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31. Dezember 2012

«Ruhestand geht bei mir einfach nicht»

E wie eifrig: Der Kabarettist Emil Steinberger wird diese Woche 80 und ist immer noch dauernd auf Achse. Er blickt auf ein bewegtes Jahr zurück und hat für 2013 bereits zahlreiche Pläne.

Emil Steinberger
Emil: «Wenn ich die Bühne betrete, muss der erste 
Lacher spätestens nach 30 Sekunden kommen.»

Emil Steinberger, was für ein Jahr war 2012 für Sie?

Oi, ein absolut verrücktes Jahr. Im Film «Das kleine Gespenst» gab ich dem Uhu Schuhu meine Stimme, meine Frau und ich hatten für einen geplanten Kinofilm ein Drehbuch fertig geschrieben. Gleichzeitig hatten wir ein Konzept für die Fernsehsendung «Emil lacht!» gemacht, die am 5. Januar ausgestrahlt wird. Das Schweizer Fernsehen plante ursprünglich eine Gala zu meinem 80. Geburtstag, und da ich keine Galas mag, schenkte mir SRF stattdessen zwei Stunden Fernsehzeit am Samstagabend. Dann waren wir mit meinem Bühnenprogramm «Drei Engel» in der Schweiz und in Deutschland unterwegs und sind nun daran, unseren eigenen Verlag Edition E in andere Hände zu übergeben, um mehr Zeit für kreative Arbeit zu haben.

Was ist das für ein Film, für den Sie ein Drehbuch geschrieben haben?

Der Inhalt ist unser schönes Geheimnis. Nur so viel: Was die Handlung angeht, passe ich mit meinem Alter wunderbar zu dieser Geschichte (lacht).

Können Sie mehr über den zweistündigen Beitrag im Schweizer Fernsehen sagen?

Es gibt drei neue Emil-Nummern — zum Beispiel «Emil an der Kasse im Supermarkt» — und ein paar Klassiker. Wir zeigen auch ein Experiment mit meiner alten «Kinderwagen»-Nummer und ausgewählte Szenen anderer Komödianten, die ich besonders lustig finde.

Welche finden Sie lustig?

Die Komiker von früher, angefangen bei Charlie Chaplin über Buster Keaton bis zu Rudi Carrell und Louis de Funès. Von ihnen habe ich die witzigsten Szenen herausgepickt und zusammengestellt. Der Beitrag im Schweizer Fernsehen wird bestimmt kurzweilig. Sie sehen also: Wir haben 2012 wirklich sehr viel gearbeitet.

Sie sind schon seit Jahren im Pensionsalter. Wieso legen Sie nicht einfach die Beine hoch und geniessen den Ruhestand?

Wenn ich die Beine hochlege, läuft das Blut in den Kopf. Das ist nicht unbedingt gesund. Soll ich etwa den Lebensabend im Tessin verbringen? Nein! Ruhestand, das geht bei mir einfach nicht. Ständig kommt Neues auf mich zu. Es gibt doch nichts Schöneres, als kreativ zu arbeiten. Und dann habe ich eine Frau, die ebenso kreativ denkt und arbeitet. So macht das alles Spass. Alleine könnte ich diese Projekte gar nicht bewältigen.

Sie werden am 6. Januar viermal 20 Jahre alt. Welche Bilanz ziehen Sie?

Ja, es sind tatsächlich viermal 20 Jahre: Die ersten Jahre standen im Zeichen der Ausbildung, die nächsten 20 Jahre im Zeichen des Ausprobierens, dann hiess es 20 Jahre hart arbeiten, und in den letzten 20 Jahren ging es ums Auftanken und Neugestalten von Ideen.

Sie haben die gleiche Ausstrahlung wie vor 40 Jahren: vital und voller Kreativität. Was ist Ihr Geheimnis?

Ich weiss nicht, ob es ein Geheimnis gibt. Ich befasse mich nicht mit dem Alter. Geburtstagsfeste waren für mich nie ein Thema. Ich habe erst vor drei Monaten eines Morgens realisiert, dass ich bald die Zahl 80 trage und fand das unvorstellbar. Aber 80 Jahre sind ja heute kein Alter mehr.

Haben Sie keinerlei Altersbeschwerden?

Nein, aber ich suche sie auch nicht (lacht).

Der Mensch hat sich nicht gross weiterentwickelt.

Was haben Sie für Ihre Gesundheit getan?

Manchmal antworte ich auf diese Frage: «Ich treibe keinen Sport.» Vielleicht ist das mein Rezept. Ich nehme jedenfalls nicht an Marathons teil und mache mir somit nicht die Knie beim Laufen über 42 Kilometer Asphalt kaputt. Sehen Sie, schon wieder hat sich ein Skifahrer verletzt, ein anderer Sportler hat sich gedopt. Und dann gibt es 50-Jährige, die halbe Wracks sind, weil sie zu viel Alkohol getrunken haben. Oder alle diese Raucher! Ich trinke und rauche nicht und sagte kürzlich zu meiner Frau: «Eigentlich sollte man eine Zigarettenmarke mit dem Namen Exit einführen.»

Emil Steinberger: «Die Schweizer Politik kuscht zu sehr.»
Emil Steinberger: «Die Schweizer Politik kuscht zu sehr.»

Haben Sie gar keine Laster?

Vielleicht Zeitung lesen. Ich kann einfach an keiner Zeitung vorbeigehen. Es interessiert mich zu sehr, was in diesem Welttheater passiert.

Welche Ereignisse haben Sie in diesem Jahr besonders bewegt?

Am meisten beschäftigt mich, dass es immer wieder zu unnötigen Konflikten kommt. Die politischen Auseinandersetzungen, oft durch religiöse Ansichten verursacht, werden mit jedem Jahr intensiver, weil Andersdenkende nicht akzeptiert werden. Das internationale Parkett präsentiert sich schlimmer als vor 20 Jahren. Und wir sind machtlos. Das bedauere ich sehr. In Sachen Technik machen wir gewaltige Fortschritte, aber der Mensch hat sich nicht gross weiterentwickelt, was das Miteinander angeht.

Wo steht die Schweiz in Ihrem Weltbild?

Unserem Land geht es sehr gut. Das weckt Neid. Und deshalb stehen wir von allen Seiten unter Druck. Wir müssen clever sein und diesem Druck standhalten. Die Schweizer Politik kuscht zu sehr. Wir sollten nicht nur einstecken, sondern auch einmal austeilen, also das antworten, was wir wirklich denken.

Besonders angespannt ist das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland. Wir haben Streit um den Fluglärm oder das Bankgeheimnis. Diskutieren Sie und Ihre Frau Niccel manchmal darüber? Sie kommt ja aus Deutschland.

Wir reden darüber, aber nicht, weil sie aus Deutschland kommt. Sie fühlt sich heute viel mehr als Schweizerin und hat eine sehr schweizerische Optik.

Was stört Sie an unserem Land?

Nur Details. Manchmal ärgere ich mich beispielsweise über die Langsamkeit des politischen Systems oder den Kantönligeist. Wir sollten viel schneller handeln. Ich war hingegen überrascht, wie schnell man den klaren Entscheid zum Atomausstieg getroffen hat. Das finde ich richtig und gut.

1993 sind Sie nach New York gezogen. Hatten Sie eine Sinnkrise?

Nein, ich fand ganz einfach, dass ich 40 Jahre lang nur gearbeitet und nie Zeit gehabt hatte für all die schönen kulturellen Angebote, die das Leben bietet. Ich musste mal meine Nabelschnur durchschneiden und dafür richtig weit weggehen. Niemand wusste genau, wo ich wohnte. Es war mitten in Manhattan, an der Ecke Fifth Avenue und 51st Street.

Sie blieben sechs Jahre. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Sie tat mir gut. Ich habe dort sogar geheiratet, das passte wunderbar. Und weil meine Frau Niccel die Schweiz liebt, war es dann auch kein Hindernis, mit ihr in die Schweiz zurückzukommen.

Heute leben Sie in einer Eigentumswohnung mit Seesicht in Montreux. Ziehen Sie dereinst wieder nach Luzern zurück?

Das muss nicht sein. Ich fühle mich wohl ausserhalb jener Stadt, in der ich 60 Jahre meines Lebens verbracht habe. Von Montreux aus verfolge ich aber mit Interesse, was in Luzern passiert, ohne mich selber engagieren zu müssen. Ich bin in Montreux auch etwas geschützter vor Medienanfragen.

2013 steht die 800. Aufführung Ihrer aktuellen Bühnenshow «Drei Engel!» an. Zahlreiche Aufführungen sind bereits ausverkauft. Die Menschen bekommen einfach nicht genug von Ihnen.

Wenn es anders wäre, würde ich sofort aufhören. In Deutschland reisen die Zuschauer oft Hunderte von Kilometern zu meinen Vorstellungen.

Sind das alles Fans von früher?

Wenn ich nach meinen Auftritten Bücher signiere, höre ich immer wieder von den Zuschauern, dass Emil sie durch ihre ganze Jugendzeit begleitet hat. Diese Leute sind nach meinem Programm ganz einfach glücklich und schätzen es, dass sie mich nun endlich einmal live erleben konnten. Es beeindruckt sie auch, dass ich sehr viel mit der Mimik arbeite. Das ist ja in der heutigen Stand-up-Comedy nicht mehr so verbreitet.

Was denken Sie, wenn Sie frühere Emil-Nummern anschauen?

Sorry, aber dann muss ich ganz einfach lachen. Manchmal denke ich: Emil, wann ist dir denn das wieder in den Sinn gekommen?

Und wann haben Sie Ihre Einfälle?

Wenn ich ein Programm schreibe, verarbeite ich unbewusst Beobachtungen aus dem Alltag. Vielleicht kommt noch das Talent dazu, diese Erlebnisse etwas überspitzt darzustellen. Am Ende entsteht daraus einfach Emil. Die Leute sagen, ich müsse nur auf die Bühne stehen, und schon würde ich sie in den Bann ziehen. Ich verärgere mit meinen Nummern auch niemanden, äussere mich zwar gesellschaftspolitisch, aber nicht parteipolitisch.

«Drei Engel!» begann vor 13 Jahren als normale Lesung. Heute ist es auch wieder die Show eines Komikers. Können Sie einfach nicht anders, als das «Chalb» zu machen?

Es scheint schon etwas mehr zu sein. Eigentlich wollte ich ja gar nicht mehr auf die Bühne zurück. Für mich war das Thema 1987 mit dem letzten «Emil»-Auftritt abgeschlossen. Ich hatte danach keine Entzugserscheinungen. Dann wurde ich für Lesungen aus meinem Buch «Wahre Lügengeschichten» engagiert, und diese Geschichten wurden immer lustiger. Ich las immer weniger und erzählte immer mehr Geschichten aus meinem Leben, und die Zuschauer hörten mir gerne zu (lacht). So ist das Programm «Drei Engel!» entstanden.

Emil Steinberger wird am 6. Janauar 2013 80 Jahre alt.
Emil Steinberger wird am 6. Janauar 2013 80 Jahre alt.

Sie standen vor über 50 Jahren erstmals auf der Bühne. Hat sich das Publikum seither verändert?

Nein. Ich habe übrigens immer wieder Kinder im Publikum, bei denen auch meine alten Nummern gut ankommen. Das finde ich schön. Mir ist wichtig: Wenn ich die Bühne betrete, muss der erste Lacher spätestens nach 30 Sekunden kommen.

Meine Frau und ich haben die gleiche Wellenlänge.

Sie selbst lachen in diesem Gespräch oft. Was muss passieren, damit Emil Steinberger sich ärgert?

Oje! Meist sind es Geschehnisse aus der Weltpolitik, kriegerische Auseinandersetzungen zum Beispiel.

Und wer oder was heitert Sie dann wieder auf?

Meine Arbeit lenkt mich ab. Meine Frau und ich haben die gleiche Wellenlänge. Sie ärgert sich ebenso wie ich. Und dann regen wir uns gemeinsam wieder ab.

Sie arbeiten seit Jahren zusammen und teilen auch das Privatleben. Wird das Ihnen beiden nie zu viel?

Nein, weil es einfach perfekt stimmt zwischen uns. Gestern schrieb ich ihr im Zug ein SMS, und in der gleichen Sekunde bekam ich eines von ihr. Das sind kleine Wunder.

Stichwort Wunder: Was wünschen Sie sich zum Geburtstag nächsten Sonntag?

Ach, ich bin wunschlos glücklich. Vielleicht Gesundheit und mehr Zeit. Aber neugierig sein und arbeiten ist das beste Rezept für die Gesundheit.

Ist irgendwann einmal Ruhestand in Sicht?

Nein, solche Wünsche gibt es bei mir nicht. Klar, ich könnte Bücher lesen, ins Kino gehen und Theater besuchen. Darauf freue ich mich schon ab und zu. Und weil ich von Niccel auch immer Hilfe erhalte bei meinem Tun, möchte ich ihr ebenso gerne helfen, ihre Ideen zu verwirklichen.

Autor: Reto Wild, Yvette Hettinger

Fotograf: Ruben Wyttenbach