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08. April 2013

Samtpfoten fürs Gemüt

Tiere steigern die Lebensqualität und fördern die Gesundheit. In vielen Altersinstitutionen sind deshalb vierbeinige, geschuppte oder gefiederte Gefährten sehr willkommen.

Till und Felix 
lassen sich gern verwöhnen von den Bewohnern des Alterszentrums Frauensteinmatt in Zug.

Mausi sitzt im Esszimmer auf dem Fenstersims zwischen Vorhang und Glasscheibe, schaut aufmerksam hinaus und bewegt leise ihren Schwanz hin und her. Rösly Roth (91) streichelt die helle Tigerkatze und redet beruhigend auf sie ein. «Ich bin mit Katzen aufgewachsen», sagt sie und erzählt, wie sie schon als kleines Mädchen jeweils überzählige Katzenbabys versteckt und so vor dem sicheren Tod bewahrt habe. Im Altersheim Torfnest ist sie die Katzenmutter: Die heimeigenen Stubentiger — neben Mausi gehören auch Leo, Lina und Seniorin Scheggli dazu — dürfen sogar auf ihrem Bett schlafen.

Das «Torfnest» mit Altersheim, Bauernhof und Nebengebäuden liegt ausserhalb des Dörfchens Oberegg, unweit von Heiden im appenzellischen Hügelland. 1979 übernahmen Doris und Max Fürer den Betrieb — er als Landwirt, sie als Heimleiterin. Das Paar lebt mit seinen Bewohnerinnen und Bewohnern zusammen. «Wie in einer grossen Familie», sagt Doris Fürer. Zu dieser Familie gehörten früher auch noch die inzwischen ausgeflogenen fünf Kinder — und bis heute Tiere, drinnen und draussen.

Die positiven Auswirkungen sind längst bewiesen

Haustiere gehören zum Alltag — auf dem Land und in der Stadt, bei Kindern und Erwachsenen. «Der Kontakt zu Tieren entspricht einem grossen Bedürfnis», sagt Barbara Schaerer, Fachfrau für tiergestützte Fördermassnahmen und Leiterin der Fachstelle Leben mit Tieren im Heim. Das werde im Alter nicht anders. Dieser Tatsache tragen mittlerweile die meisten Altersinstitutionen in irgendeiner Form Rechnung — umso mehr, als die positiven Auswirkungen von Hund und Katze, Fisch oder Vogel, Zwergziege oder Hühnervolk auch wissenschaftlich längst bewiesen sind.

Heiri Brunner sorgt für das Federvieh, das zum Altersheim Torfnest im Appenzeller Vorderland gehört.
Heiri Brunner sorgt für das Federvieh, das zum Altersheim Torfnest im Appenzeller Vorderland gehört.

Diverse Studien belegen: Tiere tun Körper, Geist und Seele wohl. Im Umgang mit einem Tier — schon beim Betrachten eines Aquariums — senken sich Blutdruck und Herzfrequenz. Tierhalter brauchen weniger Medikamente, suchen seltener einen Arzt auf und leiden weniger unter Schlafproblemen. Tiere sind Tröster in der Not, eine Stütze in schwierigen Lebenslagen und Gesprächspartner in der Einsamkeit. Sie beruhigen, geben dem Alltag eine Struktur und lenken von Problemen ab. Ob mit Pfoten, Flügeln oder Flossen: Tiere sind Gesprächsthema und Kontaktvermittler.

Tiere bringen 
Freude ins Zentrum, ist Leiterin Diana Brand überzeugt.
Tiere bringen 
Freude ins Zentrum, ist Leiterin Diana Brand überzeugt.

«Tiere zaubern ein Lächeln auf die Gesichter von Bewohnern und Mitarbeitern», sagt Diana Brand, Leiterin des ­Alterszentrums Frauensteinmatt in Zug. Auf ihre Initiative hin kamen vor einem Jahr Till und Felix, zwei schwarzweisse, damals halbjährige Katerchen ins Zentrum, die sich in der Zwischenzeit zu zutraulichen Schmusekatzen entwickelt haben. Till fährt gerne Rollator, und Felix lässt sich am liebsten stundenlang auf einem warmen Schoss streicheln. «Tiere bringen Freude ins Zentrum, geben dem Leben Inhalt und bereichern den Alltag.»

Die Kater geniessen den lebhaften Betrieb in der Cafeteria

Für Diana Brand erledigen Tiere im Heim einen Job. Darum hat sie sich bei der Auswahl von Till und Felix viel Zeit gelassen und die Umgebung im Alterszentrum gut auf die Samtpfoten vorbereitet. «Ich bin überzeugt, dass unsere Katzen ihrem Job tatsächlich gern nachgehen», sagt die Zentrumsleiterin. Obwohl sie jederzeit durchs Katzentürchen ins Freie verschwinden oder sich in eines der Büros zurückziehen könnten, seien sie gern unter den Leuten: «Zur Mittagszeit sitzen sie sehr oft auf dem Katzenbaum in der Cafeteria und geniessen den lebhaften Betrieb.»

Nach getaner Arbeit: Heiri Brunner geniesst 
zusammen mit Karl Schmid die Ruhe auf dem «Feierabendbänklein».
Nach getaner Arbeit: Heiri Brunner geniesst 
zusammen mit Karl Schmid die Ruhe auf dem «Feierabendbänklein».

In vielen Altersinstitutionen ist es im Gegensatz zu früher grundsätzlich auch möglich, dass eigene Tiere mitgenommen werden können. Fachleute raten, jede Anfrage individuell abzuklären und die getroffenen Vereinbarungen in einem Zusatzvertrag festzuhalten (siehe Box oben). Längst nicht überall lassen sich Tiere so problemlos integrieren wie im «Torfnest», wo die 81-jährige Helene Weibel ihre Gans, zwei Kaninchen und zwei Zier­vögel mitbringen durfte. Für Heimleiterin Doris Fürer ist es selbstverständlich, dass Helene Weibel für ihre Tiere selber sorgen muss. «Helene hat so eine Aufgabe und Verantwortung — das trägt viel zum Wohlbefinden im Alter bei.»

Auch Heiri Brunner ist stolz auf seine Arbeit, die er im «Torfnest» zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter erledigt. Er macht sie gern und zuverlässig: Jeweils am Morgen und am Abend geht der 75-Jährige zu Max Fürer in den Stall. Er ist verantwortlich für die Hühner, füttert sie, sorgt für frisches Wasser und liest die Eier auf. Und er hilft, wenn die 60 Kühe des Meisters auf die Weide getrieben und wieder in den Stall zurückgeholt werden: «Aber den Stecken, den brauche ich nie für die Kühe. Der ist nur für mich, damit ich mich darauf abstützen kann.»

Autor: Usch Vollenwyder

Fotograf: Tina Steinauer