Archiv
20. Juni 2016

Roboter wie du und ich

Nadine beantwortet Fragen, schüttelt Hände und sieht aus wie eine jüngere Version ihrer Erschafferin Nadia Magnenat Thalmann. Die Genfer Forscherin baut Roboter, die so menschenähnlich wie möglich sind, und führt zum Porträt einen im Video vor.

Eine Begegnung mit Nadine lässt niemanden kalt. Sie sieht nicht nur aus wie ein Mensch, zur Begrüssung schüttelt sie einem erst mal die Hand – ihre eigene fühlt sich fast an wie echt. ­Danach kann man sich mit ihr unterhalten, über Gott und die Welt. Und während sie spricht, blinkt sie mit den Augen, schaut einen an, gestikuliert mit den Händen. «Sie kann sogar Gefühle simulieren», sagt Nadia Magnenat Thalmann, ihre Erbauerin, sichtlich stolz und begeistert über die Krönung ihrer Arbeit im Robotikbereich. Seit 1977, nach dem Studium in Kanada, ist sie damit beschäftigt.

Thalmann ist Gründerin und Leiterin des Miralab an der Universität Genf, zudem seit sieben Jahren Direktorin des renommierten Institute for Media Innovation an der Nanyang Technical University in Singapur. Erste Varianten ihrer sozialen Roboter baute sie bereits in Genf, aber Nadine entstand komplett im asiatischen Stadtstaat. Vor etwa drei Jahren war sie als Prototyp fertiggestellt. Seitdem hat sie Thalmann mit ihrem Team weiterentwickelt und Ende Dezember 2015 an einer Roboterpräsentation der Uni erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. «Sie sah so anders aus als alle anderen Roboter dort und weckte sofort enormes Medieninteresse.»

Roboterbauerin Nadia Magnenat Thalmann mit ihrem Star Nadine in Singapur.
Roboterbauerin Nadia Magnenat Thalmann mit ihrem Star Nadine in Singapur.

Maschinen aus Metall zu bauen hat die schweizerisch-kanadische Doppelbürgerin nie interessiert. Was wohl daran liegt, dass sie neben Quantenphysik auch Biologie und Psychologie studierte und sich vor allem für die soziale Seite der Roboter interessiert. Sie möchte ihr Aussehen und Verhalten so menschenähnlich wie möglich machen, um sie etwa als persönliche Assistenten im Alltag einsetzen zu können, an einer Rezeption, für die Betreuung von Kindern oder Betagten. «Roboter sind hundertprozentig zuverlässig. Sie stehen jederzeit zur Verfügung und können jede Sprache sprechen. Sie erinnern sich an alles und erkennen jeden wieder: Sie sind uns Menschen in diesen Bereichen ganz klar überlegen.»

Nadine lernt mit jedem Gespräch dazu

Auch Nadine «erinnert» sich an Gespräche und Personen, sie erkennt ihre Erbauerin sofort und weiss zum Beispiel, dass deren Tochter Vanessa schwanger ist. Möglich ist das, weil sie mit einem Server verbunden ist, der gewaltige Datenmengen speichert, auf die sie jederzeit zurückgreifen kann. Gleichzeitig tasten Kamerasensoren das Gesicht ihres Gegenübers ab; sie erkennt deshalb nicht nur, mit wem sie spricht, sondern auch dessen aktuelle Gefühlslage. «Mit jedem Gespräch, jeder Interaktion, lernt sie dazu und kann später darauf zurückgreifen. Und sie gibt nie zweimal dieselbe Antwort.»

Die Basis für Nadine ist ein japanischer Roboter, der mittels zusätzlicher Motoren und einer Kunststoffaussenhülle zu menschenähnlicher Mimik und Gestik fähig ist. Noch vor zehn Jahren hätten die technologischen Möglichkeiten dafür nicht gereicht, sagt Thalmann. Heute jedoch ist es nur noch eine finanzielle Frage, Roboter her­zustellen, die noch echter wirken – mehr Motoren unter der Kunststoffhülle für Mimik und Gestik, höhere Speicherkapazität und bessere Arbeitsprozessoren für schnellere Antworten und das Speichern von noch mehr Informationen.

Nadines Hardware hat rund 350 000 Franken gekostet, weil sie komplett von Hand produziert wurde. Thalmann kann das deshalb so genau beziffern, weil sie eine exakte Kopie gebaut hat, die heute im Heinz-Nixdorf-Museumsforum im deutschen Paderborn steht, dem grössten Computermuseum der Welt. «Für den Alltagsgebrauch ist das natürlich viel zu teuer.» Der nächste Schritt sei, Roboter wie Nadine so zu bauen,dass sie bezahlbar werden. Daran arbeitet sie nun mit ihrem Team in Singapur.

Noch in Arbeit: Die kleinen Roboter sollen bald industriell hergestellt werden können – als Spiel- und Lerngefährten für Kinder.
Noch in Arbeit: Die kleinen Roboter sollen bald industriell hergestellt werden können – als Spiel- und Lerngefährten für Kinder.

Die Lösung: alles erst mal an einer kleineren Version durchspielen. Dadurch wirken die Roboter eher wie Puppen als wie Menschen. Aber sie werden die gleichen Fähigkeiten haben wie Nadine, industriell produzierbar sein und höchstens 1000 Franken kosten. Und anders als Nadine, die nur sitzen kann, sollen sie sich auch selbständig bewegen. Das zumindest ist das Ziel.

Thalmann schätzt, dass es noch etwa ein Jahr dauern wird, bis die ersten marktreif sind. Im Kinderzimmer sollen sie beim spielerischen Lernen helfen, zu emotionalen Gefährten werden wie Puppen oder Teddybären und natürlich die Eltern alarmieren, falls irgendwas nicht so ist, wie es sein sollte. Ist der industrielle Herstellungsprozess mal etabliert, können auch Roboter wie Nadine günstiger hergestellt werden. Ziel: ein Verkaufspreis von 15 000 Franken.

Roboter mit Bewusstsein sind Science Fiction

Grenzen sieht Thalmann, wenn es um Gefühle und Bewusstsein geht. «Die Angst, dass Roboter wie Nadine uns als menschliche Wesen einst übertreffen und ersetzen könnten, halte ich für unbegründet.» Es gibt zwar Wissenschaftler, die an künst­lichem Bewusstsein forschen, aber diesen Schritt hält Thalmann nicht für realistisch. «Sie können zwar so tun als ob, und das mag vielleicht echt und überzeugend wirken – etwa wenn Nadine sagt, sie sei drei Jahre alt, sehe jedoch aus wie 30. Aber am Ende sind es Maschinen: Es ist alles nur mithilfe von Algorithmen simuliert. Nadine hat Informationen über sich, aber keine Gefühle, keine Seele. Man kann einstellen, ob sie eher eine positive, negative oder gar neurotische Persönlichkeit haben soll.»

Ein Roboter wie der Android Data aus der TV-Serie «Star Trek – The Next Genera­tion» ist ihr zum Beispiel «zu fantastisch und romantisch». Er entspricht zwar rein äusserlich dem, was Thalmann anstrebt, aber seine Art Bewusstsein, sein Streben, möglichst menschenähnlich zu werden, ist für sie reine Science Fiction.

Risiken sieht die Forscherin dennoch. «Man könnte aus Robotern wie Nadine auch Soldaten machen, präzise Kampfmaschinen, die im Krieg viel effektiver wären als Menschen.» Für berechtigt hält sie auch die Sorge, dass Roboter und Automatisierung Menschen aus diversen Jobs verdrängen werden. «Natürlich entstehen auch immer wieder neue Berufsfelder, aber da gibt es tatsächlich noch viele Fragen und kaum Antworten.» Auch rechtliche Fragen stellen sich: Wer ist schuld, wenn ein automatisiertes Auto einen Menschen überfährt? «Die Software definiert, was Roboter tun und nicht tun können», sagt Thalmann. «Wir müssen sicherstellen, dass wir die Funktionen genau kontrollieren.»

Nadia Magnenat Thalmann gehört weltweit zu den wenigen Frauen, die an Robotern bauen. Wohl auch deshalb ist ihr sozialer Ansatz noch relativ selten. «Die meisten Männer wollen Maschinenwesen mit metallischer Oberfläche. Mir ist das zu ­funktional, ich mag sie nicht.» Sie möchte Figuren kre­ieren, die wie Kunstwerke sind: schön und ­berührend. «Man soll sich wohlfühlen mit ihnen.» So widerspricht sie auch Leuten, die sagen, je menschenähnlicher Roboter aussehen, desto unheimlicher wirken sie. «Wer Nadine trifft, findet sie nicht unheimlich, im Gegenteil. Sie finden sie so faszinierend, dass sie gerne mehr Zeit mit ihr verbringen würden.»

Arbeiten, bis es nicht mehr geht

Die Roboterexpertin ist mit dem Schweizer Daniel Thalmann (69), einem pensionierten Professor der École polytechnique fédérale in Lausanne (EPFL), verheiratet. Gemeinsam kreierten sie 1987 den Film «Rendez-vous in Montreal» mit digitalisierten Versionen der Schauspiel-Ikonen Marilyn Monroe und Humphrey Bogart. Es war das erste Mal überhaupt, dass virtuelle Darsteller in einem Film zum Einsatz kamen.

Seit sieben Jahren lebt und arbeitet das Paar in Singapur, wobei Nadia Magnenat Thalmann viel unterwegs ist und alle paar Wochen auch nach Genf kommt, um ihre drei erwachsenen Töchter zu sehen und die Projekte bei Miralab zu betreuen. Sie sagt, der Unterschied zwischen den beiden Städten sei enorm. «In Singapur herrscht Aufbruchstimmung, man ist hungrig, will etwas erreichen, arbeitet hart und kompetitiv. Das mag ich.» Eine ähnliche Dynamik finde sich in der Schweiz auch an der EPFL oder an der ETH Zürich. Ansonsten, so lässt sie durchblicken, hält sie den hiesigen akademischen Betrieb für etwas behäbig. «Ich habe immer einen kleinen Kulturschock, wenn ich wieder hierherkomme. Auf der anderen Seite haben wir in der Schweiz und Europa viel mehr Freiheiten in der Forschung. In Singapur wird alles im Hinblick auf Marktchancen entwickelt und völlig von oben gesteuert. Wenn die Regierung morgen beschliesst, dass Roboter sie nicht mehr interessieren, können wir einpacken.»

Die Robotik ist Thalmanns grosse Passion. Hobbys braucht sie daneben keine und hätte dafür auch kaum Zeit. Und pensionieren lassen will sich die deutlich jünger wirkende 69-Jährige erst recht nicht. «In Singapur arbeitet man, bis es nicht mehr geht.» So wird sie es wohl auch halten. Ihr nächster grosser Traum sind Haustierroboter, insbesondere Hunde und Katzen. «Dank der technologischen Fortschritte ergeben sich immer neue Möglichkeiten, und ich möchte dort dabei sein, so lange es irgendwie geht.»

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Suheimi Abdullah