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27. Mai 2013

Rollentausch

Kind am "Täubele"
Anstrengende Täubeliphase: Die Kleine streikt. (Bild: iStockPhoto)

Wow, das fühlte sich gut an! Meine Lieblingszweijährige hatte mal wieder einen «Täubeli-Anfall» gehabt und sich auf den Boden geworfen. Und ich hatte den Spiess spontan umgedreht. Nun lag ich neben ihr auf dem Fussweg und jammerte: «Ich will getragen werden.» Das Kind, das eben noch den sterbenden Schwan gemimt hatte, guckte mich verdutzt an. Dann brüllte es weiter. Vor Wut. Die Töne kamen ganz tief unten aus seinem Bauch. Der Rollentausch kam ihm nämlich ungelegen.

Während ich da lag, stellte ich mit Erstaunen fest, dass der Boden von der Sonne aufgewärmt war. Das Blasenentzündungsgezeter von vorhin hätte ich mir echt sparen können. Es war sogar total gemütlich auf dem Asphalt.

Als ich den Kopf drehte und einer Ameise bei der Arbeit zusah, wurde mir klar, dass ich auch so ein Arbeitsinsekt bin. Seit ich Kinder habe, funktioniere ich perfekt. Nestbau, Nahrungsbeschaffung, Verteidigung vor Feinden – und immer wieder Brutpflege. Was für ein Pensum. Und wenn dann mal wieder eine meiner Töchter am Rad dreht, bin ich auch noch die Krisenmanagerin. Oder die Animateurin. Eigentlich eine unglaubliche Leistung.

Ich lag also da, mitten in unserer grossen Überbauung, auf einem dieser kleinen Wege, mit dem die Häuser untereinander verbunden sind. Haben Sie das Bild vor Augen? Eine trotzende Zweijährige, die sich der Länge nach auf den Boden geworfen hat. Und daneben eine total entspannte Mutter, die ausgestreckt da lag und es irgendwie schaffte, das Gebrüll auszublenden. Dass in den Wohnungen ringsum die Vorhänge wackelten, war mir egal. Hatten die noch nie eine 36-Jährige gesehen, die am helllichten Tag auf dem Asphalt lag? Nein? Selber schuld! Für einmal war es mir so was von egal, was die anderen von mir dachten. Das war ein super Gefühl.

Evas Streik löste sich nach ungefähr zehn Minuten in Luft auf. Ihr Heulen ging in Glucksen, dann in Lachen über. Sie kletterte auf mich und turnte auf ihrem Mama-Klettergerüst. Dann konnten wir unseren Weg fortsetzen. Ganz ohne «Täubelen».

Als mich später am Tag meine Grosse nervte, wendete ich den Rollentauschtrick erneut an. Ich quengelte virtuos vor mich hin: «Ich will sofort Wasserfarben malen. Ich brauche jetzt Gummibärli (aber nur die grünen ...). Ich brauche augenblicklich dein Handy, damit ich das Legospiel spielen kann.» Erst war Ida verdutzt, doch sie kapierte schnell, wie das Spiel ging. «Nein, ich habe für all diese Dinge jetzt keine Zeit. Ich muss noch was am Computer machen.»

Autor: Bettina Leinenbach