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10. Juni 2013

Roger de Weck: «Wir müssen dort sein, wo das Publikum ist»

Roger de Weck ist seit 2011 Generaldirektor der SRG SSR. Der einstige Chefredaktor von «Tages-Anzeiger» und «Zeit» über das Ende von Teletext, Videos auf der eigenen Homepage, hohe Gebühren und weshalb der arabische Nachrichtensender Al Jazeera eines Tages zum harten Konkurrenten werden könnte.

Roger de Weck, Generaldirektor der SRG SSR.
«Wären wir ein einsprachiges Land, betrüge die Empfangsgebühr nicht 462.40, sondern 260 Franken.» Roger de Weck, Generaldirektor der SRG SSR.
Fascht e Familie
Fascht e Familie (Bild: SRF).

ALTE UND NEUE SERIENHITS
Ausserdem zum Thema: Wir erinnern uns an die SF-Hits der Vergangenheit und erfinden die SRF-Knaller der Zukunft. Vielleicht ist auch etwas für Sie dabei, Roger de Weck? Zum Artikel

Roger de Weck, der Bundesrat hat kürzlich entschieden, dass die SRG auf der eigenen Homepage Texte veröffentlichen darf, die nichts mit dem Programmangebot zu tun haben. Wie erleichtert sind Sie?

Das Wesentliche ist etwas anderes, das öffentlich bisher kaum erörtert wird: Neu dürfen wir Sendungen, Videos und Audiobeiträge machen, die nur im Internet zu sehen respektive zu hören sind. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten.

Wann setzen Sie das um?

Wir beginnen im zweiten Halbjahr. Der schwedische Service public produziert Serien, die nur fürs Internet geeignet sind, gedreht von Jugendlichen für Jugendliche. Die Hauptfiguren sind keine Fernsehstars, sondern Stars aus den sozialen Medien. Der kanadische Service public hat Internetserien sogar zur Branche entwickelt. Weshalb sollte sich nicht etwas Ähnliches in der Schweiz entfalten?

Demnach gehören für Sie audiovisuelle Beiträge im Internet zum Angebot, das der Service public ermöglichen soll?

Klar, denn das Audiovisuelle ist unser Auftrag und unsere Kernkompetenz: Wir sind dazu da, Audios und Videos zu produzieren, die das Publikum erreichen. Unser Publikum war früher in den Fernseh- und Radiokanälen, heute wechselt es gern ins Internet. Dort zu sein, wo das Publikum ist, macht seit je den Erfolg der SRG aus. Die Debatte, was denn Rundfunk und was Internet sei, ist anachronistisch, die Grenzen verwischen bereits. Ende 2013 führen wir das interaktive Angebot SRF+ ein, das im Lauf der Zeit den Teletext ablösen wird. SRF+ ist halb Rundfunk, halb Internet.

Die Diskussion über die SRG-Inhalte im Internet ist demnach überholt.

Ja, zumal im Internet der Schuster SRG bei seinen Leisten bleibt, nämlich beim Audiovisuellen. Das ist, um es in meiner Muttersprache zu sagen, «notre cœur de métier», Herzstück unseres Handwerks. Allerdings sind audiovisuelle Produktionen ausserordentlich teuer, und das Geld ist knapp im Vergleich zu unseren ausländischen Konkurrenten, die in der Schweiz zwei Drittel Marktanteil halten. Das ZDF hat für Fernsehen in einer Sprache 40 Prozent mehr Geld als die SRG für Radio und Fernsehen in vier Sprachen. Uns fehlen nur schon die Mittel, aber auch die Kompetenz und der Wille, zeitungsähnliche Angebote zu machen.

Wie behaupten Sie sich gegen die ausländische Konkurrenz?

Radio, Fernsehen und zusätzlich das unerlässliche Online-Angebot: Die SRG muss mehr machen mit weniger Geld, da die Höhe der Empfangsgebühren seit Jahren gleich bleibt und die Werbeerlöse eher sinken. Und dies alles in einem härter werdenden Wettbewerb: Sämtliches Videomaterial, das wir während eines ganzen Jahres auf den SRG-Kanälen ausstrahlen, macht bloss 1,4 Prozent von dem aus, was täglich auf Youtube hochgeladen wird. Wir sind in einem Ozean, und darin werden wir uns nur mit Produktionen aus der Schweiz für die Schweiz unterscheiden.

Das sind die teuersten.

In der Tat. Eine äusserst kostengünstig in der Schweiz hergestellte Fernsehserie kostet 10'000 Franken pro Minute. Beste US-Serien sind für 100 Franken pro Minute zu haben: 100 Mal billiger.

Wären wir ein einsprachiges Land, betrüge die Empfangsgebühr nicht 462.40, sondern 260 Franken.

Und wir bezahlen die höchsten Gebühren in Europa.

Kein anderes Land braucht Radio und TV in vier Sprachen. Wären wir ein einsprachiges Land, hätte die SRG zwei Drittel weniger Sender. Dann betrüge die Empfangsgebühr nicht 462.40, sondern 260 Franken.

Die SRG betreibt 18 Radio- und 7 TV-Stationen in allen vier Sprachregionen. Wie lange noch?

Der eidgenössische Gedanke und das Gesetz verpflichten die SRG zu einem gleichwertigen Angebot in den drei grossen Landessprachen, plus ein Radio und Fernsehsendungen für die so wichtige Minderheit der Rätoromanen. Ein Politiker, der dies infrage stellt, verspielt seine Karriere: Unser Land lebt davon, dass weder die Deutschschweizer Mehrheit bevorzugt wird noch die Minderheiten benachteiligt werden. Das ist der Schlüssel für jene Schweizer Stabilität, die das Fundament unseres wirtschaftlichen Erfolgs ist. Allerdings eröffnet das digitale Zeitalter die Chance, kleinere Gruppen gezielt übers Internet zu erreichen statt über Massenangebote via Rundfunk.

Sie sind nun seit zweieinhalb Jahren SRG-Generaldirektor. Was reizt Sie an diesem Amt?

Die meisten Journalisten finden den Journalismus so attraktiv, dass sie nur den Kopf schütteln, wenn ein Kollege den Beruf wechselt. In Ihrer Frage klingt viel Liebe zum eigenen Gewerbe mit, diese Liebe teilen wir. Trotzdem: Mich reizt der Triathlon …

Obwohl Sie als vierfacher Marathon-Finisher nur Langstreckenläufer sind?

Für Marathon-Trainings fehlt mir nun die Zeit. Hingegen gefällt mir mein beruflicher Triathlon: Mit einem guten Team erstens dafür sorgen, dass das Medienhaus SRG die Chancen des digitalen Zeitalters ergreift; zweitens die betriebswirtschaftlichen Hausaufgaben erledigen; und drittens die staatspolitische Aufgabe wahrnehmen, den Service public hochzuhalten – solcher Dreiklang entspricht mir. Viele Menschen verstehen von den Medien oder vom Management oder von der Politik mehr als ich. Aber es gibt vielleicht nicht viele, die diesen Dreiklang draufhaben.

Sie sagen gleichzeitig von sich, dass Sie kein Manager sind. Ist das nicht ein Widerspruch?

An der Zürcher Bahnhofstrasse haben ein paar Mächtige zwar den Managerkult getrieben, aber sonst nicht geglänzt, um es diplomatisch zu formulieren. Dieses Unternehmen manage ich nicht — ich führe es. Die Qualität der Arbeit und die Kompetenz vieler Kolleginnen und Kollegen beeindrucken mich. Sie sind engagiert, mit ihrer Aufgabe stark identifiziert, und nicht in erster Linie monetär getrieben.

Das könnte man über viele Berufe in der Schweiz schreiben. Nur sind diese Jobs verschwunden, weil der Markt nicht da war, sie aufzufangen.

Wir behaupten uns, weil wir leistungsstark sind. Unser neuer Produktionschef in der Deutschschweiz kommt von RTL und war Berater beim arabischen Sender Al Jazeera. Er hält die SRG für einen der effizientesten Anbieter in Europa. Al Jazeera übrigens wird eines Tages zum harten Konkurrenten der SRG.

Leider ist nicht auszuschliessen, dass dereinst der FC Basel gegen die Grasshoppers auf Al Jazeera über­tragen wird statt von der SRG.

Wie meinen Sie das?

Der Emir von Katar, der Al Jazeera besitzt, ist intelligent und weiss, dass die Liebe zum Fussball nachhaltiger ist als seine Erdölreserven. Er investiert massiv in Sportkanäle. Er hat bereits 16 Bezahlsender für Sport und will deren 40. Er hat die Übertragungsrechte an der französischen Fussballmeisterschaft gekauft, nun begehrt er die spanische. Leider ist nicht auszuschliessen, dass dereinst FC Basel gegen die Grasshoppers auf Al Jazeera übertragen wird statt von der SRG — weil der Emir ein wenig mehr Petrodollars hat als wir.

Ihre Aufgabe ist letztlich defensiv. Sie müssen …

(unterbricht) Einspruch, Euer Ehren, wir sehen lauter Chancen, wir nutzen die wunderbaren Möglichkeiten des digitalen Zeitalters. Wer sich der neuen Epoche stellt, hat Zukunft. Wer klagt, früher seis besser gewesen, der ist bald Vergangenheit. Jahr für Jahr wird im Sorgenbarometer der Credit Suisse das Ansehen der Schweizer Institutionen gemessen: Jahr für Jahr sind die Werte für Radio und Fernsehen hoch. Die öffentliche Meinung zur SRG ist besser als die veröffentlichte in der Presse.

Roger de Weck ist bei Facebook und Twitter dabei, «wobei mir die Zeit zum Zwitschern fehlt».
Roger de Weck ist bei Facebook und Twitter dabei, «wobei mir die Zeit zum Zwitschern fehlt».

Eine Herausforderung haben Sie noch gar nicht thematisiert: die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter.

Wo einst die Marke einer Zeitung oder eines Senders massgeblich war, ist die Empfehlung der Freunde auf Facebook oder Twitter heute ebenfalls ein wichtiges Kriterium, was gelesen, gehört oder angeschaut wird. In sozialen Medien präsent zu sein, ist entscheidend.

Bewegen Sie sich selbst auf den sozialen Netzwerken?

Ich bin auf Facebook und Twitter, wobei mir die Zeit zum Zwitschern fehlt. Mit Vergnügen lese ich, was andere zwitschern. So stosse ich auf Video-, Audio- oder Leseempfehlungen, die mir sonst entgangen wären.

In Ihrem Facebook-Profil steht einzig «Roger de Weck, Journalist».

Einmal Journalist, immer Journalist.

Sie sind zweisprachig aufgewachsen. Kulturell und gesellschaftlich driften die Romandie und die Deutschschweiz immer mehr auseinander. Bereitet Ihnen das keine Sorgen?

Bei der SRG setzen wir etwas dagegen. Wir ersetzen den Röstigraben durch eine Röstibrücke. Der Personentausch zwischen «Tagesschau» und «Téléjournal» fand grosses Echo. Ähnliches taten wir mit dem «Echo der Zeit» und seinem Pendant, der welschen Sendung «Forum». Den ganzen November veranstalten wir im Fernsehen, Radio und Internet einen Themenmonat zur Schweizer Geschichte — mit Figuren wie Stauffacher, Niklaus von Flüe oder Alfred Escher. Für eine Radiosendung wird eine Deutschschweizer Familie zwei Wochen ihr Haus mit einer Familie aus der Romandie tauschen. 2014 fahren wir mit weiteren Vorhaben fort.

Welche Rolle soll das Schweizerdeutsch spielen?

Die Mundart unterscheidet unsere Angebote von denen aus Deutschland. Eine «Arena» auf Hochdeutsch — unter Diskussionspartnern, die nicht ganz ihre Sprache sprechen — wäre wenig authentisch. Das Angebot muss für jede Sprachregion stimmen. Beispiel «Lüthi und Blanc»: in der Deutschschweiz eine Kultserie und ein einzigartiger Erfolg; in der französischen Schweiz ein Flopp. Bis heute wissen wir nicht genau, warum. Das ist das schöne Rätsel Schweiz.

Bei welchen Sendungen raufen Sie sich die Haare?

Mit dieser Fragestellung machen Sie es mir leicht: Ich habe keine Haare mehr zum Raufen. Allergisch bin ich auf jene Unterhaltungssendungen der Kommerzkanäle, die zynisch die Schwächen von Menschen ausbeuten. Das «chan ich nöd verputze».

Was halten Sie generell von Reality-TV?

Stimmig sind Sendungen wie «Üsi Badi» mit Behinderten. Da macht man Menschen gross statt klein. Doch die Bezeichnung Reality-TV ist verquer: Man bezeichnet etwas als Realität, das von der Wirklichkeit nicht weiter entfernt sein könnte.

Was möchten Sie als TV-Konsument am Schweizer Fernsehen öfters sehen?

Ich wünschte mir mehr Schweizer Fiktion, um in spannenden Geschichten unser Land abzubilden. Der Riesenerfolg von «Der Bestatter» zeigt das Bedürfnis nach Fiktion. Aber sie ist extrem teuer. Mit rund 30 Millionen Franken pro Jahr finanzieren wir Schweizer Filme und Fiktionen. Die politische Frage im audiovisuellen Zeitalter lautet: Wie stark investiert die Schweiz in die SRG und in die einheimische audiovisuelle Produktion? Mehr Geld bedeutet zum Beispiel mehr Schweizer Filme, mehr Schweizer Serien und zum Beispiel mehr Folgen von «Der Bestatter».

Autor: Reto Wild

Fotograf: Raffael Waldner