Archiv
06. Januar 2014

Der freie Blick aufs Meer

Unten sitzen sie im Trüben, und oben blinzeln wir in die Sonne: Auf der Rigi, hoch über dem Nebelmeer, führt uns eine leichte Winterwanderung bis ins 35 Grad warme Wasser des neuen Mineralbades.

Nalani, Üsé und Barbara auf dem Weg nach Rigi Kaltbad, im Hinergrund ragt der Pilatus aus dem Nebelmeer
Unterwegs nach Rigi Kaltbad, im Hintergrund der Pilatus (von links): Nalani, Üsé und Barbara.
Hotel Castell
Hotel Castell in Zuoz (Bild zVg)

DREI WANDERUNGEN ZUM THERMALBAD

Mehr zum Thema: Weitere erholsame und anstrengende Schneepfade zu speziellen Bäderwelten in Graubünden und im Wallis.

Zum Artikel

Mark Twain und sein Begleiter gingen die Besteigung der Rigi im Jahr 1879 mehr schlendernd denn wandernd an, legten viele Pausen ein, rauchten gemütlich ihre Pfeifen. Zum Unmut des einheimischen Führers, wie der amerikanische Schriftsteller in seiner satirisch angehauchten Erzählung «Bummel durch Europa» schreibt: «Plötzlich fuhr uns der Führer mit der Frage an, ob wir ihn nach dem Tarif oder fürs Jahr mieten wollten.» Aufgebrochen war Twain mit dem Ziel, «zum ersten Mal den Genuss eines Sonnenaufgangs in den Alpen zu erleben». Ein schwieriges Unterfangen, wie sich zeigen sollte. Den ersten Sonnenaufgang jedenfalls verschliefen Twain und sein Begleiter. Tatsächlich war im 19. Jahrhundert der Sonnenaufgang einer der Hauptgründe, warum die Rigi schon damals viele Touristen anlockte. Und natürlich das Panorama.

Kantonswappen Schwyz
Kantonswappen Schwyz
Kantonswappen Luzern
Kantonswappen Luzern

Die «Königin der Berge» ist zwar nur mickrige 1797 Meter hoch, aber ihre freistehende Lage am Rand der Voralpen ermöglicht bei guter Sicht den Blick zu über 600 Gipfeln und auf 13 Seen. Wir jedoch werden auf unserer Winterwanderung von Rigi Scheidegg bis Rigi Kaltbad keinen einzigen See sehen.

Der Blick von «oben herab» in die kalte Trübnis

Keinesfalls möchten wir uns deshalb beklagen, im Gegenteil: Wir haben dafür freien Blick aufs Meer – das Nebelmeer. Während wir gemütlich durch den knirschenden Schnee stapfen, bei blauem Himmel, mit der Sonne im Gesicht, schauen wir schon etwas «von oben herab» auf die Wolkenmasse unter uns. Diese füllt, wie das Wasser eines Stausees, die Täler und lässt die bemitleidenswerten Gestalten dort unten in Trübnis sowie Kälte hocken. Unsere gut zweistündige Wanderung führt meist leicht bergab auf einem ehemaligen Bahntrassee, das wir uns mit den Langläufern teilen.

Tunnel der 1931 stillgelegten Rigi-Scheidegg-Bahn
Nur noch Kulisse: Ein Tunnel der 1931 stillgelegten Rigi-Scheidegg-Bahn.
Viadukt der 1931 stillgelegten Rigi-Scheidegg-Bahn.
Nur noch Kulisse: Ein Viadukt der 1931 stillgelegten Rigi-Scheidegg-Bahn.

Hier verkehrte zwischen 1874 und 1931 die Rigi-Scheidegg-Bahn. Obwohl sie damals als eine der schönsten Panoramabahnen der Schweiz galt, war ihr nie Erfolg beschieden. Bereits 1878 ging sie erstmals Konkurs und stellte 1931 den Betrieb dann definitiv ein. Die Schienen sind längst weg, geblieben ist ein breiter Wanderweg, auf dem wir nun entlang einer Nagelfluhwand wandern, in deren ewigem Schatten etliche Eiszapfen wachsen. Vor uns liegt der Dosse, dessen Kuppe der Wind beinahe schneefrei geblasen hat. Hier sind wir direkt auf der Kantonsgrenze zwischen Schwyz und Luzern unterwegs. Kantone, die das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne hatten. Das zeigte sich etwa Mitte des 17. Jahrhunderts, als hier der Pilgertourismus aufkam und die Kapelle im luzernischen Rigi Kaltbad den Ansturm der Gläubigen kaum mehr bewältigen konnte. Damals verboten die Luzerner kurzerhand den Schwyzern, «ihre» Kapelle zu betreten.

Blaue Zahnradbahn von Arth nach Rigi Kulm in Fahrt.
Die Zahnradbahn von Arth nach Rigi Kulm wurde 1875 eröffnet.

Mark Twains Frust mit dem Sonnenaufgang

Wir geniessen derweil den Ausblick in Richtung Osten zum Üetliberg, Säntis und Wildhuser Schafberg. Der Weg führt uns durch einen ehemaligen Bahntunnel, und bald erreichen wir einen Viadukt aus Stahl. Hier machen wir einen kleinen Abstecher ins Berghaus Unterstetten, wo wir uns auf der Sonnenterrasse ein Mittagessen gönnen. Das ermöglicht, das Panorama gebührend zu bewundern. In weiter Ferne sehen wir den Chasseral, unter uns taucht wie eine Insel der Bürgenstock aus dem Nebelmeer auf, und dahinter reiht sich Gipfel an Gipfel: Pilatus, Stanserhorn, Doldenhorn, Eiger, Mönch, Finsteraarhorn, Titlis – wir können uns kaum sattsehen. Sattsehen wollte sich auch Mark Twain, und zwar an einem prachtvollen Sonnenaufgang. Aber auch Versuch Nummer zwei ging schief: Müde von der zweiten Etappe der «Alpenfusstour» verschlief er ihn schon wieder. Wir hingegen gönnen uns nicht einmal einen Mittagsschlaf, wandern weiter über den Viadukt und vorbei am einzigen übrig gebliebenen Wagen der ehemaligen Bahn, der jetzt als Ferienhäuschen genutzt wird. In Rigi First verlassen wir den Kanton Schwyz und überqueren nun definitiv die Grenze nach Luzern. Gut 200 Höhenmeter unter uns rattert die Rigibahn den Berg hinauf. Die Vitznau-Rigi-Bahn war zwar bei ihrer Inbetriebnahme 1871 die erste Bergbahn Europas. Sie führte aber nur bis Rigi Staffelhöhe, also genau an die Kantonsgrenze. Die Schwyzer verweigerten den Luzernern nämlich die Konzession für die weitere Strecke und bauten von Arth her selbst eine Bahn bis zuoberst auf die Rigi. Das war wohl die Retourkutsche für den Zwist mit der Kapelle. Und noch bis 1992 mussten die Luzerner einen Pachtzins für die Benützung des Gipfelabschnitts bezahlen. Danach fusionierten die beiden Bahnen.

Mineralbad Rigi Kaltbad.
Mineralbad Rigi Kaltbad: Hier kann man vom 35 Grad warmen Wasser aus das Panorama geniessen. (Bild: BlueWaterCom.ch)

«15 Minuten zu spät aufgestanden, die Sonne steht schon am Horizont», konstatiert Mark Twains verschlafener Begleiter beim dritten Versuch. Trotzdem geniessen die zwei Amerikaner das Naturspektakel: «Wir konnten nicht sprechen … standen in trunkener Verzückung …» Bis Twains Begleiter plötzlich schrie: «Verdammt, sie geht ja unter!» Auch wir erleben den Sonnenuntergang. Und zwar sitzend in einer der halbrunden Felsnischen im 35 Grad warmen Wasser, im Aussenbecken des 2012 eröffneten Mineralbad & Spa Rigi Kaltbad, das von Mario Botta geschaffen wurde. Im sprudelnden Wasser lassen wir die Seele baumeln, geniessen erneut das Bergpanorama, den orange-rot-blau-violetten Abendhimmel und das Nebelmeer in zartem Lila – wissend, dass sie unten nun bereits im Dunkeln hocken.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Marc Latzel