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04. April 2016

Sätze, die alle verstehen

Etwa 800'000 Menschen in der Schweiz können nicht richtig lesen und schreiben. Für sie gibt es die «Leichte Sprache», die komplexe Texte verständlich übersetzt. Bei deren Verbreitung in der Schweiz leistet Pro Infirmis Pionierarbeit – damit Betroffene wie Ralph Jäger eine Chance haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Leichte Sprache
Barbara Egli leitet das Prüferteam bei Pro Infirmis: Gemeinsam mit Ralph Jäger kontolliert sie, ob die Übersetzung in Leichte Sprache verständlich ist.

Amtliche Briefe gehen direkt an die Beiständin, Ralph Jäger (60) versucht meist gar nicht erst, sie zu verstehen. Bücher liest er nie, aber in Gratiszeitungen wie «Blick am Abend» oder ins Migros-Magazin schaut er ab und zu rein. «Was der ‹Blick› schreibt, kann man ja fast nicht glauben, aber die Migros-Rezepte finde ich interessant.» Eine grosse Herausforderung im Alltag ist es für ihn, einen SBB-Ticketautomaten zu bedienen oder eine Adresse zu finden. «Da muss ich immer andere fragen oder mich irgendwie durchkämpfen.»

Ralph Jäger hat von Geburt an eine geistige Behinderung. Er ist einer von rund 800 000 Menschen in der Schweiz, die auf Leichte Sprache angewiesen sind.
Ralph Jäger hat von Geburt an eine geistige Behinderung. Er ist einer von rund 800 000 Menschen in der Schweiz, die auf Leichte Sprache angewiesen sind.

Ralph Jäger hat von Geburt an eine geistige Behinderung, lesen und schreiben ist ihm immer schwer gefallen. Er besuchte eine Sonderschule und lebt heute mit vier anderen Personen in einer betreuten Aussenwohngruppe der Stadt Zürich. Jäger arbeitet 80 Prozent im Verpackungsbereich des Behindertenwerks St. Jakob. In seiner Freizeit unternimmt er gern lange Spaziergänge mit seiner Freundin, daneben singt er Bass im St.-Jakob-Chor und malt Landschaftsbilder in Wasserfarben.

Und tatsächlich liest Ralph Jäger auch ziemlich viel. Seit Januar 2015 gehört er nämlich zu einem zehnköpfigen Team von Prüferinnen und Prüfern, die für die Behindertenorganisation Pro Infirmis Texte kontrollieren, nachdem diese in sogenannte Leichte Sprache übersetzt wurden. «Es hat in fast allen Texten etwas Schwieriges», sagt Jäger. Entweder ist da ein Wort, das er nicht kennt, oder ein zu komplizierter Satzbau.

Durchschnittlich ein- bis zweimal pro Monat geht Jäger in die Büros von Pro Infirmis am Bahnhof Zürich-Altstetten, um zwei Stunden lang Übersetzungen gegenzulesen, und wird dafür im Stundenlohn bezahlt. Die Arbeit mache Spass, sagt er, er lerne dabei auch immer etwas Neues.

In Deutschland und Österreich ist man schon weiter

Dass so etwas wie die Leichte Sprache überhaupt existiert, realisierte Ralph Jäger erst, als Pro Infirmis ihn für den Prüferjob anfragte. Dabei war er solchen Texten schon zuvor begegnet, denn die Behindertenorganisation verfasst schon seit Längerem Ausschreibungen und Flyer nach diesen Prinzipien: kurze Sätze, einfache Wörter, aktive Formulierungen, pro Satz nur eine Aussage.

«Wir stehen noch ganz am Anfang»: Bettina 
Ledergerber, zuständig für Sozialpolitik bei Pro Infirmis, über die Entwicklung der Leichten Sprache in der Schweiz.
«Wir stehen noch ganz am Anfang»: Bettina Ledergerber, zuständig für Sozialpolitik bei Pro Infirmis, über die Entwicklung der Leichten Sprache in der Schweiz.

Noch allerdings sind Texte in Leichter Sprache in der Schweiz eine Seltenheit. «In Deutschland und Österreich ist man schon viel weiter», sagt Bettina Ledergerber (30), bei Pro Infirmis zuständig für Kommunikation und Sozialpolitik. 2013 verfasste die Organisation ihren Tätigkeitsbericht in Leichter Sprache, als Experiment und um ein Zeichen zu setzen. «Die Resonanz war überwältigend – Leute meldeten uns, dass sie zum ersten Mal im Leben einen Tätigkeitsbericht von A bis Z gelesen hätten.»

Anfang 2015 folgte der nächste Schritt: Pro Infirmis gründete ein eigenes Büro für Leichte Sprache, wo Texte für die Organisation selbst, aber auch für diverse Auftraggeber entstehen. «Das Interesse wächst stetig», sagt Ledergerber. «Noch finanzieren wir das Projekt aus eigenen Mitteln und durch einen Beitrag des Zürcher Lotteriefonds, aber mittelfristig soll das Büro selbsttragend sein.» Damit leistet Pro Infirmis Pionierarbeit in der Schweiz, obwohl das allererste Büro für Leichte Sprache schon kurz vorher, beim Wohnwerk in Basel, entstand. «In Deutschland gibt es schon über 100 solcher Büros», sagt Ledergerber. «Wir orientieren uns an ihren Regeln, die anhand praktischer Erfahrungen entwickelt worden sind.»

Das Bundesamt für Statistik schätzt, dass allein in der Schweiz 800 000 Menschen leben, die Mühe haben, Texte zu lesen oder zu schreiben. Dazu zählen Leute mit einer geistigen Behinderung oder einer Lern- oder Sehbehinderung, ältere Menschen, Migranten, ausserdem Leute mit Leseschwäche, etwa funktionale Analphabeten, die Wort und Schrift nicht ausreichend beherrschen, um am Lebens- und Abeitsalltag problemlos teilhaben zu können. «Leichte Sprache soll möglichst allen Menschen eine Grundlage verschaffen, damit sie sich informieren können», erklärt Bettina Ledergerber.

Ein Vergleich: Sherlock Holmes im Original und in Leichter Sprache.


Sherlock Holmes im Original und in Leichter Sprache. ( JPG-Download )

Im Jahr 2014 hat die Schweiz die Uno-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, die ein Recht auf Information verlangt. Damit wäre sie eigentlich verpflichtet, mehr zu tun. «In Deutschland gibt es bereits gesetzliche Grundlagen, die beispielsweise verlangen, dass die Inhalte auf staatlichen Websites in Leichter Sprache erklärt sein müssen», sagt Ledergerber.

Der Deutschlandfunk betreibt eine Nachrichten-Website in Leichter Sprache, und der Verlag Spass am Lesen hat sogar begonnen, Romane zu übersetzen (siehe Beispiel links). Zwar ist das Angebot noch überschaubar, aber erste Bibliotheken haben begonnen, Abteilungen dafür einzurichten.

Wer schon mal damit gerungen hat, die Strom- oder Krankenkassenabrechnung zu verstehen, oder am Computer «akzeptieren» geklickt hat, ohne die allgemeinen Geschäftsbedingungen der neuesten iTunes-Version durchzulesen, kann sich in etwa vorstellen, wie es Menschen ergeht, die auf Leichte Sprache angewiesen sind: Man fühlt sich überfordert und hofft, es werde wohl schon seine Richtigkeit haben.

Absichtlich kompliziert?

Eine deutsche Studie befasste sich 2014 mit der Sprache in Bankdokumenten. «Einige halten nicht einmal die grundlegendsten Verständlichkeitsregeln ein», zitiert das Nachrichtenmagazin «Focus» den Studienautor Frank Brettschneider. «Die Institute schwelgen in Fachbegriffen, stricken komplizierte Schachtelsätze und verlieren sich in Endlosparagrafen», sagt der Professor für Kommunikationswissenschaften.

Die allgemeinen Geschäftsbedingungen der 62 untersuchten Banken seien ohne Ausnahme auf einem Sprachniveau formuliert, das dem von Doktorarbeiten in Politikwissenschaft entspreche. «Da müssen die Banken sich nicht über den Vorwurf wundern, sie formulierten absichtlich unverständlich, etwa um Risiken von Geldanlagen zu verschleiern», sagt Brettschneider.

Von der Leichten Sprache könnten also alle profitieren. «Sie ist ein Hilfsmittel», sagt Bettina Ledergerber. «So, wie der Rollstuhlfahrer eine Rampe braucht und der Kurzsichtige eine Brille, so benötigen Menschen mit Leseschwäche Leichte Sprache, damit sie eine Chance haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.» Zu dieser Erkenntnis gelangen allmählich auch die Schweizer Behörden. Zu den Kunden von Pro Infirmis zählen verschiedene Verwaltungsbetriebe, die Texte bei ihnen übersetzen lassen. Und das Amt für Soziales im Kanton St. Gallen hat im vergangenen Jahr eine ganze Broschüre zum Thema in Leichter Sprache online geschaltet. «Es gibt viele positive Signale», sagt Ledergerber, «aber wir stehen noch ganz am Anfang.»

Vergleich – Thema: Datenschutz

OriginaltextLeichte Sprache
Der Datenschutz und die Schweigepflicht werden gemäss betrieblichen Richtlinien umgesetzt. Ein Informationsaustauch mit Partner/-innen innerhalb und ausserhalb der Institution muss einen Mehrwert für die Dienstleistungsqualität generieren und die Interessen der Klienten/-innen wahren, der Umgang mit allfälligen Zielkonflikten ist in der Institution definiert.Die Fachleute dürfen Informationen nicht an alle weitergeben. Sie dürfen es nur erzählen, wenn die Klienten es wollen. Oder wenn es den Klienten hilft.

Quelle: Büro für Leichte Sprache


Prüfer-Arbeit stärkt das Selbstbewusstsein

Umso wertvoller ist die Arbeit von Prüfern wie Ralph Jäger. «Wenn sie etwas nicht verstehen, suchen wir in der Gruppe gemeinsam nach Lösungen», sagt Barbara Egli (57), die zusammen mit dem Prüferteam an den übersetzten Texten arbeitet. «Sie sind sehr genau und spitzfindig. Sie merken zum Beispiel sofort, wenn am einen Ort ‹25. Mai› steht und am anderen ‹25. 5.› – und Ersteres ist einfacher für sie.»

Migranten, die noch nicht so gut Deutsch sprechen, sind anfangs auf Leichte Sprache angewiesen, lernen jedoch bald dazu und werden zusehends besser. Menschen mit geistiger Behinderung können zwar auch dazulernen, stossen aber irgendwann an Grenzen. Deshalb gibt es auch unterschiedliche Prüfergruppen, und die Migranten machen so grosse Fortschritte, dass immer wieder neue Prüfer für die einfacheren Level gefragt sind.

Den meisten ist nicht bewusst, wie viele Menschen Mühe haben mit Lesen und Schreiben. Das liegt auch daran, dass die Betroffenen es selten an die grosse Glocke hängen. «Viele schämen sich», sagt Barbara Egli. «Bei uns sind sie erstmals in ihrem Leben als Sprachexperten gefragt. Sie sind die Fachleute; ihre Inputs sind wertvoll und führen zu Verbesserungen. Sie verdienen dabei also nicht nur ein bisschen Geld – es ist auch gut für ihr Selbstbewusstsein.»

Die Regeln: Simple Sätze, keine Fremdwörter

Logo für Leichte Sprache.
Logo für Leichte Sprache.

Petra Schanz (43) arbeitet als freie Übersetzerin für das Büro für Leichte Sprache von Pro Infirmis. Sie formuliert einige grundlegende Regeln fü Leichte Sprache: «kurze Sätze, grosse Schrift, kein Sprung auf eine andere Seite mitten im Satz, kein Passiv, keine Fremdwörter».

Die Texte werden dabei entweder in der Aussage stark reduziert oder aber deutlich umfangreicher als das Original – der Inhalt eines Flyers kann schnell mal auf fünf Seiten anwachsen. «Manchmal bekommt man einen Text, der so kompliziert ist, dass man im ersten Moment denkt, er lasse sich unmöglich in Leichte Sprache umsetzen», sagt Petra Schanz. «Dann gilt es, die Aussagen Abschnitt für Abschnitt zu analysieren und sie dann in eigenen Worten so klar wie möglich darzustellen.»

Handwerklich gesehen ist die Arbeit ähnlich wie das Übersetzen in eine Fremdsprache,
der Fokus liegt allerdings stärker auf der Struktur der Sätze; es gilt, die Komplexität zu vereinfachen.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Daniel Winkler