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26. Mai 2014

Rollenspiele

Nur Jungs als Superhelden?
Nur Mädchen mit Glitzerzeug und Jungs als Superhelden? Das muss nicht sein ... (Bild Fotolia)

Neulich fragte eine Bekannte von mir über Facebook in die Runde: «Unsere Julia wird nächste Woche fünf, habt ihr Ideen, was wir am Kindergeburtstag spielen könnten?»
«Das kommt darauf an», schrieb Tanja Z., Erzieherin.
«Worauf?»
«Na, ob ihr vor allem Mädchen oder auch Jungen eingeladen habt.»
(Bis zu dem Zeitpunkt las ich den Thread nur beiläufig mit, aber nun war ich hellwach. Eine ausgelernte Erzieherin gab Tipps. Schnell einen Block und einen Stift zur Hand nehmen und mitschreiben, denn die hatte sicher was Schlaues zu sagen.)
Julia-Mami antwortete: «Unsere Kleine hat sechs Mädchen und zwei Jungen eingeladen.»
Tanja Z. «Oha, dann würde ich auf jeden Fall Sachen für Mädchen machen. Also du könntest mit ihnen Ketten basteln. Oder ihnen die Fingernägel lackieren. Als Feen verkleiden kommt auch immer super an.»
«Und was mache ich mit den beiden Jungs?», wollte die Mutter wissen.
Ich schaltete mich ein: «Ach, Julias Eltern haben bestimmt ein, zwei scharfe Messer in der Küchenschublade. Da könnten die Buben doch Messerwerfen spielen. Oder gleich im nahe gelegenen Wald das Nachtessen erjagen, während sich die Mädchen schön machen.»
Es machte leise ping! und prompt erschien die Antwort der «Erziehungsexpertin» auf dem Schirm. Ich weiss gar nicht mehr so genau, was sie schrieb. Aber es fühlte sich an wie das Fauchen einer Löwin, der man auf den Schwanz getreten war …
Ich überlegte noch kurz, ob ich – gewissermassen zur Versöhnung – erklären sollte, warum mich diese Geschlechterrollenklischees nervten. Aber die Kinderversteherin hatte sich bereits ausgeloggt.

Dabei ist die Sache doch recht einfach: Wir Erwachsenen machen das mit den Kindern. Wir sind diejenigen, die ihre Welt in zwei Bereiche einteilen: Es gibt den pinkfarbenen Glitzerkosmos, in dem alles nach künstlichem Erdbeeraroma riecht. Dort reiten blond gelockte Feen auf Einhörnern durch die Gegend und schmeissen mit Glitzerpartikel um sich. Auf der anderen Seite des Universums kämpfen Miniaturritter in Camouflagefarben gegen das Böse. Und wenn sie mal keine Drachen oder Dämonen töten, dann stapeln sie Steine aufeinander oder baggern so lange in der Erde, bis sie auf Dinosaurierknochen stossen. Wenn heute ein Baby geboren wird, heisst es: «Schön, bisch da. Aber jetzt entscheid dich für Tor 1 oder Tor 2!»

Ich sage ja gar nicht, dass mein Mann und ich es besser machen. Aber wir versuchen zumindest, nicht andauernd in die Falle zu tappen. Kinder sollte man unabhängig von ihrem Geschlecht gleichberechtigt behandeln. Wir versuchen, die Signale unserer Töchter wahrzunehmen. Wenn Ida gerne mehr über den Weltraum erfahren will, dann leihen wir ein Astronautenbuch in der Bibliothek aus. Und wenn Eva unbedingt Plastikstögelischuhe braucht, dann besorgen wir ihr welche. Ausserdem schwimmen wir im Alltag deutlich gegen die gängigen Klischees an: Ich bin bei uns die Rasenmäherin, und er ist der Koch, ich hebe tonnenschweres Zeugs, und er hilft Ida dabei, der Barbie das verflixt enge Badekleid anzulegen.

Manchmal fragen wir uns aber schon, ob das überhaupt eine Rolle spielt. Bei der Zweiteilung der Welt sind nämlich höhere Mächte am Werk. Neulich spielte Ida bei uns daheim mit ihren zwei Freunden Verkleiden. Obwohl meine Tochter eine mehrteilige Piratenausrüstung hat, die sie liebt, durften die Buben dieses Mal die Freibeuter sein. Sie schlüpfte dafür, ohne zu Murren, in das sonst verschmähte Prinzessinnenkleid. Während die wilden Kerle mit Säbel aufeinander losgingen, begann sie wie von Sinnen das Parkett mit einem Minibesen zu wischen.
«Ida, was spielt ihr denn?»
«Siehst du doch, Piraten.»
«Und was bist du?»
«Die Prinzessin.»
«Okay, und was genau machst du da?»
«Aber Mami, ich bin doch die Frau, ich muss das Schiffsdeck schrubben.»
Wer sich mit dem Thema befassen will, dem empfehle ich das soeben erschienene Buch: Almut Schneering und Sascha Verlan: «Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees», Kunstmann Verlag, ISBN 9783888979385. Auch bei ExLibris bestellbar.
Die Autoren setzen sich sehr unterhaltsam und dennoch fundiert mit der Zweiteilung der Welt auseinander.

Autor: Bettina Leinenbach