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05. November 2012

Rituale statt Ritalin

ADHS ist keine Krankheit, sondern ein kulturelles Phänomen, sagt der deutsche Philosoph Christoph Türcke. Gegen die alltägliche Reizüberflutung helfen keine Pillen, sondern Rituale.

Immer mehr Kinder leiden an einem Aufmerksamkeitsdefizit
Ständig abgelenkt: Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an einem Aufmerksamkeitsdefizit. (Bild allesalltag)

Wenn Rituale an Grenzen stossen: Anzeichen, die eine medizinische Abklärung und eine Behandlung nahelegen – und wie heute gängige Therapien aussehen.

Der zehnjährige Noël hat eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung, kurz ADHS: Er kann sich in der Schule schlecht konzentrieren, ist leicht ablenkbar und hat Mühe, jemandem länger zuzuhören. Fast jeden zweiten Tag vergisst er etwas zu Hause oder in der Schule. Oft nervt er die Mitschüler mit seinem ungeduldigen Verhalten, und mit dem Schulstoff hat er zunehmend Mühe. Die Eltern überlegen sich nun, ihn medikamentös zu behandeln. Aber sie zweifeln, ob es gut ist, ihrem Buben Ritalin zu verabreichen.

Ist Noël denn wirklich krank? Nein, würde der Philosophieprofessor Christoph Türcke (64) sagen, der an der Universität Leipzig lehrt. Er ist überzeugt, dass ADHS keine Krankheit, sondern ein gesellschaftliches Phänomen ist. Die Schwierigkeit, sich zu konzentrieren und bei etwas zu verweilen, sei symptomatisch für unsere Zeit. «Wir sind ständig abgelenkt, müssen E-Mails checken, SMS lesen und beantworten, Kontakte auf Facebook pflegen, im Internet surfen, fernsehen.» In einer Umgebung von Bildmaschinen, deren Bilder unablässig und ruckartig wechseln, werden wir ständig gezwungen, unsere Aufmerksamkeit auf Neues zu richten. Als Schutz vor den Reizen, die permanent auf uns einprasseln, schrauben wir unbewusst die Aufmerksamkeit herunter und entwickeln so ein Aufmerksamkeitsdefizit. Hyperaktivität ist andererseits der Versuch, die Flut der Reize zu bewältigen.

Weltweit sollen mittlerweile etwa 20 Millionen Kinder unter einem solchen Aufmerksamkeitsdefizit leiden. «Dabei wird zu schnell gesagt: Das Kind ist krank», ist Christoph Türcke überzeugt. Und: «Die Betroffenen werden zu oft mit Medikamenten ruhiggestellt.» In seinem neuen Buch «Hyperaktiv!» beschreibt Türcke, wie man sich gegen das Aufmerksamkeitsregime unseres mediengeprägten Alltags wehren kann – ohne Medikamente zu schlucken.

Wieder lernen, bei einer Sache intensiv zu verweilen
«Als Einzelner muss man sich Freiräume schaffen: den Medienkonsum dosieren, vielleicht sogar den Fernseher abschaffen oder sich ein Time-out im Grünen gewähren», sagt er. «Und als Gesellschaft müssen wir eine neue Ritualkultur schaffen.» Solche Rituale sollen laut Türcke Teil des Schulunterrichts werden. Dazu gehören das Abschreiben und Auswendiglernen von Gedichten, Singen, Musizieren, Theaterspielen. Damit übt man die Fähigkeit, bei einer Sache intensiv und mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu verweilen.

«Die nachwachsende Generation soll lernen, dass sie eine Gesellschaft mitgestalten kann und ihr nicht ausgeliefert ist.» Mit den Übungen zur Abgrenzung vor dem alltäglichen Reizüberfluss kann jeder schon heute beginnen.

Die Aufmerksamkeit schulen – so gehts

Aktivitäten wählen, die intensive Auseinandersetzung, Zuwendung und Konzentration auf eine Sache beinhalten.

Den Konsum der Medien dosieren, Zeiten festsetzen, zu denen TV geschaut und im Internet gesurft wird, abends das Handy abstellen und keine E-Mails mehr lesen; die Geräte tageweise ausschalten.

Spazieren gehenoder im Grünen Rad fahren – ohne Musikberieselung.

Texte auswendig lernen, etwa Gedichte, Lieder, Märchen.

Texte abschreiben

Ausdauer üben mittels Lesen, Schreiben, Basteln, Musizieren, Singen.

In der Gruppe ein Theaterstück einüben und spielen.

Autor: Claudia Langenegger