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30. Juni 2014

Rolf Dobelli über Medienverweigerung, ZurichMinds und Ausserirdische

Der erfolgreichste Sachbuchautor der Schweiz ignoriert Nachrichtenmedien und rechnet damit, dass es noch zu seinen Lebzeiten Kontakte zu anderen Zivilisationen im All geben wird. Dazu schildert er sein Projekt ZurichMinds. Das ganze Interview aus dem Migros-Magazin vom 30. Juni 2014 finden Sie rechts.

Rolf Dobelli
Rolf Dobelli, Autor der Bestseller «Die Kunst des klaren Denkens» und «Die Kunst des klugen Handelns».

Rolf Dobelli, Sie schreiben Kolumnen für Zeitungen und Magazine, lesen selbst aber offenbar nur Bücher sowie den «New Yorker», «Science» und «Nature». Sie raten sogar generell vom Konsum von Nachrichtenmedien ab. Ist das nicht ein bisschen paradox, weil Sie damit eigentlich abraten, dass man Sie liest?

Medien sind super, um Ideen zu verbreiten, von daher nutze ich sie dafür auch. Ansonsten ist es, wie wenn man eine Brauerei führt, aber selbst kein Bier trinkt – das geht schon. Ich selbst brauche Medien nicht als Informationsquelle für News, finde sie sogar schädlich. Und damit meine ich diese Kurznachrichten, die heute so verbreitet sind, in «20 Minuten» zum Beispiel. Ich rede nicht von Artikeln, die seriös recherchiert sind und über fünf Seiten gehen, die finde ich gut, da lerne ich auch etwas. Aber was bringt es mir zu wissen, ob im Syrienkonflikt wieder eine Bombe hochgegangen oder bei einem Autounfall in Zürich ein Velofahrer angefahren worden ist? Ich lese keine Tageszeitung, höre kein Radio, schaue kein Fernsehen, das ist für mich alles Zeitverschwendung. Es gibt gute journalistische Leistungen, aber die brauchen Zeit, Platz und Geld – und all das wird Journalisten leider immer mehr genommen.

Auf welcher Informationsgrundlage stimmen Sie ab oder wählen Sie?

Ich rede mit meiner Schwester, sie ist politisch sehr aktiv, und ich vertraue ihrer Einschätzung. Und ich diskutiere mit Freunden. Meine Informationsquelle ist primär mein reales soziales Netz. Und bei einer Initiative lese ich natürlich den Initiativtext.

Ich lese keine Tageszeitung, höre kein Radio, schaue kein Fernsehen, das ist für mich alles Zeitverschwendung.

Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, damit kurzatmige Gratiszeitungen weniger erfolgreich werden und Hintergrund- und Analyseformate wieder mehr Resonanz finden?

Ich glaube, am Ende wird es eine Aufspaltung geben. Das Kurzfutter wird bleiben, weil es offensichtlich etwas ist, was die Leute wollen. Aber es wird auch immer Menschen geben, die bereit sind für längere, gut recherchierte Beiträge, die Zusammenhänge aufzeigen, zu bezahlen. Das werden allerdings Nischenprodukte sein, die sich nicht über die Werbung finanzieren lassen, weil sie schlicht zu wenig Leser haben. Es braucht also eine hohe Abo-Gebühr oder eine Art Club, dessen Mitglieder vielleicht auch noch regelmässig zu spannenden Events eingeladen werden.

Rolf Dobelli liest nur lange Recherche-Artikel, kein Kurzfutter.
Rolf Dobelli liest nur lange Recherche-Artikel, kein Kurzfutter.

So etwas wie ZurichMinds also. Weshalb haben Sie dieses Forum vor sieben Jahren gegründet?

Ich komme ja ursprünglich aus der Wirtschaft und kenne deshalb dort noch immer viele Leute. Dabei fiel mir auf, dass die meisten von ihnen wenig Ahnung haben, was in den letzten 20 Jahren wissenschaftlich so passiert ist. Sie waren damit beschäftigt, ihr Unternehmen möglichst gut zu führen, für die grossen Fragen hatten sie keine Zeit. Das fand ich bedauerlich und organisierte deshalb eines Abends informell in einer Bar in Zürich eine kleine Zusammenkunft. Ich lud 20 CEOs und 20 Wissenschaftler ein und bat Letztere, einfach kurz zu berichten, was das Weltbewegendste ist, an dem sie gerade arbeiten. Nach dem Anlass kamen die CEOs zu mir und fragten, wann es den nächsten Event gibt. Daraus wuchs ZurichMinds. Mittlerweile sind wir etwa 1000 Leute, hauptsächlich aus der Schweiz und Deutschland. Wir treffen uns einmal im Jahr im Zürcher Kaufleuten zu einem grossen Symposium.

Sehen Sie auch das als Aufklärungsprojekt?

Genau. Mir geht es darum, dass die Leute etwas lernen, und ich finde es schade, dass die Wirtschaft so selten mit der Wissenschaft redet, von ein paar wenigen spezifischen Branchen wie Pharma mal abgesehen. Hinzu kommt, dass die Wissenschaftler unter sich auch nicht miteinander reden. Das wollte ich ändern. Und es sind daraus auch schon ein paar Kooperationen entstanden.

Was braucht es für Qualifikationen, um an ZurichMinds teilnehmen zu dürfen?

Man muss Unternehmer, Wissenschaftler oder Künstler mit internationaler Ausstrahlung sein. Der Anlass ist für die Teilnehmenden gratis, er wird über Sponsorengelder finanziert, die ich zusammentrommle. Wenn wir das weiter öffnen würden, kämen viel zu viele Leute, und dann könnten wir es finanziell nicht mehr stemmen. Deshalb steht auf der Website zur Abschreckung auch dieser arrogante Satz: Unless you are an international scholar, do not contact us. We will contact you. Und so läuft das auch: Ich melde mich bei den Leuten, die ich gern dabei hätte.

Bei ZurichMinds bringt Dobelli Wirtschaftsführer und Wissenschaftler zusammen.
Bei ZurichMinds bringt Dobelli Wirtschaftsführer und Wissenschaftler zusammen.

Von aussen wirkt das wie ein ziemlich elitärer Club.

Das liegt daran, dass ich zu Beginn von Interessenten überrollt wurde. Alle möglichen Headhunter und Networker wollten unbedingt ebenfalls dabei sein. Ich musste also entsprechende Gegenmassnahmen ergreifen – zu Beginn habe ich jedem ein freundliches Absagemail geschrieben, aber das wurde irgendwann einfach zu aufwendig.

Die letzte Minds-Veranstaltung im Dezember fand erstmals in Berlin und Zürich statt. Wie liefs in der deutschen Hauptstadt?

Es war ein voller Erfolg. Der kürzlich verstorbene Frank Schirrmacher von der «FAZ» hatte das angeregt. Nun hat die Zeitung jedoch einen neuen CEO bekommen, und der hat erst mal alle Kooperationen gestoppt, die das Kerngeschäft nicht direkt unterstützen. Aber wir sind dran, einen neuen Partner in Deutschland zu suchen, damit wir im nächsten Jahr wieder in Berlin sind.

Was haben Sie bei den letzten Minds-Events gelernt?

Zum Beispiel dass man mittlerweile auf ganz weit entfernten Planeten Atmosphärenforschung betreiben kann. Das wirft natürlich sofort die Frage auf, wie viele dieser Planeten Leben haben könnten. 5 Prozent? 10 Prozent? Und die Hälfte davon hat vielleicht sogar höher entwickeltes Leben, so wie wir. Ich rechne damit, dass es noch zu unseren Lebzeiten Kontakte zu anderen Zivilisationen im All geben wird. Schliesslich schicken wir seit fast 100 Jahren Radiosignale in den Äther, die sich immer weiter hinaus bewegen und schon jetzt etwa 1000 Sonnensysteme erreicht haben. Man kann dort draussen also seit Jahrzenten unsere Radio- und Fernsehprogramme empfangen, und vielleicht ist ja bereits eine Antwort auf dem Weg zu uns.

Auch im Jahr 2014 sind noch nicht alle Geschichten erzählt.

Sie haben mal gesagt, Romane seien schwieriger zu schreiben als Sachbücher, weil man einen intelligenten Plot entwickeln müsse. Aber ist es nicht auch leichter, weil man dabei völlig frei ist und sich nur begrenzt an die reale Welt halten muss?

Nein, es ist viel schwieriger. Bei Sachbüchern weiss man genau, über was man schreibt, das spart enorm viel Entwicklungszeit. Und man weiss, wo und wie man sich ins Thema einlesen kann. Es braucht zwar noch kreative Arbeit, aber die ist überschaubar. Das Erfinden eines guten Plots ist viel, viel schwieriger. Letztlich ist die Story entscheidend, sie bestimmt, ob man sich in 100 oder 200 Jahren noch an den Roman erinnert. Ob er schön geschrieben ist, ist nebensächlich. Eine solche Handlung, einen Ur-Plot, zu erfinden, ist unheimlich schwierig.

Dobelli sucht immer noch nach einem wirklich originellen Roman-Plot.
Dobelli sucht immer noch nach einem wirklich originellen Roman-Plot.

Und auch Sie suchen nach der Story, von der man noch in Jahrzehnten spricht?

Davon träumt jeder Schriftsteller. Ich mache mir immer Notizen, wenn mir etwas einfällt. Aber noch habe ich den perfekten Plot nicht gefunden.

Gibt es überhaupt noch fundamental neue Geschichten?

Ich glaube fest daran, dass es noch immer neue Ur-Plots gibt. Auch im Jahr 2014 sind noch nicht alle Geschichten erzählt.

Fotograf: Christian Schnur