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03. August 2015

Ristorante Kindergarten

Während der Mittagstisch in der Deutschschweiz polarisiert, ist der gemeinsame Pranzo in der Südschweiz seit rund 50 Jahren etabliert. Ein Besuch im Chindsgi in Lugano. Pro und Kontra: Rechts finden Sie die wichtigsten Argumente – was ist Ihre Meinung?

Kinder im Kindergarten Cassarate Lugano
Die Gnocchi an Tomatensauce haben den Kindern im Kindergarten Cassarate Lugano geschmeckt.

Matilde (3), Elena (5), Filip (4) und Ylenia (5) haben eine Mission. Sie sind heute im Kindergarten Lugano Cassarate TI «Bambini camerieri». Als kleine Kellner schenken sie den anderen vier Kindern an ihren Tischen zu trinken ein, servieren ihnen Salat, Gnocchi an Tomatensauce und Chriesi zum Dessert. Mag ein Kind noch eine zweite oder dritte Portion, holen sie Nachschlag in der Küche. Kippt ein Glas um, putzen sie das Wasser mit einem Lappen weg. Sie tragen die rosa-weiss oder blau-weiss karierte Kellnerschürze mit Stolz und gehen ihrer Aufgabe gewissenhaft nach.

Die Kinder schenken das Wasser selbst ein
Auch wenn der Krug etwas schwer ist, die Kinder schenken das Wasser selbst ein.

«Alle wollen den Job», sagt ihre Kindergärtnerin Claudia Di Stefani (46). Mit einer Liste stellt sie sicher, dass auch alle gleichermassen zum Zug kommen. Im Juni, gegen Ende des Schuljahrs, laufe alles rund.
Kommen die neuen Kinder im September in den Kindergarten, sei die Situation noch eine andere. Viele Kinder seien dann wählerisch, möchten nur Pasta ohne Sauce und bestimmt keinen Salat essen. Besonders für die Kleinen sei es schwierig, länger am Tisch zu bleiben.

Dreijährige dürfen, Vierjährige müssen
Im Tessin dauert der Kindergarten drei Jahre. Das erste Jahr ist freiwillig. Das heisst: Dreijährige dürfen, Vierjährige müssen kommen. Gegen Ende der Kindergartenzeit werden die Kleinen zudem spielerisch an den Schulstoff herangeführt. 90 Prozent der Dreijährigen besuchen bereits die Scuola dell’infanzia, wie der Kindergarten offiziell heisst. Der Name soll aufzeigen, dass er als erste Schulstufe zu verstehen ist. Für die Kindergärtler beginnt der Unterricht um 8.30 Uhr und endet um 15.30 Uhr. Bei den Dreijährigen, die das überfordern könnte, entscheiden Eltern und Lehrperson gemeinsam, wie lange sie bleiben.

Nach Weihnachten verbringen meist alle den ganzen Tag im Kindergarten, wie Di Stefani erzählt. Erst wenn ein Kind auch mit den anderen zu Mittag esse, gehöre es richtig dazu. Eine gute Stunde sitzen die Bambini jeweils in unterschiedlichen Gruppen zu viert oder fünft an einem Tisch, essen und plaudern. Über das, was sie zu Hause machen, ihre Geschwister, ihre Pläne fürs Wochenende, ihre Wünsche für den Geburtstag. Oft laden sie sich dann gegenseitig ein. Manchmal sagen sie einander auch: «Dich will ich mal heiraten.»

Ylenia bedient heute ihre Tischnachbarn
Ylenia bedient heute als «Bambina cameriera» ihre Tischnachbarn.

Für Di Stefani, die seit 23 Jahren Kindergärtnerin ist, geht es am Mittagstisch vor allem darum, dass die Kinder sich austauschen, Ungewohntes probieren und selbständig werden. Sie selbst sitzt während des Zmittags an einem erhöhten Tisch, isst mit den Kindern und hilft, wenn sie gebraucht wird. Hat ein kleiner Junge Mühe, den Wasserkrug zu stemmen, greift sie ihm unter die Arme. Streckt ihr ein kleines Mädchen eine faule Kirsche entgegen, sagt sie: «Tesoro, die musst du nicht essen.»

Die sieben Stunden ohne Pause allein mit den 22 Kindern sind für sie intensiv, aber bereichernd. «Für den Pranzo nach Hause zu gehen, käme hier niemandem in den Sinn», sagt Di Stefani. Das sei wohl eine Frage der Gewohnheit.

Seit 1944 eine Tradition im Tessin
Der Mittagstisch für die Kleinsten hat im Tessin eine lange Geschichte. 1944 wurde Kindergärtlern im Asilo Ciani in Lugano der erste Pranzo serviert. Hinter dem Projekt standen die Gebrüder Ciani, ursprünglich Tessiner, die in Mailand ihr Vermögen gemacht hatten und sich wohltätig im Tessin engagierten. «Nicht die Kinderbetreuung, sondern der soziale Gedanke – gesundes Essen für alle Kinder – stand damals im Zentrum», sagt Sandro Lanzetti (58), Schuldirektor der Stadt Lugano. Die Erkenntnisse der italienischen Ärztin und Naturforscherin Maria Montessori (1870–1952) galten als wegweisend. Sie ­hatte erforscht, dass Kinder ab drei Jahren in ihrer Entwicklung optimal gefördert werden, wenn sie den Tag in altersgemischten Gruppen verbringen und man ihre Selbständigkeit fördert.

Die Eltern schätzen den Pranzo
Über die Jahre hat sich der Mittagstisch auf Kindergartenstufe im ganzen Kanton etabliert. In 380 der insgesamt 400 Tessiner Kindergärten essen die Bambini heute zu Mittag, wie Mirko Guzzi (56), Direktor des kantonalen Gemeindeschulamts in Bellinzona, sagt. Die Eltern zahlen je nach Einkommen dafür etwa 50 Franken im Monat. Die realen Kosten schätzt Guzzi auf das Drei- bis Vierfache. Den Löwenanteil finanzieren die Gemeinden, auch der Kanton beteiligt sich.
«Die Eltern schätzen den Mittagstisch, da er die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert.» Aus Sicht der Schule sei er insbesondere pädagogisch wertvoll.
Guzzi: «Eine Debatte über den Mittagstisch, wie sie in der Deutschschweiz geführt wird, hat es im Tessin so nie gegeben.»

Ganz im Gegenteil werde auch der Ruf nach Mittagstischen auf Primarschulstufe immer lauter. Dort sind die gemeinsamen Pranzi nicht obligatorisch und entsprechend weniger etabliert. Laut Sandro Lanzetti verlieren die Kinder einen Teil der Selbständigkeit, die sie sich im Kindergarten angeeignet haben, wieder, wenn sie Primarschüler werden. Seine These: An der Scuola elementare spielen die Lehrer ihre Rolle und die Schüler ebenso. «Das Gefühl für die Gemeinschaft, das den Alltag im Kindergarten prägt, bleibt leider beim Übergang in die Primarschule auf der Strecke.»

Elena und Ylenia wringen den Waschlappen aus
Die kleinen Kellnerinnen Elena und Ylenia wringen den Waschlappen aus, um den Tisch noch einmal zu putzen und endlich sauber zu kriegen.

In der Kindergartenklasse von Claudia Di Stefani sind nun alle satt. Die Augenlider der Kleinsten, die noch Siesta machen, sind schwer geworden. Matilde, Elena, Filip und Ylenia räumen das Geschirr ab, sortieren Gabeln und Messer im Besteckkasten, putzen die Tische. La Maestra und die stärkeren Kinder helfen ihnen, die Stühle auf die Tische zu stellen. Sie nehmen die Kellnerschürzen ab und putzen mit allen anderen die Zähne. 

Autor: Monica Müller

Fotograf: Claudio Bader