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29. Juni 2015

Säg doch du!

Bänz macht Duzis im Jeansladen.
Bänz macht Duzis im Jeansladen.

Eine trendy Boutique im Zürcher Niederdorf; ich hatte nach einer Hose gestöbert, mich jugendlich gefühlt. Da kam die Bedienstete, ein nasengepierctes Girlie mit feuerrotem Haar, grinste und sagte: «Grüezi! Wänd Sii d Hose probiere?» Ich schlich in die Umkleidekabine, doch die Lust, die Hose anzuziehen, war mir vergangen. Stattdessen studierte ich meine Augenringe, meine Falten, meinen ältlichen Teint. Und sagte es meinem Spiegelbild ins Gesicht: «Bist ein ­alter Sack! Sie hat ‹Sie› zu dir gesagt.» Das war nicht letzte Woche, nein. Die Ewigkeit von fünfzehn Jahren ist es her, dass ich in einem auf jung getrimmten Laden zum ersten Mal nicht geduzt wurde. Es war ein Schock, und ich hätte mir gewünscht, die junge Person hätte wenigstens dieses blöde «Hallo» zu mir gesagt, die Allerweltsfloskel, mit der man schon damals Verlegenheit als Coolness tarnte, wenn man nicht wusste, ob jemand zu duzen oder zu siezen sei.

Bänz Friedli (50) mag das Siezen.

«Warum um Himmels willen schreiben die im Migros-Magazin immer: ‹Bänz Friedli (50)›?», ereiferte sich dieser Tage Leserin Eva aus dem Prättigau. «Muss das Alter denn in jedem Heft wiederholt werden? Mit deiner Kolumne hat es ja wirklich nix zu tun, ob du 20 oder 70 bist.» Das schmeichelt mir natürlich. Und wir beide wissen, dass Jugend keine Frage des Alters ist, nicht wahr, Eva? Dazu müssen wir nicht mal den alten Dylan zitieren. Er sei früher viel älter gewesen, sang der mal: «I was so much older then, I’m younger than that now.» Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – bin ich nicht mehr ­irritiert, wenn Verkaufspersonal mich heute siezt. Im Gegenteil. Das «Sie» hat was, find ich. Da war dieser überaus kultivierte Herr, mit dem ich über Jahre in gegenseitiger Ehrerbietung korrespondierte. «Geschätzter Herr Kollega!», pflegte er seine Mails zu eröffnen. Wie ich das mochte! Nobel war es, und ich kam mir fast ein bisschen erwachsen vor. Aber, ach, das gemeinsame Mittagessen kam, er bestellte der Feierlichkeit halber eigens zwei Gläschen Weissen: «Ich bin der Manfred.»

Doch da gibt es ja noch die Radiostation in der Stadt, die dem Duzis-Kult abschwört. (Und die Klammerbemerkung muss sein: Vor langer Zeit, 1977 muss es gewesen sein, brachte mein Vater jeweils die Tageszeitung «Die Tat» mit nach Hause. «Säg doch du!», forderte das Blatt über Wochen und versuchte, in der Schweiz das allgemeine Duzen einzuführen. Chefredaktor besagter «Tat» war der junge Roger Schawinski. Der, nur mehr jung geblieben, betreibt heute einen Sender «nur für Erwachsene», und die Eigenwerbung verspricht, die Hörer würden gesiezt.) Rufen die mich also neulich an, eine junge Frau sagt: «Hoi, du!» Und ich erlaube mir die Frage: «Kennen wir uns?»

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Website: www.baenzfriedli.ch

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Autor: Bänz Friedli