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23. Juni 2014

Vom Schwarzen Meer ins Gebirge

Rumänien hat viel mehr zu bieten als die facettenreiche Hauptstadt Bukarest. Hier ein paar Tipps für eine Reise von rund zwei Wochen – mit dem Ziel, etwas von den Naturparadiesen, Gewässern, Karpaten, Städten in Siebenbürgen oder Kirchen mitzubekommen. Rechts der Besuch beim Schweizer Gastrounternehmer Jakob Hausmann, der die Hauptstadt seit der Wende bestens kennt («Grünes Herz Rumäniens»).

Ein Pferd im Donaudelta
Hier steht ein Pferd ... im Fluss. In einem ruhigen Nebenarm im Donaudelta, nahe der geschützten Dünen- und Waldlandschaft Padurea Letea.

VERKEHRSMITTEL
Üblicherweise reisen wir gern mit Zug, Bussen, Fahrrad und zu Fuss, gerade auf dem europäischen Kontinent. Dennoch gelten für Rumänien diesbezüglich Einschränkungen, will man bei einem Aufenthalt von minimal zehn Tagen und maximal drei Wochen einen breiten ersten Eindruck mit nach Hause nehmen. Am bequemsten setzt man dafür auf ein gemietetes Auto – es gibt genügend internationale Anbieter mit etlichen Standorten sowie auch zwei bis drei grössere rumänische.
Sicher besser ohne Auto fährt man ein paar Tage innerhalb der Hauptstadt, mit modernen Bussen erreicht man in ca. 4½ Stunden bequem Tulcea für einen Besuch im Donaudelta (Fahrplan für die Abfahrt von Bukarest ‚Augustinus‘ http://www.autogari.ro/Transport/Bucuresti-Tulcea), in einer etwas längeren Fahrt auch die grösseren siebenbürgischen Städte Timisoara, Sibiu (Hermannstadt) oder Brasov (Kronstadt). Bloss guckt man dann in der Umgebung kaum eine weitere lohnende Stätte an.
Züge sind auf stark frequentierten Linien durchaus brauchbar und nicht per se schmuddelig, doch ab ein Mal Umsteigen und zum Beispiel Richtung Schwarzes Meer meist langsamer.
Die luxuriös ausgebaute Autobahn führt von Pitesti über Bukarest nach Constanza, Verbindungen zwischen mittelgrossen Städten und die wichtigsten zwei Karpatenübergänge sind ansonsten meist gut befahrbar, Dorfverbindungen und auch von Navis aufgeführte Abkürzungen sind in Sachen Schlaglöcher und Belagsqualität auch mal etwas abenteuerlich.
SPRACHE
In städtischeren Regionen, besonders in Bukarest, sprechen die meisten Leute mittleren und vor allem jüngeren Alters mal ausgezeichnet, mal passabel englisch. Viele ältere Menschen haben früher sehr gut Französisch gelernt, auf Frankreich und dessen Sprache war das Land eine Weile von allen westlichen Einflüssen am stärksten ausgerichtet. In Siebenbürgen sollte man, trotz ehemals grossem Bevölkerungsanteil in deutscher Kultur und Sprache, nicht davon ausgehen, mit der Muttersprache durchzukommen. Der Anteil Deutschsprachiger geht seit Längerem zurück in den Regionen um Sibiu und vor allem Brasov. In ländlichen Gebieten heisst es zudem oft radebrechen, ein paar Brocken Rumänisch lernen, improvisieren und sich für Kommunikationsversuche etwas Zeit nehmen …
Für Natur- und Meerliebhaber
Ein Besuch von zwei bis drei Tagen im Donaudelta lohnt sich eher vor oder nach dem (Hoch-)Sommer, weil dann weniger Touristen vor Ort sind (richtig überlaufen ist es allerdings nie) und vor allem einige Vogel- und andere Tierarten leichter und in viel grösserer Zahl anzutreffen sind. Guter Mückenspray und Sonnenschutz auch frühmorgens oder gegen Abend (dann geht man im Sommer auf längere Booterkundungen) sind empfehlenswert. Rumänen hat es im Delta stets mindestens ebenso viel wie Ausländer, die meisten allerdings weniger auf Fotopirsch als beim Angeln.
Anders als in den Städten heisst es, diesen Ausflug zu planen, einige Zeit im Voraus bei einem Anbieter von Lodgezimmern respektive Hotels zu reservieren und deren Angebote für Bootsfahrten abzuklären. Ach ja: Es ist ein Biosphärenreservat von weltweiter Bedeutung. In Sachen Verhalten (Abfälle usw.) heisst es, darauf Rücksicht zu nehmen.
Wir waren sehr zufrieden im in der Deltamitte gelegenen Fischerdörfchen Mila (‚Meile‘) 23. Sucht man günstigere Zimmer, empfiehlt sich etwa die Pensiunea Mila 23 mit 32 Zimmern. Schätzt man es grosszügiger, mit sicher gutem lokalen (und reichlichen) Essen, sorgfältig organisierten Bootsfahrten und biologisch-historischen Einführungen (in der Regel auf Rumänisch; mit grosser Konzentration und dem Nachverfolgen der Hinweise auf der aufgehängten Karte versteht man durchaus etwas, wobei Französisch- oder Italienischkenntnisse helfen), empfehlen wir unsere Unterkunft: Pensiunea Dunarea Veche. Die Söhne des Familienunternehmens holen einen mit Auto und Boot schon in Tulcea am Bus- und Zugbahnhof ab.
Tipp: Neben Binnenteichen und Flüssen unbedingt die Dünen- und Waldlandschaft von Padurea Letea besuchen, mit den zwei bis drei südlich davor gelegenen Siedlungen von C.A. Rosetti, wo letzte Vertreter eines alten Volksstamms noch auf ganz eigene, urtümliche Weise leben.

Blick zurück auf die Passstrecke (Nordseite) ins Fagaras-Gebirge
Schlechtes Wetter zieht auf: Blick zurück auf dieNordseite der gut ausgebauten Passstrasse ins Fagaras-Gebirge.

Will jemand ans Schwarze Meer zum Baden und den rumänischen ‚Binnentourismus‘ in Augenschein nehmen, lohnt sich ein kurzer Abstecher ins unprätentiöse Constanza, danach eine Unterkunft direkt am Meer. Unmittelbar nördlich der Stadt, die als Exil des römischen Dichters Ovid bekannt wurde, trifft man eher jüngere und tendenziell eher mondänere Urlauber. In südlichen Orten (z.B. Eforie Nord/Süd) eher unaufgeregte Familienferien-Atmosphäre.
Durch die KarpatenGerade für Bergfreunde lohnt sich die Fahrt mit Ziel Siebenbürgen über den höchsten Pass und damit durch das Fagaras-Gebirge. Man erfährt, dass es auch in Rumänien mehr als nur ein wenig bergig werden kann.
Tipp: Am höchsten Punkt nächtigt man am besten in der Cabana Balea Lac. Am frühen Morgen empfiehlt sich bei schönem Wetter und mit brauchbarer Alpinausrüstung das Erklimmen von einem der beiden höchsten Berge des Landes: Moldoveanu (östlich der Transfagaras-Route 7c) oder Negoiu (westlich), beide um die 2500 m ü. M. hoch. Und beide in einer Tagestour machbar, je nach Routenwahl mit ca. 800 bis 1000 Höhenmeter Anstieg und ähnlich viel Abstieg.

Historisches Siebenbürgen
Ein bis zwei Zentren von Siebenbürgen gehören beim Besuch von Rumänien fast dazu. Das kann das historisch in älterer und jüngerer Geschichte – mit ersten Aufständen gegen das kommunistische Ceausescu-Regime vor der Wende! – bedeutende Timisoara sein. In Sachen malerische Innenstadt, sanfter Tourismus oder auch herausragende landwirtschaftliche Erzeugnisse (Käse und Wurst!) wohl Sibiu (zu Deutsch: Hermannstadt). Mit seiner Lage direkt an der Bergkette und der schnellen Reiseroute sowohl nach Bukarest wie auch zu den bedeutendsten Klöstern im Norden (siehe unten) empfehlen wir jedoch zuerst Brasov (Kronstadt). Unumgänglich sind hier die zu den schönsten Kathedralen zählende Biserica Neagra (Schwarze Kirche), wo im Übrigen der erste deutschsprachige reformierte Gottesdienst zelebriert wurde. Ein Rundspaziergang um die erhalten gebliebenen Teile der Festung sowie die Seilbahnfahrt auf den Aussichtshügel Tampa schliessen den Ausflug oder Reisehalt ab.

Tipp: Draculafans fahren an zwei bis drei umliegende Orte der Sage, vorab einige Kilometer in südwestlicher Richtung über Rasnov zum Bran-Schloss. Allerdings sollten sie sämtliche nachträglich ‚gelegte‘ Spuren des sagenumwobenen Fürsten keinesfalls als echt betrachten …
Weitere Ausflugsziele
Zwei weitere Reiseziele für die Rumänien-Entdeckungstour:

A. Für an Religion und Sakralbau Interessierte gilt es, von Bukarest über Sibiu/Cluj oder Bacau/Pietra Neamt ganz in den Nord(ost)en Rumäniens zu fahren. Teils schon nahe der moldawischen oder ukrainischen Grenze findet man im Gürtel von Iasi über Pascani, Suceava bis zu Viseu de Sus und etwas weiter einige der bedeutendsten, ältesten Bauten der orthodoxen Kirche.
Infos zu einigen der wichtigsten Moldauklöster

Kirche in Curtea de Arges
In gepflegtem Park gelegen: Kirche in Curtea de Arges, dem früheren Walachei-Fürstensitz.

B. Die historisch Angefressenen sollten neben grösseren Städten drei bis vier alte Herrschaftssitze weltlicher und kirchlicher Macht mit Überresten oder später erweiterten Festungs-, Burg- oder halbwegs erhaltenen Stadtanlagen nicht am Wegrand liegen lassen. Am prominentesten vielleicht das klassisch touristische Sighisoara, keine 100 km von Brasov Richtung Cluj(-Napoca). Etliche gut erhaltene und seit einer Weile gepflegte Spuren aus dem 14./15. Jahrhundert brachten der Stadt 1999 das Unesco-Welterbe.
Unscheinbarer ist eine der ältesten Städte seit dem 14. Jahrhundert und erster Hauptsitz der Walachei-Fürsten: Curtea de Arges. Am Arges gelegen, fährt man von Bukarest über Pitesti durchs Gebirge Richtung Sibiu oder Brasov schnell daran vorbei. Vor allem der Bischofssitz lohnt den Besuch im Herzen der weitherum bekannten Region für Porzellanhandwerk. Kathedrale und der alte Königspalast sind hier ein Besichtigungs-Must.

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Reto Meisser