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15. Februar 2016

«Wir bewegen uns auf dünnem Boden»

Rolf Lyssys Komödie «Die Schweizermacher» über Einbürgerungen ist bis heute der erfolgreichste Schweizer Film. Angesichts der erstarkten Fremdenfeindlichkeit sorgt er sich um den sozialen Frieden.

Regisseur Rolf Lyssy
Für den 80-jährigen Regisseur Rolf Lyssy hat Humor einen hohen Stellenwert.

Rolf Lyssy, «Die Schweizer­macher» ist bis heute der erfolgreichste Schweizer Film ­aller Zeiten. Sie sind der Regisseur. Fühlen Sie sich darauf ­redu­ziert – Sie haben ja noch 15 andere Filme gedreht?

Ich habe mich daran gewöhnt und kann mittlerweile gut damit umgehen.

«Die Schweizermacher» mit Emil in einer Hauptrolle zeigt, wie in den 70er-Jahren Einbürgerungswillige von Kantonspolizisten observiert und befragt wurden. Warum hat der Film den Nerv der Zeit getroffen?

Er nimmt ein ernstes Thema ernst und ironisiert es gleichzeitig. Das ist offenbar sehr gut gelungen. Und das Thema hat bis heute an Aktualität nichts eingebüsst.

Der Film entstand im Klima von James Schwarzenbachs Überfremdungs-Initiative. Sie sollte die Zuwanderung stark begrenzen.

Es waren sogar vier Initiativen zu dem Thema, und sie alle fanden keine Mehrheit, die letzte Überfremdungs-Initiative scheiterte 1977.

Erinnert Sie die aktuelle Stimmung an damals?

Ich finde die Stimmung zurzeit sehr unangenehm. In der Schweiz steht uns die Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative bevor, und in Deutschland gibt es diese rechtsextremen Pegida- und AdF-Bewegungen. Das ist grauenhaft!

Der Antisemitismus lebt wieder auf. Als «Die Schweizermacher» 1979 in die Kinos kam, gab es im Treppenhaus Ihres Hauses plötzlich Hakenkreuze an der Wand …

Ja, ausserdem war mein Briefkasten verschmiert, und ich ­bekam anonyme Anrufe. Am 1. Januar 1979 war in Zürich die Tür eines der Kinos, in denen der Film lief, rot angemalt. Wir haben damals entschieden, nicht darauf zu reagieren.

Ihre Grosseltern sind im Konzentrationslager Minsk ermordet worden. Haben Sie Angst, dass sich Geschichte wiederholt?

Angst nicht, nein. Aber es zeigt sich einmal mehr, wie dünn – sperrholzdünn! – der Boden ist, auf dem wir uns alle bewegen.

Alle?

Ja, ich meine wirklich alle. Ich rede vom Boden der Gesellschaft, vom sozialen Frieden.

Spiesser gibt es ja immer noch ...

Die Schweiz ist bunter als zur Zeit der «Schweizermacher». Wie müsste man heute diese Geschichte erzählen?

Das stimmt, ein Schwarzer war damals eine Seltenheit, sogar in Zürich. Und es gab wenige Muslime im Land. Im Geist könnte man «Die Schweizermacher» noch genauso erzählen, Spiesser gibt es ja immer noch. Aber man müsste berücksichtigen, dass die Ängste wieder grösser geworden sind und heute vieles komplexer ist. Die Menschen sind mit Veränderungen konfrontiert, die nicht jedermann gleich gut verkraften kann.

Wie hilft Humor dabei?

Er ist wie ein Gewürz, man spricht ja auch von der «Prise Humor». Er schafft ein Verständnis und ein Empfinden, das einem erlaubt, in einem Moment zu lachen, in dem man eigentlich weinen müsste. Er relativiert vieles, auch Unbill. Lachen ist manchmal die halbe Miete zur Lösung eines Problems. Jemand, der keinen Humor hat, ist vermutlich ärmer dran als jemand mit Humor. Ich weiss, wovon ich spreche.

Weil Sie eine schwere Depression durchgemacht haben. Wie erging es Ihnen damit?

Da war auch der Humor weg, ich war nicht mehr fähig zu lachen. Das ist etwas vom Schrecklichsten, was einem widerfahren kann. Darum hat für mich das Lachen, die Komik, der Humor seither einen noch viel höheren Stellenwert.

Sie arbeiten jetzt zum ersten Mal seit Ihrer Depression an einer neuen Komödie mit ernstem Hintergrund.

Das mache ich am liebsten: Dramatische Geschichte so erzählen, dass man auch über das Lachen und Schmunzeln zu einer Erkenntnis kommt. Die Verbindung von Tragik und Komik hat mich immer interessiert, bei all meinen Filmen. 


Zu Lyssys 80. Geburtstag erscheint das Buch «Die Schweizermacher - Und was die Schweiz ausmacht», Georg Kohler/Felix Ghezzi (Hg.).
Bei ExLibris für Fr. 24.65.

Autor: Esther Banz