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18. August 2014

Wann ist die Einnahme von Ritalin sinnvoll?

Sekundarlehrerin und Heilpädagogin Regina Renggli-Bruder beantwortet die fünf wichtigsten Fragen zum Thema Ritalin. Beachten Sie auf der rechten Seite zwei weitere Artikel zum Thema.

Regina Renggli-Bruder (50): Sekundarlehrerin, Heilpädagogin und Psychologin in der Beratungspraxis „faktordrei“ in Winterthur.

1. Wann plädieren Sie für den Einsatz von Medikamenten?
Man sollte so lange wie möglich nur das System (Familie, Schule) unterstützen. Wenn der Leidensdruck des Kindes aber so gross ist, dass es seine Fähigkeiten nicht angemessen umsetzen und zeigen kann, eine Schulverweigerung droht, eine Depression sich anbahnt oder das System leidet, dann ist es angebracht.

2. Wie kann das Kind unterstützt werden?
Vielversprechend ist das Neurofeedback, eine messbare Lern- und Verhaltenstherapie. Dem Kind können ebenfalls Lern-, Konzentrations- und andere Therapieformen helfen. Auch Homöopathie kann man probieren. Gleichzeitig braucht es ein individuell zugeschnittenes Coaching der Eltern und Lehrer für bessere, alltagstauglichere Interventionen. All diese Ansätze und andere mehr eignen sich auch als Begleitmassnahmen in Kombination mit Medikamenten, denn eine Intervention sollte nie nur auf der medikamentösen Schiene beruhen.

3. Wie kann das Umfeld konkret helfen?
Mit grossem Wohlwollen und Wertschätzung: viel loben! In der Schule Bewegungsabläufe schaffen und bei Struktur und Organisation helfen. In der Familie wirken Rituale unterstützend sowie das frühe Ankündigen von Veränderungen. Und viel lachen – die meist angespannte Stimmung aktiv entkrampfen. Die Peergroup kann helfen, indem sie den/die ADH(S)-lerIn an wichtige Dinge erinnert – zum Beispiel via WhatsApp – und ihn/sie nicht als Pausenclown missbraucht.

4. Wie lange sollten Medikamente genommen werden?
So lange, wie Betroffene, Eltern und die behandelnden Fachleute es nötig finden. Das ist sehr unterschiedlich: von einem Jahr bis Ende Ausbildung.
Meiner Erfahrung nach leidet etwa die Hälfte aller AD(H)S-ler auch noch als Erwachsene unter der Symptomatik, nur in veränderter Ausprägung Deren grösste Gefahr im Berufsalltag ist das Burn-out. Von daher macht es Sinn, ebenfalls im Erwachsenenleben punktuell auf Medikamente zurückzugreifen. Dabei ist die Begleitung durch die behandelnden Fachpersonen von zentraler Wichtigkeit.

5. Was raten Sie Eltern, die gegen eine Diagnose und Ritalin sind?
Ich möchte ihnen die Angst vor der Diagnose nehmen: Es geht nicht um eine Schubladisierung, sondern darum, dem Kind zu helfen, das zu zeigen, was es kann. Die Diagnose ist der Anfang eines Weges, der in eine hilfreiche Richtung geht, und führt nicht automatisch zu einer Medikamentierung – dies ist nur ein möglicher Schritt von vielen anderen, und die Eltern behalten zu jeder Zeit ihr Mitspracherecht. Im Zentrum einer AD(H)S-Diagnose steht immer der Dialog zwischen Eltern, Kindern und den abklärenden, beratenden und behandelnden Fachpersonen. Wer bei seinem Kind ADHS vermutet, kann sich an die Schule oder an den Kinderarzt, die Kinderärtzin wenden, welche dann geeignete Abklärungsstellen empfehlen kann.

Psychologische Beratungspraxis von Regina Renggli-Bruder

Autor: Laila Schläfli