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03. Oktober 2011

«Roboter werden zum Standard»

Zukunftsforscher Lars Thomsen ist ein Optimist. Er glaubt, dass künftig Roboter den Haushalt schmeissen werden, Elektroautos durch die Städte flitzen und genmanipulierte Algen Abgase aus der Luft filtern.

Lars Thomsen
Lars Thomsen ist überzeugt: «Wir sind die letzte Generation, die so verschwenderisch mit Energie umgeht.»

Lars Thomsen, waren Sie schon einmal bei einer Wahrsagerin?

Nein, nie. Ich stolpere zwar spätnachts ab und zu am Fernsehen über Mike Shiva — das ist dann aber eher Anreiz auszuschalten.

Lesen Sie Horoskope?

Nur, wenn eine Illustrierte in einer Arztpraxis aufliegt. Ich arbeite anders.

Wie?

Die wichtigste Eigenschaft eines Zukunftsforschers ist seine Neugier. Unser Berufsstand fragt Tausende von Menschen, die an Innovationen, an Trends arbeiten, wohin sich ihr Fachgebiet bis in zehn Jahren entwickeln wird. Auf der Summe dieses Wissens baut die Zukunftsforschung auf. Danach beginnt die eigentliche Arbeit: Wir verbinden das Wissen mit Daten und Zeitreihen und leiten Trends ab. Dabei interessieren wir uns für die «Tipping Points».

Können Sie ein Beispiel machen?

Noch vor zehn Jahren haben Fotografen mehrheitlich mit Film fotografiert. Eine Digitalkamera war für viele zu teuer. 2003 kostete eine digitale Kamera in einem Fachgeschäft gleich viel wie eine analoge. Das war der «Tipping Point», der Wendepunkt.

Neue Technologien haben den Berufsalltag generell auf den Kopf gestellt.

Genau. Eric Schmidt, der frühere CEO von Google, sagte kürzlich, dass das Unternehmen heute innert zweier Tage so viele Informationen sammelt wie seit Beginn der Menschheit bis 2003 generiert wurden. Heute hat sich die Geschwindigkeit durch neue Technologien unglaublich erhöht. Wir müssen viel mehr Dinge gleichzeitig erledigen. Dabei besteht die Gefahr, dass wir das Kreativsein vergessen und nur noch abarbeiten.

Wann nehmen Sie sich Zeit zum Denken?

Hauptsächlich beim Reisen. Ich reise viel. Und wenn ich in Bewegung bin, denke ich am besten. Meine Familie hadert immer mit mir, weil für mich auch an Wochenenden und in den Ferien Denkzeit ist. Laut einer Umfrage in Deutschland wenden Manager weniger als ein Prozent ihrer Arbeitszeit dafür auf, über die Zukunft nachzudenken. Das ist verdammt wenig. Ich habe das Privileg, den Löwenanteil meiner Zeit mit der Gestaltung der Zukunft zu verbringen.

Wie sieht diese aus?

Nicht schlecht. Je länger ich mich mit der Zukunft beschäftige, desto mehr werde ich Optimist. Denn wir haben nur Angst vor Dingen, die wir nicht kennen. Selbstverständlich verschliesse ich die Augen nicht vor Problemen wie der Klimaerwärmung, der alternden Gesellschaft, dem Mangel an Fachkräften oder Energieproblemen.

Und was sagen Sie dazu?

Angesichts der grossen Anzahl von Wissenschaftern, die an Lösungen für die Menschheit arbeiten, dürfen wir optimistisch in die Zukunft blicken. Die Forschung arbeitet dank der neuen Medien schneller als jemals zuvor. Die Publikation einer Erkenntnis dauert im Internet Sekunden.

Wer ein Auto mit einem Verbrennungsmotor fährt, verpufft ungefähr 75 Prozent der Energie in Form von Abwärme in der Atmosphäre.
«Wer ein Auto mit einem Verbrennungsmotor fährt, verpufft ungefähr 75 Prozent der Energie in Form von Abwärme in der Atmosphäre.»

Was die Klimaerwärmung auch nicht stoppt.

Wir sind die letzte Generation, die so verschwenderisch mit Energie umgeht. Wer ein Auto mit einem Verbrennungsmotor fährt, verpufft ungefähr 75 Prozent der Energie in Form von Abwärme in der Atmosphäre. Beim Elektromotor sind es nur noch fünf Prozent. Der Schlüssel liegt zum einen bei effizienteren Technologien und zum anderen in der Umstellung des Energiesystems auf erneuerbare Energien.

Wann steht hier der «Tipping Point» an?

Bald. Zum einen gab es bisher für Elektroautos noch keine richtige Industrie, doch diese entwickelt sich gerade. Zum anderen fallen die Preise für Batterien jährlich in einem zweistelligen Prozentbereich. Gleichzeitig erhöhen sich Reichweiten und Lebensdauer der Akkus. Deshalb wird nach unseren Berechnungen in fünf Jahren ein Elektroauto weniger kosten als ein vergleichbares mit einem Verbrennungsmotor.

Bloss wollen immer mehr den Atomausstieg. Woher nehmen wir die benötigte Energie?

Würden wir sämtliche Fahrzeuge der Schweiz elektrifizieren, wäre der Elektrizitätsbedarf nur rund zehn bis elf Prozent höher als heute. Das eigentliche Energieproblem der Zukunft sind Energiespeicher, und hier spielen die Elektroautos eine ganz wichtige neue Rolle.

Welche?

Stromversorger werden die Batterien von Autos über Nacht immer dann laden, wenn europaweit viel Energie aus regenerativen Quellen bereit steht. Das kann man über eine intelligente Vernetzung ganz gut regeln. Würden in der Schweiz zum Beispiel 
50 000 Elektroautos so eingesetzt, dann hätte das schon die Speicherkapazität eines mittelgrossen Pumpspeicherwerks in den Alpen. Und es wäre sogar billiger.

Das heisst, die 50 000 Autos würden sehr viel umweltfreundliche Energie speichern. Trotzdem, wie passt ein erhöhter Energiebedarf zur 2000-Watt-Gesellschaft, die ja eigentlich das Ziel ist?

Ein Schlüssel ist, die Verbrennung von fossilen Ressourcen zu vermeiden, ein anderer ist die Energieeffizienz. Mit Wind-, Wasser- und Solarenergie und mit effizienter Kraft-Wärme-Kopplung werden wir einen grossen Stromanteil in Europa erzeugen. Wir werden ab Mitte 2015 viele Neubauten sehen, die Solarenergie standardmässig einbauen, da ab dann der eigenerzeugte Strom günstiger sein wird als jener aus dem Netz.

Die Zukunftsforschung hat einen grossen Nachteil: Sie ist keine exakte Wissenschaft.

Stimmt. Die Zukunft wird beeinflusst durch das, was wir heute denken und machen. Alles, was die Zukunft betrifft, hat also eine gewisse Unschärfe. Wenn ich die Zukunft exakt voraussagen könnte, müsste ich nicht arbeiten, weil ich wüsste, wie die Lottozahlen am nächsten Wochenende sind oder der Aktienkurs der ABB in fünf Jahren aussehen wird. Wir verfolgen Trends, die es uns erlauben, eine andere Sicht auf Entwicklungen zu werfen, Chancen und Risiken frühzeitig zu erkennen und die richtigen Fragen zu stellen.

Woher stammen die Daten?

Aus Studien und Informationen aus den besten Forschungsstätten der Welt, aber auch von zahlreichen Interviews und Workshops mit Querdenkern, Kongressen oder aus den Nachrichten.

Immer wichtiger wird der Standort. Wie gut ist derjenige der Schweiz?

Das ist eine schwierige Frage, weil es von so vielen Parametern abhängt, die die Schweiz nicht selbst beeinflussen kann. Mit dem starken Franken kommen Probleme auf die Schweiz zu, denn der Produktionsstandort ist immer teurer geworden. Die Schweiz hat aber durch ihre geografische Lage, ihre Neutralität und gerade auch durch ihre Einwohner nach wie vor eine hohe Attraktivität.

Wie nehmen Sie die Schweizer wahr?

Schweizer haben in der Regel ein ambivalentes Verhältnis zu Themen wie Visionen und Innovation. Wenn man beispielsweise in Kalifornien eine Idee hat, kriegt man zur Antwort: «Wow, great. You have to tell me all about it.» Und hier heisst es schnell: «Ja, da müssen wir zuerst einmal prüfen, ob das wirklich funktioniert.»

Wir stehen unserem eigenen Erfolg im Weg?

Es kann auch eine Strategie sein, erst einmal abzuwarten und zu schauen, wie es andere machen, und daraus eine Lösung abzuleiten. Ein Innovator sollte aber bereit sein, Fehler in Kauf zu nehmen.

Sie sprechen in Ihren Vorträgen von Megatrends. Welches sind die wichtigsten?

Dazu gehören die Abkehr vom fossilen Zeitalter, die alternde Gesellschaft, Energie und Ressourcen, Urbanisierung, weltweiter Kampf um Talent, Wasser und Nahrungsversorgung sowie eine Reform unserer Bildung und Sozialsysteme. Daraus ergeben sich dann andere Trends wie das Thema Robotik, also Maschinen, die in unserem Haushalt arbeiten werden.

Staubsauger-Roboter?

Mehr. Menschenähnliche Maschinen, die den Müll runtertragen oder solche, die Menschen betreuen. In 20 Jahren werden wir in der Schweiz mehr Menschen über 55 Jahren als darunter haben. Wir werden immer älter und haben zu wenige Pflegekräfte. Maschinen werden es uns ermöglichen, fünf Jahre länger in den eigenen vier Wänden zu leben. In Asien gibt es über 20 Firmen, die solche humanoide Roboter entwickeln. Ende dieses Jahrzehnts wird für viele Haushalte ein Haushaltsroboter zum Standard gehören wie eine Spülmaschine.

Sie zeichen ein rosarotes Bild.

Nicht nur. Es stehen grosse Herausforderungen wie die Klimaerwärmung an. Durch die Diskussionen darüber entwickeln wir neue Lösungsansätze. Womöglich werden wir irgendwann in der Lage sein, genmanipulierte Algen zu züchten, die CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen und wieder an den Meeresboden bringen.

Wie kamen Sie 2003 als damals 34-Jähriger dazu, Ihre Firma Future Matters zu gründen?

Ich habe mich schon als Kind für die Zukunft interessiert. Und als Angestellter wollte ich nicht arbeiten, da mich dies zu stark beim Denken einengte. Zuvor waren Sie Internet-Software-Unternehmer. Ganz schön was anderes. Nicht unbedingt: Beides ist visionär, ein bisschen verrückt (lacht). Der Sprung ist logisch, weil vieles mit IT und Innovation zu tun hat. In meinem Beruf muss man aber vor allem viel und gerne reisen.

Da wäre man wohl am besten single …

… ich habe das Glück, dass meine Frau viel Verständnis für meinen Beruf mitbringt. Ich schätze es sehr, die Freiheit zu haben, kurzfristig einmal nach Kalifornien zu fliegen, um einem Trend nachzugehen.

Fotograf: Jorma Müller