Archiv
10. November 2014

Richtungswechsel

Rechtsumkehrt!
Rechtsumkehrt! Hier darf man's gar mal auf der Strasse. (Bild iStockPhoto)

«Mami, wieso brauchst du denn noch Windeln?», will meine Vierjährige wissen. Sie zeigt auf die ultralange, ultrabreite Damenbinde, die ich gerade in und um meinen Slip geklebt habe. Ich denke noch über eine passende Antwort nach, als Ida aus dem Kinderzimmer brüllt: «Die braucht sie wegen dem vielen Blut.» Eva reisst ihre Augen weit auf. Ich kann förmlich beobachten, wie es in ihrem Köpfchen arbeitet. «Aber Mami, warum blutest du denn da unten?»

Weil geschlechtsreife Frauen einmal pro Monat ihre Gebärmutterschleimhaut abstossen, wenn sich in ihrem Uterus kein befruchtetes Ei eingenistet hat? Das klingt ungefähr so, als würde man sagen: Wenn am Kühlschrank aussen ein Lichtlein blinkt, dann ist der Kühlschrank innen leer. Voll logisch, oder? Alternativ könnte ich auch so antworten: Weil sonst niemand Always Ultra kaufen würde. Weil es total cool ist, jeden Monat ein Kettensägenmassaker in der Unterhose zu haben. Alles super Antworten für vierjährige Zuhörer und sechsjährige Mithörer. Deswegen mache ich das, was alle Eltern früher oder später machen: Ich reisse das Steuer herum und wechsle vollkommen unvermittelt die Fahrtrichtung. «Eva-Mäuschen, deine Haare glänzen heute aber ganz besonders.» Meine Kleine guckt verzückt und zupft an ihren dünnen Fransen herum. Schweigen aus dem Kinderzimmer. Uff! Gerade noch die Kurve gekriegt.

Dieses Manöver habe ich übrigens bei meiner Mutter gelernt. Niemand weicht so schön aus wie sie, niemand wechselt virtuoser das Thema als sie. Mein liebstes Beispiel: Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, hatte ich beim Spielen etwas aufgeschnappt, das ich nicht verstand. Unser frühreifer Nachbarsbub hatte erzählt, manchmal würden Frauen Männern einen blasen. Da ich von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte, fragte ich meine Mutter. Sie wurde rot, stammelte herum – und plötzlich dozierte sie über den Unterschied zwischen Blech- und Holzblasinstrumenten. Wussten Sie, dass Saxofone zu den Holzblasinstrumenten gezählt werden, da der Ton durch ein schwingendes Hölzchen erzeugt wird?

U-Turns funktionieren übrigens in allen Lebenslagen. «Mami, wer hat das Schwein getötet, das wir gerade essen?» – «Wollt ihr nachher eine Folge Pippa Wutz gucken?» – «Kommt aus Papis Schnäbeli nur Pipi?» – «Hey, du könntest dich zur Fasnacht auch als Pippi Langstrumpf verkleiden ...»

Obwohl ich meine Technik immer weiter verfeinere, gelingt mir der U-Turn nicht immer. Herr Leinenbach ist total immun gegen Fahrtrichtungswechsel aller Art. Er: «Was ist denn in der Einkaufstasche, die in der Garderobe steht?» – Ich: «Apropos – du müsstest mal wieder Karton entsorgen.» – Er: «Ja. Und was ist in der Tüte?» – Ich: «Lebensmittel. Alles Lebensmittel.» – «Aber unser Kühlschrank ist doch voll.» – «Die Sachen waren total billig. Zehn Wienerli für einen Franken und so.» – Er: «Warum kaufst du Wienerli im Schuhgeschäft?»

Autor: Bettina Leinenbach