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26. August 2013

Ritschratsch

Unsere Kolumnistin wollte eigentlich nur ihre Beine enthaaren. Daraus wurde dann eine Tragikomödie in mehreren Akten. Lesen Sie selbst!

Wachsenthaarung
Enthaaren kann ganz schön schmerzhaft sein (Bild: Fotolia).

Seit wenigen Tagen habe ich eine Rupfmaschine. Auf der Packung steht zwar «Elektrisches Warmwachs-Roll-on-System – professionelle Wachsenthaarung für zu Hause», aber das trifft es nicht im Entferntesten. Der Folterroller könnte auch eine Hauptrolle in «Fifty Shades of Grey» spielen, ehrlich. Aber dazu später mehr. Am Anfang war die Welt noch in Ordnung. Ich packte den Wachsroller aus, schloss ihn an den Strom an und wartete. Während das Wachs langsam schmolz, rechnete ich in Gedanken durch, wie viel Geld ich ab sofort sparen würde. (Nie wieder «Entdecke-die-Göttin-Rasierklingen» kaufen und nie wieder Pflaster brauchen). Ich kam auf einen Millionenbetrag.

In wenigen Augenblicken würden alle diese Haarborsten und -büschel wie von selbst verschwinden. Die Tante in der Produktwerbung hat beim Enthaaren so entspannt ausgesehen. Ich überlege noch geschwind, ob ich gleich mit der Achselregion oder sogar in der Bikinizone beginnen soll. Wenn schon, denn schon. Am Ende siegt aber doch die Vernunft. Ich beginne mit den Unterschenkeln. Bin ich ängstlich? Sicher nöd!

Meine Familie spürt, dass sich im Bad grosse Dinge anbahnen. Erst kommt Eva angetrottet. Das Bilderbuch, das Papi gerade vorgelesen hatte, ist anscheinend nicht spannend im Vergleich zu einem echten Waxing. Dann mein Mann – mit dem Bilderbuch in der Hand. Am Schluss taucht auch Ida auf. Nun stehen sie um mich herum und staunen.

Na, dann wollen wir ihnen mal eine Show bieten: Sooo, Wachs ist heiss genug, jetzt – noch schnell nachlesen – ah, ja, also von oben nach unten über das Bein rollen. Brennt nicht, sehr gut. Dann geschwind diesen Papierstreifen drüberlegen, reiben. Nun den Rand des Streifens anlangen uuuuuund in einer flüssigen Bewegung – «Aaaaaaadi-aaaaaadiiiii-aaaaahhhhh!!!!!!!!»

Kennen Sie den Tarzan-Schrei? Ja, ungefähr so fühlte sich das an, als ich mich exakt an die Anleitung hielt. Meine Kinder guckten mich mit schreckgeweiteten Augen an. Ich hatte hingegen nur das Papier im Blick. Jede Menge Wachs, vermutlich ein Teil meiner Epidermis – aber kein einziges Haar. Hallo? An dieser Stelle beschloss ich, die Anleitung etwas grosszügiger auszulegen. Dort stand zwar, man dürfe dieselbe Stelle nicht zwei Mal wachsen, aber jetzt mal ehrlich: Sollte ich mit einem Bein herumlaufen, auf dem ein Landestreifen stehen geblieben war? Also alles von vorne. Wachs abrollen, neuer Papierstreifen, einatmen, Augen zu …

Ida meinte just in dem Moment, in dem ich eigentlich «ritschratsch» machen wollte: «Mami, ich glaube, es wird wieder wehtun.» Sie hatte ja so recht. Als ich den Streifen ein zweites Mal wegriss, jodelte ich so laut, dass man mich bis nach Glarus hören konnte. (Nein, ich übertreibe nicht, denn irgendein unbekannter Senn antwortete seinerseits mit einem Jodel. Vielleicht dachte er, es sei nun Zeit für den Alpabtrieb.) Mein Mann schüttelte den Kopf und guckte unsere gemeinsamen Töchter an: «Versprecht mir, dass ihr nie so einen Quatsch macht!» Die Kinder nickten, blickten noch ein letztes Mal mitleidig auf mich herab, und dann trollte sich die Bande. Da sass ich nun. Mit einem Bein ohne Haut, aber mit Haaren dran.

Blöderweise ist die Kolumne noch nicht fertig. Ich hätte lieber einen Abgang in «sterbender Schwan»-Pose hingelegt. Meinen Kindern predige ich oft, dass Ehrlichkeit wichtig ist. Deswegen gehe ich nun mit gutem Beispiel voran: Nach dem «Vorfall» erzählte ich meinen Kolleginnen von meinen Folterrollererfahrungen. Als ich vollkommen entrüstet berichtete, dass sich nicht ein einziges Haar, dafür aber mehrere Hautschichten gelöst hatten, fragten sie nach: Ich solle genau erzählen, wie ich es gemacht hatte. Mitten in meiner Schilderung fing die Erste an zu prusten. Dann die Zweite. Am Schluss gackerten alle wie die Hühner. Was denn? Habt ihr kein Mitleid? Nein, hatten sie nicht. Dann klärten sie mich auf. Ich hatte in meinem Übereifer offensichtlich einen zentralen Schritt vergessen. Das Ganze funktioniert angeblich ganz wunderbar – vorausgesetzt, man liest die Anleitung bis zum Ende durch. Dort steht nämlich, dass das Wachs unter dem Streifen erkalten muss, bevor man ritscht. Sonst macht es nämlich «ratsch», und die Tapete ist ab …

Autor: Bettina Leinenbach