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15. April 2013

Rösti auf 8000 Metern

Der Berner Extrembergsteiger Ueli Steck befindet sich zur Akklimatisierung in der nepalesischen Khumbu-Region auf 3500 Meter über Meer. Für seine bevorstehende Himalaya-Expedition sind Ernährung und vor allem die Ausrüstung entscheidend.

Ueli Steck 
bei Sonnenuntergang auf dem Mönch.
Mit dem Selbstauslöser fotografiert: 
Ueli Steck 
bei Sonnenuntergang auf dem Mönch. (Bild: Ueli Steck)

Wärmejacken, Schlafsäcke, Zelte und Rucksäcke: Ueli Steck weiss aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung genau, welche Anforderungen er ans Material hat. Unser Film beleuchtet die Zusammenarbeit mit seinem Ausrüster – ein Austausch, von dem beide Seiten profitieren. Zum Video

Ueli Steck bringt es auf den Punkt: «In der Vorbereitung für meine Expedition ist jedes Detail wichtig. Du kannst super trainieren, aber wenn die Ausrüstung nicht stimmt, bist du verloren.» Wie kaum ein anderer Höhenbergsteiger ist Steck detailversessen und ein typisch schweizerischer Perfektionist. Zusammen mit seinem Haupt-sponsor und Ausrüster Mountain Hardwear achtete er in einer monatelangen Entwicklungsphase darauf, dass seine Materialien «leicht, unkompliziert, lange haltbar sind und ganz einfach passen». Detailversessen heisst, dass der Ausrüster auf Anregung von Steck hier auf einen Reissverschluss beim Schlafsack verzichtete und dort auf eine Rucksackschnalle. Letztlich ist Ueli Stecks Ausrüstung inklusive Bekleidung, Rucksack, Schlafsack und Zelt 5676 Gramm leicht, während andere Bergsteiger mit über 12 Kilogramm zusätzlichem Gewicht den Gipfel hochklettern. Spezialanfertigungen wie sein ultraleichter Aluminiumpickel sollen dafür sorgen, dass die Besteigung des Mount Everests von Erfolg gekrönt wird.

Ein wichtiger Mosaikstein in der optimalen Vorbereitung ist auch die Ernährung. «Essen ist Teil des Trainings», sagt Steck. Fragt man nach, kommt die menschliche Seite des geradlinigen und scheinbar kompromisslosen Athleten zum Vorschein. Ein Glas Wein habe noch nie geschadet, und er schwärmt von einer guten Flasche Chianti sowie vom Gemüse, das er im Steamer in seinem neuen Haus in Ringgenberg BE kocht. «Darin wird es genial — und ein Fisch obendrauf schmeckt wunderbar.» Der Ausnahmebergsteiger kauft Produkte aus der Region und kocht gerne.

Die Ernährung auf einer Himalaya-Expedition ist nur am Anfang ähnlich wie am Brienzersee. Der Berner Oberländer achtet darauf, sich im Basislager abwechslungsreich zu ernähren. «Ich esse auf 6500 Meter über Meer fast wie zu Hause — am liebsten Pasta mit verschiedenen Saucen oder einen zweijährigen Bergkäse von der Wengeneralp, Brot und Suppe.»

Wenn es vom Basislager Richtung Gipfel geht, nimmt er möglichst leichte Esswaren mit. Und trotzdem sagt Ueli Steck: «Auf 8000 Metern bereite ich Fertig-Rösti und Stocki auf dem Gaskocher zu.» Zum Frühstück gibts mit Milchpulver angereichertes Müesli. Den Flüssigkeitshaushalt gleicht er bei der Gipfelbesteigung mit einem Elektrolytdrink aus sowie mit zwei Halbliterflaschen Coca-Cola. Das beruhige den Magen und führe ihm durch Zucker und Koffein Energie zu. Was Ueli Steck in dieser eisigen Kälte missfällt, ist die Notdurft zu verrichten. Für das kleine Geschäft hat er ein Hausmittel: «Backpulver aufgelöst in Flüssigkeit sorgt dafür, dass man weniger schnell urinieren muss.»

Im Dezember 2012 liess sich Ueli Steck beim Nestlé-Forschungszentrum in Lausanne auf Herz, Nieren, Puls und Laktatwerte prüfen. Ambitionierte Ausdauerläufer führen das auf einem Laufband durch, Ueli Steck ebenso. Nur hatten die Testleiter sein Laufband mit einer Steigung von 22 Prozent eingestellt und mit einer Gesichtsmaske die maximale Sauerstoffaufnahme gemessen.

Christian Belz (38), Schweizer Rekordhalter über 10'000 Meter und heute Verkaufsleiter Schweiz bei der Nestlé-Marke PowerBar in Vevey VD, verrät: «Bereits im Dezember waren seine Werte so gut wie im April 2012, als Ueli kurz vor seiner letztjährigen Abreise zum Mount Everest stand.»

Fertigrösti und Stocki reichen aber auch Steck nicht aus. Oder wie Christian Belz es ausdrückt: «Ueli bringt eine Höchstleistung, die am Rande des Menschenmöglichen ist. Entsprechend müssen seine Energiezufuhr und die Einnahme von Ernährung schnell gehen. Er kann am Mount Everest kein Poulet grillieren.» Im Himalaya schluckt Steck als Ernährungszusatz flüssige Gels, die viel Kohlenhydrate beinhalten, isotonische Getränke, er isst Energieriegel und Gummibonbons mit einem Energiegel als Kern. Wichtig ist nach der Leistung die Erholung. Der Extrembergsteiger reichert ein Pulver mit Schokoladengeschmack an, das über eine erhöhte Protein- und Kohlenhydratkonzentration verfügt, welche die Erholung fördert.

Ueli erwähne immer wieder, bei einer Besteigung sei der wichtigste Muskel das Gehirn. Belz, der in der Vorbereitungsphase ab und zu mit Steck trainiert hat, sagt: «Wenn er sich über die eintönige Ernährung aufregt, ist das schlecht, denn das Mentale ist entscheidend.» Nicht nur bei den Pastasaucen sucht der Ex­trembergsteiger Abwechslung, sondern auch bei den Gels und Riegeln. Am liebsten mag er Aromen wie Kaffee, Cappuccino-Caramel, Vanille, Guetsli, Erdnuss-Caramel oder Schokolade. Nichts blieb dem Zufall überlassen. Ueli Steck kontaktierte auch den Sport-Ernährungsspezialisten David Bailey, Ex-Betreuer von britischen Olympiateilnehmern und Forscher bei Nestlé. «Ueli gehört zu den ersten Europäern, die bei ihrer Leistung ein im Markt noch nicht erhältliches Püree aus natürlichen Früchten essen werden, das ähnlich wie Babynahrung schmeckt und dank zwei verschiedener Arten von Kohlenhydraten konstanter Energie zuführt», sagt Bailey. Ueli Stecks Projekt sei «eine sehr interessante Geschichte» und der Berner Naturbursche «a smart guy».

Ueli Stecks Ausrüstung für den Mount Everest

Aluminium-Pickel, Karbon-Stöcke, Kleinbildkamera und vieles mehr: Klicken Sie sich durch die Bildergalerie, um zu erfahren, was Ueli Steck auf seine Expedition mitnimmt:

Autor: Reto Wild