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24. Februar 2014

Ein Tag auf der Hütte

Ein Saisonjob auf einer Skihütte? Klingt nach viel Party und noch mehr Spass. Für die Mitarbeiter der Aroser Tschuggenhütte, des grössten bedienten Pistenrestaurants der Schweiz, heisst es an einem schönen Wochenende aber vor alles eines: Vollgas geben. Migrosmagazin.ch stellt dazu die Berghütten der Superlative vor (rechts) – fehlt Ihr Favorit noch?

Remo mit Mütze und Sonnenbrille legt die Decken auf die vielen Liegestühle; im Hintergrund das Bergpanorama
Ruhe vor dem Sturm: Morgens um 9 Uhr bereiten Remo und seine Arbeitskollegen die Terrasse für die zahlreichen sonnenhungrigen Schneesportler aus dem Unterland vor.

Still ruht die Bergwelt ob Arosa GR in der Morgendämmerung. Selbst die Natur scheint zu schlafen. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Denn heute ist Samstag, und der Wetterbericht meldet: unten Grau, oben Blau.

Remo mit einem riesigen Besen in der Hand auf der Terrasse; im Hintergrund Skilift und Bergpanorama.
Verschlafen darf nicht sein: Remo befreit die Terrasse vom Schnee.
Juliane bestückt die Rattansessel mit Kissen.
Juliane beim Einrichten der Lounge am frühen Morgen.

In der Tschuggenhütte, der grössten bedienten Pistenbeiz der Schweiz, ist die Belegschaft bereit für die erwarteten Horden aus dem Unterland: Alle 64 Mitarbeiter stehen im Einsatz.

Auf der Terrasse stemmt Christian (35) den Besen in den Schnee. Zum Glück hat es bloss Verwehungen. Liegt viel Schnee, muss die Schaufel her, dann kommt man selbst bei grosser Kälte ins Schwitzen. Und das wäre an diesem Morgen besonders hart: Denn weil Laura (23) von der Bar heute Geburtstag hat, ist es gestern spät geworden. Erst war man im Partylokal Halli Galli, und später zog die festfreudige Truppe weiter in den Kursaal.

Christian kommt aus Deutschland, hat Sport und Kommunikation studiert und ist im Sommer jeweils in der Erlebnispädagogik tätig. «Das ist meine erste Saison in den Bergen. Aber sicher nicht die letzte.» Die Stimmung im Team sei super, die Kulisse wunderschön. Das glaubt man ihm sofort: Während an der Südflanke des Schiesshorns die Wintersonne in den Himmel klettert, arbeiten er und seine Kollegen Hand in Hand. Eine Stunde später ist die Terrasse vom Schnee befreit, und 120 Tische, 240 Bänke sowie 260 Liegestühle stehen bereit.

«Das Hüttenfieber hat mich vor 14 Jahren gepackt.» – Betriebsleiterin Martina (34).

Das Durchschnittsalter im Tschuggenteam liegt unter 30. Die wenigsten haben eine Ausbildung in der Gastronomie und arbeiten daher für den im Gastgewerbe üblichen Mindestansatz. Kim (21), die eigentlich Krankenschwester ist, wollte einfach mal etwas anderes erleben. Inzwischen ist die Zürcherin überzeugt: «Jeder sollte das mal eine Saison lang gemacht haben.» Das sei eine wertvolle Lebenserfahrung.

Strenge Regeln – wer dreimal verschläft, kann die Koffer packen

Barkeeper Gregi (24) aus dem Toggenburg verbringt bereits den zweiten Winter auf der Tschuggenhütte. Eigentlich wollte der Polymechaniker wieder zurück in eine Festanstellung in seinem Beruf, schnupperte im vergangenen Frühling bei einem potenziellen Arbeitgeber, fand jedoch nach dem ersten Tag in der Werkstatt: «Das kanns irgendwie nicht sein.» Er vermisste das Panorama, das Team – und seine Claudia. Die beiden hatten sich auf der Hütte kennengelernt und sich zusammen für eine weitere Saison beworben.

Während der Winterjob auf der Skihütte für EU-Bürger auch finanziell durchaus interessant ist, kommen die Schweizer im Team vor allem, um eine gute Zeit zu verbringen. Für manche ist die Saison ein Synonym für Party. Gefeiert wird mit Vorteil am Mittwoch. Dann gibts im «Halli Galli» alle Drinks für einen Fünfliber, und bis zum Wochenende, wenn die Arbeit richtig hart wird, hat man sich wieder erholt. Denn auf der Tschuggenhütte gelten noch strengere Regeln als im Skilager: Wer dreimal verschläft, kann die Koffer packen.

Der Koch in der Küche hinter zwei riesigen Töpfen.
Highnoon: Zeit zum Plaudern liegt zur strengsten Tageszeit nicht drin.

Definitiv nichts für Schlafmützen ist die Mittagszeit. In der Rushhour nehmen die Serviceangestellten ohne Unterbruch Bestellungen auf und übermitteln sie via Orderman, eine Art überdimensionales Smartphone, an einen kleinen Drucker in der Küche. Für das Servieren sind die sogenannten Allrounder, wie auch Christian einer ist, zuständig. Sie beschränken sich während der hektischen Phase darauf, mit vollen beziehungsweise leeren Tellern und Gläsern zwischen Küche und Gast hin und her zu flitzen.

In der Küche läuft der Kampf gegen den Ordermandrucker, der unablässig neue Zettel mit Bestellungen ausspuckt. Während am Morgen beim Vorkochen von unter anderem 60 Litern Gerstensuppe und 40 Litern Tomatensauce noch Zeit für einen Schwatz blieb, arbeiten die sechs Köche jetzt auf Hochtouren. Es zischt und dampft. Frittieren, gratinieren, sautieren. Ein Teller nach dem anderen wandert über die Anrichte – fast wie am Fliessband.

Daniel, der mit einem vollen Tablet durch die Liegestuhl-Reihen läuft.
Hochbetrieb: Während sich die Gäste im Liegestuhl bedienen lassen, arbeiten Daniel und Enzo (Bild rechts) im Akkord.
Enzo präpariert das Fleisch am Grill.

Im Vergleich dazu hat Enzo (49) im wahrsten Sinn des Wortes einen Platz an der Sonne: Lächelnd steht er am Grill unter freiem Himmel mit Blick auf die Liegestühle, wo die Gäste sich sonnen und bedienen lassen. Der Italiener verbringt bereits die 23.  Saison auf der Hütte und hat sich über die Jahre zum Grillmeister hochgearbeitet. Für manche ist er sogar der heimliche Chef. Dabei überlässt er diesen Job noch so gern seiner Vorgesetzten Martina (34), die mit einem Telefon am Ohr zwischen Skifahrern und Servicepersonal im Gewusel steht und gerade wieder mal ein Problem löst: Am Take-away hat es mehr Gäste als erwartet. Auch das Raclettestübli braucht Verstärkung. Die gelernte Verkäuferin, die vor 14 Jahren vom Hüttenfieber gepackt wurde, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und schickt Verstärkung. Erst als die Meldung kommt, dass sich Gäste über pampige Pommes frites beklagt hätten, runzelt sie besorgt die Stirn und macht sich auf, die Fritteuse zu inspizieren.

DJ, Barkeeper und Geschirrspüler rotieren auf Hochtouren

Um 15 Uhr beginnen sich die Reihen auf den Festbänken zu lichten. Für Christian und Kim ist das Schlimmste überstanden. Jetzt übernehmen Laura, Gregi und vier weitere Barkeeper in der Kuhbar, wohin sich die Masse verschoben hat. Bereits wedeln einige Gäste ungeduldig mit Hunderternoten, auf der Ablage stapeln sich Gläser, und aus dem Geschirrspüler wabern unablässig Dampfschwaden.

DJ G.P. hinter der Kuhbar, er hält den Daumen hoch und lacht.
Partytime: DJ G.P. heizt die Stimmung in der Kuhbar an.
Laura hinter der Bar mit einer Papierkrone auf dem Kopf und einem Service-Portemonnaie in der Hand.
Geburtstagskind und Bardame Laura.

DJ G.P. (39) wechselt vom Chill-out-Sound zu Evergreens wie «Twist and Shout», «Jailhouse Rock» oder «Super Trouper». Er hat den richtigen Moment erwischt: Das Volk stampft zu den Beats, und der eine oder die andere beginnt sogar mitzusingen. Nach ein paar weiteren Aufwärmliedern verrät G.P., warum Laura heute eine goldene Krone im Haar trägt, und spielt «Happy Birthday to You». Dann dreht er das Volumen runter, und die Gäste übernehmen den Refrain. Laura lacht, winkt kurz und konzentriert sich wieder auf das Tablett voller dampfender Teegläser, in die sie giftgrüne Shots kippt. Gegen 18 Uhr fährt Gregi das Dach aus. Die Bar verwandelt sich in eine pulsierende und vibrierende Jurte. Die Party kann weitergehen.

Bis auf der Tschuggenalp wieder Ruhe einkehrt, wird es noch mindestens zwei Stunden dauern. Bis dann wird das Tschuggenteam rund 1800 Gerichte serviert, 1600 warme Getränke mit Schuss ausgeschenkt, 60 Flaschen Wein geöffnet – und sich selber ein Feierabendbier verdient haben.

www.tschuggenhuette.ch

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Samuel Trümpy