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05. September 2016

Du oder Sie? Sag doch in Zukunft einfach Sie zu mir

Sollen die Kleinen im Kinderhort das Betreuungspersonal siezen? Die Frage polarisiert, zumal sich immer mehr Erwachsene duzen, selbst wenn sie sich kaum kennen. Auf alle Fälle werden wir das Sie noch lange verwenden, sagt die Sprachexpertin.

Teilweise wird es schon praktiziert, bald gilt es in weiteren Zürcher Horten: Die Kinder sollen das Hortpersonal siezen.
Teilweise wird es schon praktiziert, bald gilt es in weiteren Zürcher Horten: Die Kinder sollen das Hortpersonal siezen. Mauritius Images

Am Anfang ist das Du. Eltern, Nachbarn, fremde Menschen auf der Strasse oder im Bus: Schweizer Kleinkinder duzen alle, natürlich auch das Krippenpersonal. Danach wird es kompliziert. Im Kindergarten wird die Lehrperson mit Sie angesprochen, im Hort gilt weiterhin das Du. In einigen Schulkreisen der Stadt Zürich jedoch müssen die ­Kleinen neuerdings auch das Hortpersonal siezen. Das wiederum fürchtet nun um die Nähe zu den Kindern. Die Behörden versprechen sich von dieser Regelung jedoch mehr Respekt, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.

Maureen Reinertsen (62), US-Schweiz-Doppelbürgerin aus Basel, sieht das anders. Sie ist mit dem universellen «you» –aufgewachsen, hat auf fünf Kontinenten gelebt und weiss: Respekt ist keine Frageder Anrede. «Wer höflich behandelt wird, antwortet auch so.» Mit ihrem Unternehmen h.o.m.e.s gmbh hilft Maureen Reinertsen Expats, sich in der Schweiz einzuleben. Ihren Kunden rät sie, alle Menschen über 16 Jahren zu siezen. Genau in die entgegengesetzte Richtung weist ein Trend in der Schweizer Geschäftswelt: Zunehmend werden nicht nur Kollegen bis hinauf ins Kader geduzt, sondern auch gleich Kunden. In hippen Läden und Take-aways gilt das ohnehin schon länger.

Vom Personal verlangt diese Form der Anrede Fingerspitzengefühl. Kunden sind zum Teil irritiert, denn das Sie ist in der Schweiz fest verankert. Und es wird auch nicht so schnell abgeschafft werden. Davon ist Angelika Linke, Professorin für Sprachwissenschaft, überzeugt. 

«Respekt kann man nicht verordnen, und Siezen zeugt nicht immer von Respekt»

Angelika Linke ist Professorin für Linguistik an den Unis Zürich und Linköping (Schweden)

Angelika Linke, Sie arbeiten zum Teil in Schweden, wo sich alle duzen. Funktioniert die schwedische Gesellschaft anders ohne das Sie?

Nein, aber die Tatsache, dass sich das Du sehr schnell durchgesetzt hat, zeigt, dass es eine offene, egalitäre Gesellschaft ist. Der einzelne Mensch steht im Zentrum, Sozialdemokratie hat eine lange Tradition. Nur vor diesem Hintergrund war die Karriere des allgemeinen Du in den 70er-Jahren überhaupt möglich. Sie kam ja nicht als Gesetz, sondern von unten nach oben, aus dem Volk heraus.

Auch in der Schweiz duzen sich Erwachsene immer öfter: Zum Beispiel innerhalb von Firmen, bis hinauf ins höchste Kader.

Das ist etwas ganz anderes, denn es ist von der Geschäftsleitung verordnet worden. Duzen kann Verschiedenes signalisieren. Die Firma pflegt damit ein Image der Jugendlichkeit. Und an die Mitarbeiter ist es die Botschaft: Wir halten zusammen, alle. Siezen hingegen unterstreicht die hierarchische Ordnung.

Was signalisiert Verkaufspersonal, das die Kunden duzt?

Vermutlich, dass man den Kunden eher als Kollegen und Freund betrachtet und dieser dem Geschäft entsprechendes Vertrauen entgegenbringen darf. Solche verordnete sprachliche Nähe kann aber auch manche Kunden stören.

Auch in den Sozialen Medien duzen sich alle. Steuern wir in der Schweiz auf eine Abschaffung des Sie zu?

Kaum. Das Du in den Sozialen Medien hat auch damit zu tun, dass dort die Jungen dominieren, die sich schon immer eher geduzt haben. Ausserdem ist nicht jedes Du freundlich: Wenn zum Beispiel ein wütender Autofahrer einen anderen im Streit plötzlich duzt, ist das eine ganz gezielte Herabsetzung.

In einigen Horten der Stadt Zürich sollen die Kinder nun auch die Betreuer und Betreuerinnen siezen und nicht wie bisher duzen.

Das ist linguistisch interessant. Denn mit Du oder Sie definieren wir stets eine Beziehung.

Einige Hortbetreuer und -betreuerinnen fürchten um die familiäre Atmosphäre. Zu Recht?

Nicht unbedingt. Wenn die Kinder sie duzen, werden sie eher in die Rolle von Familienmitgliedern gerückt. Aber nur weil sie gesiezt werden, muss das nicht heissen, dass das Hortpersonal nicht mehr liebevoll mit den Kleinen umgehen kann

Die Behörden erhoffen sich von diesen aber mehr Respekt.

Respekt kann man nicht verordnen, und Siezen zeugt nicht immer von Respekt. Wenn ich jemanden kalt und demonstrativ sieze, ist die Botschaft negativ. Hortkinder werden vielleicht Anweisungen ernster nehmen, wenn sie von Erwachsenen kommen, zu denen sie Sie sagen. Und wenn im Hort andere Anreden gelten als zu Hause, ist das ein Signal, dass dort auch sonst manches anders ist: Es werden Unterschiede markiert.

In der englischen Sprache spricht man alle mit «you» an. Macht dies das Zusammenleben einfacher?

Das täuscht. Es ist etwas anderes, ob ich sage «Hi Bob», «Hi Mr. Miller»,oder «Hello Mr. President». Die Formen der Anrede sind im Englischen nicht gleich. Auch in Schweden signalisiert man Unterschiede im Umgang, obwohl man ausser den König alle duzt und mit Vornamen anspricht.

Wo liegen da die Feinheiten?

Der Rektorin an der Uni Linköping gegenüber wähle ich einen anderen Tonfall als einer Kollegin gegenüber und falle ihr wenn möglich nicht ins Wort. Ansonsten aber ist es hier wie an den meisten Arbeitsorten – wobei man in der Schweiz ja schnell Duzis macht, während Arbeitskollegen in Deutschland erst bei grosser Vertrautheit zueinander Du sagen.

Autor: Yvette Hettinger