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23. Juni 2014

Der verlorene Kampf um die Dorfschule

Vorher waren es ein paar Schritte, heute müssen die Säriswiler Kinder mit dem Postauto nach Uettligen fahren, weil ihre Schule geschlossen wurde. Haben die Kinder den längsten Schulweg der Schweiz? Das versuchen wir gemeinsam mit Ihnen herauszufinden. Mehr Infos dazu finden Sie in der Box auf der rechten Seite.

Dorfschule Säriswil wird geschlossen
John, Lena und Anna (1. Reihe von links), Lisa und Florian 
(2. Reihe) vor ihrem ehemaligen Schulhaus in Säriswil.

Kleine Schulen kommen in Budgets schlecht weg: Sie sind teurer. Auf der Sollseite stehen höhere Kosten für Unterhalt, Infrastruktur und Personal. Bildungsökonom Stefan C. Wolter (48), Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern, sieht in der Schliessung von kleinen Klassen und Schulen denn auch das grösste Sparpotenzial im Bildungsbereich.

Hier setzt zum Beispiel der Kanton Bern an: Er will bis zu 270 Klassen – und je nachdem Schulen – auflösen, gegen den Willen der Regierung.

Widerstand droht auch aus der Bevölkerung: Denn fern der Budgets punkten kleine Schulen mit einer gewichtigen Habenseite: Sie gelten als Farbtupfer im Bildungswesen, bestechen mit familiärem Charme, individuellem Lernen, flexiblen Entscheidungen und überzeugen oft mit einem fortschrittlichen Konzept. Sie geniessen die Sympathie der Kinder, Eltern und der Dorfgemeinschaft. Sie sind mehr als ein Ort der Wissensvermittlung, sie halten ein Dorf zusammen.

Wie sehr, zeigen die Beispiele Säriswil BE, Schwarzenbach LU und Weisstannen SG: Diese drei Dörfer haben alles getan, um ihre Schule zu retten, mit unterschiedlichen Mitteln und ebenso unterschiedlichem Ausgang. Den Auftakt der dreiteiligen Serie macht Säriswil in der Berner Vorortsgemeinde Wohlen.

Säriswil BE: Ein Dorf verliert seine Schule

Die Schliessung der Primarschule Säriswil im Sommer 2012 hat einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen, trotzdem schaut das Dorf nach vorne.

John (10), seine Schwester Lisa (11) und ihr Freund Florian (11) jagen über das Eisfeld auf dem Schulhausplatz in Säriswil, sie lachen und kreischen, und einen Moment lang ist alles wie früher. Früher, das war vor der Schulschliessung. Wie eine Zäsur zieht sie sich durch Säriswil in der Berner Vorortsgemeinde Wohlen und teilt die Zeit ein in ein Vorher und ein Nachher.

«Vorher musste ich nur ein paar Schritte zur Schule gehen, jetzt fahre ich mit dem ‹Poschi› nach Uettligen», sagt John. «Vorher waren Noten unter uns Kindern kein Thema», sagt Lisa. «Vorher konnte ich mittags zu Hause essen», sagt Florian, der im Weiler Möriswil wohnt.

Jetzt ist nachher. Florians Vater Kaspar Herrmann (40) «schmerzt es jedes Mal», wenn er an der Schule vorbeifährt. Im Dezember 2010 erfuhr er aus der Zeitung von den Plänen des Gemeinderats Wohlen: Man werde sich auf drei Schulstandorte konzentrieren und die kleinen Schulen Säriswil und Murzelen schliessen – ganz im Sinn des Kantons. Bis heute stört ihn, «dass wir als Eltern weder richtig informiert noch einbezogen wurden». Und dass Alternativen nie ein Thema waren: «Dabei hätte man Säriswil mit einem Kindergarten oder einer Tagesschule stärken können.»

Anderthalb Jahre hat sich Kaspar Herrmann mit der IG Pro Schule Wohlen vehement gegen die Schliessung gewehrt. Er würde es wieder tun: «Wir haben zwar die Schule verloren, dafür einen politischen Umschwung eingeleitet», sagt er und spielt auf die Abwahl des Gemeindepräsidenten im Dezember 2013 an. Dessen Nachfolger Bänz Müller (47) räumt Fehler ein: «Vor allem der Weg zum Entscheid war schlecht: Wir haben es unterlassen, die Bevölkerung früh in den Prozess einzubeziehen.»

Auch Pascale Gerstmayer (47), Mutter von Lisa, John, Anna (8) und Lena (6), hat als Mitglied der IG Pro Schule Wohlen engagiert um die Schule gekämpft. Die ehemalige Elternrätin erinnert sich gut an die melancholische Stimmung am letzten Schulfest, seit Generationen ein Höhepunkt in Säriswil: «Als sich das Organisationskomitee für die Auswertung traf, sagten wir uns: ‹Die Schule gibt es nicht mehr, aber die Schulkinder sind noch da – wir führen die Tradition weiter›.» Der Anlass heisst jetzt Dorffest, und im November gründeten die Einwohner von Säriswil und Möriswil einen Dorfverein. Damit sie die Schule, die jetzt nicht mehr ihre ist, für ihre Anlässe nutzen können.

Autor: Franziska Hidber

Fotograf: Samuel Trümpy