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14. Januar 2013

Welche und wieviele Tabletten brauchts?

Ritalin, Focalin oder Concerta? Und vor allem welche Dosierung? Einige erwachsene ADHS-Betroffene benötigen neben Verhaltenstherapien auch Medikamente, um ihren Alltag besser in den Griff zu kriegen. Die ärztliche Vorabklärung und Verordnung ist dabei unabdingbar, migrosmagazin.ch nennt ein paar wichtige Kriterien und drohende Nebenwirkungen.

ADHS: Hände ruhig halten fällt schwer
Auch bei Erwachsenen tritt ADHS auf. Hände ruhig, vor allem aber die Konzentration hochhalten fällt dann schwer. (Bild Basile Bornand)

Eine Vorbemerkung, die letztlich für Erwachsene mit ADHS genau wie für Kinder und Jugendliche gilt: Die Experten empfehlen natürlich längst nicht für alle Menschen mit ADHS-Diagnose Medikamente. Dies soll hier auch keineswegs propagiert werden. Die Hauptbehandlung für die meisten Betroffenen sollte zumeist verhaltenstherapeutischer Art sein und von Fachleuten durchgeführt werden.
Allerdings gibt es wie bei Heranwachsenden auch bei den 18-jährigen und Älteren mit ADHS einige, die über eine bestimmte Dauer oder auch langfristig eine medikamentöse Begleitung benötigen, um danach den Alltag mit der Therapie und bestimmten Entscheidungen und Hilfestellungen des Umfelds in den Griff zu bekommen. Bei ihnen lautet die Losung also keineswegs Medikamente statt, sondern Medikamente mit Therapie.

Ritalin ist nicht gleich Ritalin
Geht es nun um die Wahl der passenden Tabletten, gilt es festzuhalten, dass Ritalin mittlerweile klar das am längsten (1954 in einer Dosierung), aber keineswegs mehr das einzige in der Schweiz zugelassene und regelmässig verschriebene Medikament ist. Letztlich geht es um den Wirkstoff Methylphenidat (respektive auch Dexmethylphenidat, in chemischem Aufbau und Wirkung praktisch identisch), der auch in anderen Präparaten erhältlich ist, die sich je nach Bedarf nach der Menge des Wirkstoffs und anderen Bedingungen jeweils besser oder schlechter eignen.
Zentral ist, dass ein(e) Ärzt(in) – am besten mit Erfahrung im ADHS-Bereich – allenfalls neben dem Therapeuten (sofern der nicht Mediziner ist) eine Untersuchung, die Vorabklärung und Verschreibung des Medikaments vornimmt. Dieses Vorgehen garantiert, dass Sie die begleitende medikamentöse Therapie auch wirklich benötigen, und erhöht zumindest die Chancen auf das passende Medikament und bald einmal die angemessene Dosis.

Gerade weil einige Erwachsene erst nach der Diagnose ihres Kindes (spätestens wegen Schulproblemen) aufgrund ähnlicher Symptome bei sich selbst auf ADHS schliessen, sei dringend davor gewarnt, einfach Medikamente des Kindes in Eigenregie einzunehmen! Vielleicht gar noch höher dosiert, schliesslich ist man/frau ja erwachsen. Damit verschiebt oder verunmöglicht man die ärztliche Reaktion auf Probleme bei der Dosis- und Medikamentenwahl und gewöhnt sich schlimmstenfalls an gar nicht benötigte Präparate. Übrigens ist die Dosierung wegen eh schon grösserer Unruhe je nach Entwicklungsstand und individueller Ausprägung für Kinder in der Tendenz meist gar höher als bei Erwachsenen, was bei anderen Medikamenten keineswegs der Fall ist.

Neben Ritalin, das klassischerweise in Dosen von 10, 20, 30 und 40 mg abgegeben wird, ist neben dessen Generika-Variante Medikinet MR (in selber Dosierung) und dem Mittel Equasym XL vor allem Focalin und Concerta verbreitet. Speziell die beiden letzteren werden für Erwachsene häufig eingesetzt. Weshalb? Primär wegen des nur bei Focalin eingesetzten, leicht abweichenden Wirkstoffs Dexmethylphenidat? Oder bei Concerta wegen seiner von den sonst gängigen 10er-Schritten abweichender Dosierung von 18, 36 und 54 mg? Kaum, wie gesagt zeigen die Wirkstoffe nach bisherigen Erkenntnissen keine grundlegenden Abweichungen, und die Milligramm-Angaben des Wirkstoffes sagen noch lange nicht alles aus.

Die Dauer machts ebenso aus
Für viele erwachsene Patienten (wie auch solche im Schulalter) ist genauso entscheidend wie die Dosis-abhängige Stärke, wie lange eine eingenommene Tablette Wirkung zeigt. Schliesslich möchten die meisten nicht mehr als zweimal täglich, im Idealfall eher einmal, eine Pille zu sich nehmen. Zumal die Regelmässigkeit und Pünktlichkeit für die Gewöhnung des Körpers von Bedeutung ist. Da spielt es durchaus eine Rolle, wenn man im Achtstunden-Arbeitstag und etwas darüber hinaus für private Zwecke konzentriert bleiben muss, ob zum Beispiel Concerta fast doppelt so lang nach Einnahme wirksam bleibt (ca. 8 bis 10 Stunden) wie eine vergleichbare Ritalin-Dosis, während Focalin in etwa dazwischen liegt. Bei Medikamenten mit längerer Wirkungsdauer spricht man auch von der Depotwirkung: Teile des Wirkstoffes werden später, das heisst in der Regel in Etappen, an den Organismus abgegeben.

Als dritter zentraler Punkt bei der Wahl des Medikaments und der Dosierung neben dem Gehalt (an Wirkstoff) und der Wirkungsdauer gilt der bei nachlassender Wirkung respektive nach Absetzen drohende Rebound-Effekt.Fahren die letzten Teile der Dosierung aus, verspüren viele ADHS-Patienten die Unruhe und Zappeligkeit noch stärker als vor der Medikamenteinnahme. Wie bei den meisten Wirkungsfragen reagieren Betroffene aber höchst unterschiedlich auf diesen Effekt, die einen nehmen es z.B. bei Focalin stärker wahr, andere bei Concerta, die einen erst bei höherer Dosierung als die anderen.

Die Phasen der «Einstellung»
Der grosse Vorteil von Erwachsenen gegenüber Kindern bei der Wahl und der Dosierung liegt darin, dass bei ihnen nicht grossmehrheitlich auf Fremdbeurteilungen (Eltern, Lehrkräfte etc.) abgestützt werden muss, um bei der Medikamenten- und Dosierungs-Wahl die momentan richtige Lösung zu finden. Erwachsene können genauer beschreiben, wie etwas bei ihnen wirkt. Dass Mediziner nämlich auf Anhieb das richtige Präparat und die richtige Dosierung erwischen, ist auch bei viel Erfahrung und genauer Abklärung bei einem Patienten alles andere als selbstverständlich. DIes ist der eine Grund, weshalb einerseits das Medikament nach Schilderung der Wirkung durch die Betroffenen öfters noch gewechselt wird, andererseits aber vor allem mit einer tendenziell zu kleinen täglichen Dosierung gestartet wird. Die/der Patient(in) erhält so die Möglichkeit, unter ärztlicher Kontrolle mit wöchentlichem (oder minim häufigerem) Wechsel auf die nächsthöhere Dosierung die Einstellung zu finden, mit der er den nötigen Wirkstoff (und nicht mehr!) erhält sowie möglichst unter keinen oder wenig Nebenwirkungen leidet. Auch auf Details wie den idealen Zeitpunkt der Medikamenten-Einnahme ist zu achten: Gleich mit dem Aufstehen, dem Morgenessen oder später?

Die drohenden Nebenwirkungen
Die wichtigsten Symptome, auf deren bereits schwaches Auftreten in Einstellungs-Phasen zuallererst geachtet werden sollte, sind vorab Kopfweh, Druck auf der Brust oder Einschlafprobleme. Und weiteres, was auf das Problem Nummer 1 für medikamentös therapierte ADHS-Betroffene hinweisen könnte: Erhöhten Blutdruck. Wegen dieser Gefahr können die genannten Medikamente im Übrigen auch kaum an Patienten mit ohnehin schon hohem Blutdruck abgegeben werden.

Die Langzeitperspektive
Zuletzt gilt bei Betroffenen, die medikamentöse Unterstützung zur Verhaltenstherapie und/oder anderen Massnahmen benötigen, auch nicht zu vergessen, dass die Medikamente keine Dauerlösung zu sein brauchen. Im besten Fall helfen sie dem Patienten, eine Ebene zu erreichen, auf der er mit Änderungen im Verhalten, Tages- und Arbeitsablauf eine klare Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit ohne grössere negative Begleiterscheinungen erreichen kann. Der Körper gewöhnt sich neuronal und im Bewegungsapparat auch an bestimmte neue Verhaltensweisen und Zustände, die bestenfalls vielleicht nach zwei Jahren oder auch noch später die weitere Einnahme des Medikaments schlicht erübrigen.

Der Verband Swissmedic zu den ADHS-Medikamenten und Fragen der Therapie

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Autor: Reto Meisser