Txirimiri heisst er, der typische, feine Regen. Trotzdem klettern die Temperaturen im Frühling, Herbst und Winter meist höher als im Schweizer Mittelland.

San Sébastian ist sehr velofreundlich, grün und übersichtlich. – Babette Neukirchen.

«Ausserdem ist San Sebastián eine kulinarische Topstadt», sagt Babette Neukirchen weiter. Das ist keine Einzelmeinung, sondern eine Tatsache: Auf der renommierten Liste «The World’s Best Restaurants 2013» von San Pellegrino und Acqua Panna figurieren mit dem «Mugaritz» (Rang 4) und dem «Arzak» (8) gleich zwei Gourmettempel aus San Sebastián in den Top 10. Neun Restaurants vereinen 16 Michelin-Sterne. «Es muss aber nicht zwingend ein Drei-Sterne-Lokal sein», so Neukirchen. «Auch in der kleinen Tapasbar Tximista an der Plaza de la Constitución zum Beispiel isst man phänomenal.»

Pintxoslokal Casa Tiburcio in der Altstadt von San Sébastian.
Die Casa Tiburcio (links) ist eines von 148 Pintxoslokalen inmitten der schönen Altstadt mit seiner dominanten Plaza Constitución (unten links) und der Fussgängergasse Fermín Calbetón.
Plaza Constitución

San Sebastián ist quasi der Geburtsort der Tapas – die eigentlich Pintxos heissen. Allein in der Altstadt stehen 148 Pintxoslokale zur Auswahl, wobei man es wie die Donostiarras machen sollte: In den engen Fussgängergassen wie der Fermín Calbetón, der Calle Mayor oder der 31 de Agosto zieht man von Lokal zu Lokal und geniesst in den einzelnen Pintxobars ein paar Häppchen. Diese sind meist auf einem Baguette aufgespiesst und bestehen aus Sardinen, Meeresfrüchten, Brie, Blauschimmelkäse, Blutwurst, Artischocken oder Quittengelee – Salziges und Süsses vermählen sich im Gaumen harmonisch. Dazu bestellt man einen Hondarribia, den lokalen Weissen, oder einen Cidre, der kunstvoll aus über einem Meter Entfernung eingeschenkt wird. Das Schönste zum Schluss: Der Gast sagt, wie viele der köstlichen kleinen Dinger er verschlungen hat, und bezahlt für neun Pintxos und ein Glas Wein 20 Euro.

Der grösste Gastronomieklub ist fest in Männerhand

Nun könnte man die Einheimischen boshaft als verfressen bezeichnen. Denn Gastronomie ist Teil ihrer Lebenskultur. So werden im Restaurant des von Rafael Moneo entworfenen Kongresszentrums Kursaal, wo auch das Film- und Jazzfestival ausgetragen wird, Tapaskurse durchgeführt. Selbst während des Filmfestivals gelten jedoch die Pintxos als die eigentlichen Stars. Seit 2011 hat San Sebastián ausserdem eine Universität für Gastronomie, das Basque Culinary Center – das erste seiner Art in Spanien. Und schliesslich sind über 10'000 Einheimische in 200 gastronomischen Vereinigungen organisiert. Die grösste, die Gastronomiazko Euskal Anaiartea, zählt 300 Mitglieder. Gerade einmal 20 davon sind Frauen – was in einer Stadt des Matriarchats aussergewöhnlich ist. Seit 1879 kocht und isst «man» unter Freunden in diesem Clubhaus. In den Sociedades macht das Matriarchat offenbar Pause.

Belebte Fussgängergasse Fermín Calbetón am Abend.
In der Fussgängergasse Fermín Calbetón ist immer etwas los.

Diverse Einflüsse haben Donostia zur gastronomischen Hochburg geformt. Einer ist historisch bedingt: Zwischen San Sebastián und dem französischen Biarritz fühlten sich Aristokraten wie Maria Christina von Österreich seit jeher wohl. Sie lockten mit ihrer Präsenz die besten Köche der Haute Cuisine an. Die Nähe zu Frankreich, zum Meer und die hohe Qualität lokaler Produkte waren und sind ein idealer Nährboden für kulinarische Höhenflüge. McDonald’s hingegen – kein Wunder – ist hier fast fehl am Platz. Eine einzige Filiale hat sich in der Stadt eingenistet. Die Einheimischen essen einen Hamburger lieber in der Tapasvariante – geschätzte zehn Mal kleiner als das Original.

Fussgänerzone vor der Kathedrale in San Sébastian.
Die Fussgängerzone, die bei der Kathedrale endet, lädt zum Flanieren und Einkaufen ein.
Gäste im Café in der Fussgänerzone von San Sébastian
Fussgänerzone vor der Kathedrale in San Sébastian

Ebenso angetan wie von den Restaurants in San Sebastián ist Babette Neukirchen von den traditionellen Sidrerias, den Mostbauernhöfen auf dem Land. Am liebsten fährt die einstige IKRK-Mitarbeiterin, die in Burma, Eritrea und im Irak stationiert war, in zehn Minuten nach Astigarraga, wo man den sauren Most (Sidra) zwischen riesigen Holzfässern geniesst. «Wenn man Richtung Frankreich reist, taucht ein Strand nach dem anderen auf. Und Kulturinteressierte sollten unbedingt einen Ausflug zum Guggenheim-Museum in Bilbao ins Auge fassen», rät Neukirchen weiter.

Viele verbinden das Baskenland nach wie vor mit der radikal-nationalistischen Untergrundorganisation ETA und deren gewalttätigen Anschlägen im letzten Jahrhundert. Die Frau vor Ort beruhigt: «Die Polizeipräsenz in Donostia hat merklich abgenommen, seit die ETA 2011 einem Waffenstillstandsabkommen mit der spanischen Regierung zugestimmt hat», so Neukirchen.

Dazu passt, dass Donostia 2016 den Titel Kulturhauptstadt Europas tragen darf. Bei diesem Grossanlass soll der Frieden ein zentrales Thema sein.

Standseilbahn in San Sébastian.
Empfehlenswert ist eine Fahrt mit der Standseilbahn.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Gunnar Knechtel