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26. März 2012

«Ruhe ist anspruchsvoll»

Toni Brühlmann (63) aus Männedorf ist seit 23 Jahren ärztlicher Direktor der Privatklinik Hohenegg in Meilen.

Toni Brühlmann
«Planen Sie Erholung und Entspannung in Ihre Agenda ein.» (BIld: Markus Bühler-Rasom)

Toni Brühlmann, wer ist besonders von Burn-out betroffen?

Alle Menschen, die unter Dauerstress stehen, wie Personen in Führungspositionen oder Leute im Erziehungs-, Gesundheits- und Sozialwesen.

Wieso spricht man immer mehr von Burn-out und nicht einfach von Depression oder Ängsten?

Man hat auch heute noch Angst vor Stigmatisierung. Bei Burn-out ist das weniger der Fall, weil es eher mit einer wichtigen beruflichen Position verbunden und als Folge einer zu grossen Arbeitsmenge angesehen wird. Viel Stress zu haben, ist nicht diskriminierend.

Wie entkommt man der Burn-out-Falle?

Der erste Schritt ist, die eigene Überforderung zu erkennen und ernst zu nehmen. Dann darf man sich nicht nur als Opfer schwieriger Arbeitsverhältnisse sehen. Den übermässigen Stress verursacht man auch selber, etwa weil man glaubt, immer perfekt sein zu müssen. Es ist wichtig, die Verantwortung für seinen Zustand wieder vermehrt in die eigenen Hände zu nehmen und nicht beim Chef oder der Gesellschaft zu belassen.

Sind Menschen mit einem Burn-out bereit, ihr Leben zu ändern?

Ja, fast alle, die ein Burn-out durchgemacht haben, sind auch bereit, Veränderungen im Leben vorzunehmen. Burn-out ist auch eine Chance, mehr zu sich zu finden.

Was hilft, dem Stress zu entkommen?

Meditative Praktiken wie Yoga oder Shiatsu sind geeignet, um wieder zu sich selbst zu kommen. Sie sind ein Freiheitstraining, in dem man lernt, sich vom Alltag abzugrenzen. Aber das ist nicht jedermanns Sache. Denn Ruhe ist anspruchsvoll. Hilfreich kann auch sein, sich an frühere Leidenschaften und Hobbys oder an alte Freundschaften zu erinnern, um diese wieder aufzunehmen.

Ist Sport geeignet, um Stress abzubauen?

Ja, aber nur, wenn man ihn nicht in der Managerhaltung absolviert, also zwischen zwei Termine quetscht. Planen Sie darum Bewegung und Erholung gezielt in Ihre Agenda ein. Regelmässig Ferien auf das Jahr verteilt zu planen, hilft ebenfalls, sich zu entspannen und zu erholen.

Autor: Thomas Vogel