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25. November 2013

Rimini ohne Badetuch

Winterferien in Rimini? Das ist kein Witz, sondern ein Geheimtipp für Italienfans, Ruhesuchende und Meerliebhaber. Aber attenzione, die Badesachen bleiben für einmal zu Hause.

Velo, das am einsamen Strand von Rimini an einem Pfosten lehnt
Sonnenschirme und Liegestühle sind verschwunden: Am Strand von Rimini ist Ruhe eingekehrt.

Frühmorgens friert es einen leicht, weil die Sonne noch nicht durch die dünne Nebelschicht zu dringen vermag. Es riecht nach Meer. Und es ist ganz still, weil sie weg sind: die 40'000 Sonnenschirme, die 80'000 Liegestühle. Und, viel ausschlaggebender: mit ihnen die Heerscharen von Badetouristen, die den 15 Kilometer langen Strand von Rimini Sommer für Sommer bevölkern. Mitte September haben die Bademeister, hier Bagninos genannt, die Schirme zugeklappt, den feinen Sand von den Liegestühlen geklopft und das gesamte Mobiliar in den Strandkabinen verstaut, denn ab Mitte September gilt hier die Badesaison offiziell als beendet. Dann kehrt dort, wo im Hochsommer fast 24 Stunden lang lauter Strandbetrieb herrscht, schlagartig Ruhe ein.

Der Ausblick auf das Städtchen Verrucchio.

DAS RIMINI DER ÄSTHETEN UND SAMMLER
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Der breite Strand ist dann gänzlich leer geräumt, und auf dem Sand findet man eher die Spuren von Schuhen mit gutem Profil als die Abdrücke nackter Füsse. Nordic Walker mit Wollmützen auf dem Kopf drehen vor der Kulisse des glasklaren Wassers ihre Morgenrunden, während andere ihre Hunde spazieren führen. Der Strand wird nicht mehr täglich geputzt, und am Ufer liegt mal da eine alte Schiffboje, mal dort ein grosses Stück Treibholz, und alle paar Meter verströmen angeschwemmte Miesmuscheln und Seegras den typischen Meeresduft.

Die Zeiten der wummernden Discos ist vorbei

Im Herbst kann das Thermometer an manchen Tagen noch auf über 20 Grad klettern. Für eine Handvoll enthusiastischer Touristen manchmal Grund genug, sich ein letztes Mal in die Badeklamotten zu werfen und sich mit Badetuch an den Strand zu legen. Im Gegensatz zu den Sommermonaten stört sich jetzt kein Bademeister mehr daran. In Rimini ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man sich an einem der vielen Strandabschnitte einen Liegestuhl plus Schirm mieten muss, will man Teil der entspannten Badegesellschaft werden.

Daniela Wittwer am Strand von Rimini
Wegen der Liebe ausgewandert: Die Schweizerin Daniela Wittwer kam vor 37 Jahren nach Rimini.

Daniela Wittwer (54) erinnert sich gerne daran, wie sie vor 37 Jahren nach Rimini kam. «Natürlich war es wegen der Liebe», gibt sie ohne Umstände zu. Was als Badeferien mit der besten Schulfreundin begann, endete in einer Liebesgeschichte mit einem Rimineser. Kurzerhand zog sie damals als junge Frau in die berühmte Stadt an der Adria, jobbte auf einem Campingplatz als Mädchen für alles und lernte innerhalb von vier Monaten die italienische Sprache. Heute ist sie mit demjenigen Mann verheiratet, für den sie die Schweiz einst verlassen hat, und zieht mit ihm den gemeinsamen Sohn gross.

Daniela Wittwer kennt das Rimini, das lange für seine 120 Discotheken bekannt war, nur allzu gut. Die Zeiten der wummernden Discos seien jedoch längst vorbei. Nicht nur für sie persönlich, sondern auch ganz allgemein. Lieber fährt Daniela Wittwer, wie so viele Rimineser, am Wochenende mit Freunden für einen Apéro in eines der vielen mittelalterlichen Städtchen ausserhalb von Rimini. «Alle paar Jahre ist wieder etwas anderes trendy», erzählt sie. Momentan stehe das zehn Kilometer weit entfernte Santarcangelo mit seinen guten Bars und hübschen Boutiquen hoch im Kurs.

Dom Tempio Malatestiano in der Altstadt von Rimini
In der Altstadt von Rimini: Im Dom Tempio Malatestiano kann man ein Kruzifix des weltberühmten Malers Giotto bestaunen.

Die 54-Jährige arbeitet als Touroperator bei einem Tourismusunternehmen und bekommt deswegen die Veränderungen in Rimini an vorderster Front mit. Dass der 2011 gewählte Bürgermeister Andrea Gnassi der Stadt ein modernes, umweltfreundliches Image verpassen will, ist eine dieser Veränderungen. 143'321 Einwohner zählt die Stadt am Mittelmeer. Darunter sind viele eingefleischte Autofahrer, die es schätzen, im Sommer den Familienkombi direkt am Strand zu parkieren. Viele davon sind es sich nicht gewöhnt, dass ihnen auf dem Weg zum Baden ein Velo den Weg abschneidet. Und so empören sich die Einheimischen über die neuen Radwege entlang der Strandpromenade und über die Tatsache, dass die dortigen Autoparkplätze bald grossen Grünflächen und Bäumen Platz machen müssen. «Der Wille, etwas zu verändern, ist hier gross», sagt Daniela Wittwer und lacht. «Allerdings brauchen die Riminesi etwas länger, um sich an Neues zu gewöhnen.»

In Rimini befindet sich das grösste Kongresszentrum Italiens

Dass nun auch in der kalten Jahreszeit Touristen den Weg nach Rimini finden, ist für Daniela Wittwer ein neues, aber erfreuliches Phänomen. «Früher war es hier im Winter menschenleer.» Nur die Einheimischen tummelten sich am Wochenende am Strand, um miteinander ein Schwätzchen zu halten und dabei die gesunde Meeresluft einzuatmen. Die Hotels waren geschlossen, die Strassen leer. Jetzt, da sich seit ein paar Jahren das grösste Kongresszentrum Italiens in Rimini befindet, ist das Quartier entlang der Strandpromenade auch im Herbst und Winter belebt, und immer mehr Hotels haben das ganze Jahr über geöffnet.

Hobbyfischer an der Hafenpromenade.
Hobbyfischer an der Hafenpromenade.

Hin und wieder, so erzählt die Schweizerin, werde aber auch ihr der Rummel zu viel. Wer in der Tourismusbranche arbeite, könne sich manchmal nur schwer davon distanzieren. Das ist der Grund, warum Daniela Wittwer vor wenigen Jahren mit ihrer Familie aus Rimini weg in eine Nachbarsgemeinde zog. Ganz weg von hier, das kann sie sich aber nicht vorstellen. Sie will in der Nähe ihres geliebten Rimini bleiben. Und bevor sie sich die Sonnenbrille aufsetzt und sich verabschiedet, macht sie ein zweites Geständnis: «Bei den meisten ist es umgekehrt, aber ich träume davon, eines Tages ein Ferienhaus in der Schweiz zu haben.»

Ab September geht es los mit den Festivals in den Dörfern

Gemüse- und Fischmarkt in Rimini
Gemüse- und Fischmarkt in Rimini: Ausserhalb der Saison gibt es hier kein Gedränge.

Im Sommer sind die Riminesi mit dem Saisonbetrieb beschäftigt, während sie im Herbst und Winter endlich wieder Zeit haben, die Vorzüge der eigenen Region, der Emilia-Romagna, zu geniessen. Ab September geht es los mit den Festivals in den Dörfern der Umgebung. Da gibt es etwa das Trüffelfest, das Kastanienfest, das Olivenölfest oder das Fossakäsefest. Fast jedes Wochenende fahren die Einheimischen in die Hügel des Hinterlandes, um in die Festmarkt-stimmung einzutauchen. Etwas, was man auch als Tourist tun sollte, denn wann bietet sich einem schon die Gelegenheit, sich unauffällig unter die Einheimischen zu mischen und unbehelligt die Vorzüge der Region zu geniessen.

Rimini, das ist vor allem eines: Italien. Und Italien bedeutet Essen. Bestes Beispiel dafür ist die Piadina, kurz Piada genannt. Der Teigfladen, mit Käse, Gemüse und Fleisch gefüllt, ist typisch für die Emilia-Romagna. Die Piada Romagnola ist sehr dünn und knusprig, und wer es besonders authentisch mag, sollte den Frischkäse Squacquerone als Füllung wählen. In Rimini, das angeblich 95 Piadina-Läden hat, ist die Piada so sehr Teil des Alltags, dass das renommierte «Rolling Stone Magazin» dem Gericht mehrere Seiten gewidmet hat.

Meeresfrüchte-Verkäufer mit frischen Krabben in der Hand.
Die meisten Meeresfrüchte stammen aus den reichen Beständen der Adria.
Eine Piadina mit Schinken gefüllt.
Teil des Alltags in Rimini: Die Piadina, ein mit Käse, Gemüse und Fleisch gefüllter Teigfladen.

Tatsächlich besteht Rimini aus mehr als nur Strand und Souvenirshops. Wer sich in die nur zehn Minuten Fussmarsch entfernte Altstadt begibt, erkennt das auf den ersten Blick: Ruinen und alte Ausgrabungsstätten, Triumphbögen und geschichtsträchtige Gebäude wie der Dom Tempio Malatestiano mit Fresken und Gemälden von Giotto. Alles deutet auf das reiche historische Erbe der Stadt hin und darauf, dass die Stadt schon eine Vergangenheit hatte, bevor in Rimini 1843 die erste Badeanstalt eröffnet oder 1920 der weltberühmte Regisseur Federico Fellini geboren wurde.

Wer sich weniger für die Geschichte Riminis interessiert, hat genug damit zu tun, das Alltagsleben in der Stadt zu geniessen, dem Hafen entlangzuspazieren und den Hobbyfischern etwas Gesellschaft zu leisten oder in der Altstadt einfach nur einen Espresso zu bestellen und den Einheimischen zuzuschauen, wie sie von ihren Einkäufen auf dem Markt oder der Vorlesung an der Uni nach Hause schlendern.

Man muss nirgends anstehen. Das ist der grösste Vorteil, wenn man neben der Saison in einem Badeort wie Rimini Ferien macht. In der Gelateria kann man sich in Ruhe die Karte ansehen und sich in Italienisch versuchen, weil niemand anderes wartet. Im Restaurant muss man nicht lange auf einen Tisch warten, und im Kiosk könnte es höchstens etwas länger dauern, weil der Padrone, die Tageszeitung unter den Arm geklemmt, gerade ein Schwätzchen mit der Verkäuferin hält.

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: Paolo Dutto