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02. April 2013

Revolutionärin wider Willen

Schwester Liliane hat die Krankenpflege revolutioniert: Vor gut 40 Jahren schrieb sie das heutige Standardwerk für die Pflegeausbildung. Im Oktober feiert die Ordensschwester ihren 80. Geburtstag. Zu diesem Anlass ehren sie ein Film und eine Biografie.

Schwester Liliane
Stolze Autorin mit ihrem Werk: Schwester Liliane hat 1969 das Buch «Krankenpflege» veröffentlicht, das noch heute in der Pflegeausbildung benutzt wird.
Pflegeexpertin Barbara Gassmann
Pflegeexpertin Barbara Gassmann (Bild zVg)

AKTUELL ODER VERALTET?
Was hält eigentlich Pflegeexpertin Barbara Gassmann von Klara Juchlis Anleitungen, kommt das Buch «Krankenpflege» in der Ausbildung bis heute noch zum Einsatz? Das Interview.

Neben Ikonen hängen Glöckchen aus Taiwan und Glasengel in verschiedenen Variationen. Bücher stapeln sich bis zur Decke, in den Regalen liegen etliche Figürchen; Fotos und Bilder zieren die Wände — Schwester Lilianes Büro im Ingenbohler Schwesternhaus in Zürich Hottingen ist voller Erinnerungen. Die bald 80-Jährige zieht einen Holzstuhl heran, stellt sich darauf und nimmt einen roten Band aus dem hohen Bücherregal. «Weil es 1963 an einheitlichem Unterrichtsmaterial in der Pflegeausbildung fehlte, schrieb ich es selber.» Sechs Jahre später umfasste ihr Manuskript 499 Seiten, war rot eingebunden und trug den Titel: «Umfassende Krankenpflege».

Wer sich selbst nicht pflegt, kann auch andere nicht pflegen.

Schon als 19-Jährige weiss Klara Juchli — so lautet ihr weltlicher Name —, was sie will. Und das ist nicht das, was die Eltern wollen. Klaras Ziel: Krankenschwester werden und später Entwicklungshilfe leisten. Auf keinen Fall die von der Mutter organisierte Servicelehre absolvieren oder heiraten: «Die Ehe wäre mir zu eng gewesen. Ich wollte raus — die Welt sehen.» Sie setzt sich durch und beginnt 1953 ihre Ausbildung an der Pflegeschule der Ingenbohler Schwestern in Zürich, tritt dem Kloster Ingenbohl bei und heisst von da an Schwester Liliane. Zehn Jahre später lehrt sie selbst am Kantonsspital St. Gallen, wo bis 1969 ihre 499-seitige Sammlung entsteht, die sich bis nach Deutschland verbreitet. 1973 gibt der medizinische Fachverlag Thieme den ersten «Juchli» heraus: «Allgemeine und spezielle Krankenpflege: ein Lehr- u. Lernbuch». Bis Anfang der 80er-Jahre unterrichtet Schwester Liliane an der Krankenpflegeschule Theodosianum im Zürcher Kreis 7, ist später Schulleiterin in Basel, hält Fachtagungen und schreibt nebenbei noch die zweite und dritte Auflage des «Juchli».

Man kann nicht immer allen alles Recht machen

Plötzlich wird ihr alles zu viel, ihre Energie ist am Nullpunkt. «Das Burnout-Syndrom», sagt sie heute, «gab mir Zeit zum Nachdenken.» Ein Jahr lang nimmt sie sich zurück, setzt sich mit sich selbst auseinander. «C.G. Jung sagt: Es ist die ultimative Herausforderung, sein Leben anzuschauen — und ein Burnout zwingt uns genau zu dem.» In dieser Auszeit erkennt sie: Man kann nicht immer allen alles recht machen.

Sie sitzt am Tisch in ihrem Gesprächszimmer in Zürich, vor ihr liegen ihre Werke: acht Bücher. Den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Hände ineinander gefaltet, erzählt sie weiter: «Die Sorge für sich selber war ein ganz wichtiger Moment: Wer sich selbst nicht pflegt, kann auch andere nicht pflegen.» Sie vertiefte weiter ihr Wissen um den Menschen in seiner Ganzheit: «Jeder angehende Schreiner muss das Holz kennenlernen; sogar den Wald. Aber Pflegende werden sofort mit dem kranken Menschen konfrontiert. Also müssten wir ihnen mehr Platz, Zeit und Raum einräumen, um über den Menschen nachzudenken.» Damals definiert sie die Pflege neu: weg vom Medizinisch-Linearen, hin zum Ganzheitlichen.

Was für uns heute selbstverständlich ist, hat sie entwickelt: Nicht erst die Krankheit therapieren, sondern vorher die Gesundheit pflegen. Ihr Ansatz berücksichtigt neu alle Ebenen menschlichen Seins, wie das Umfeld und die Biografie eines Menschen. Schwester Liliane präsentiert 1983 ihre eigentliche Bibel, die 4. Auflage des «Juchli»: «Praxis und Theorie der Gesundheitsförderung und Pflege Kranker».

Dieser Ansatz revolutionierte die Krankenpflege — doch das Wort gefällt Schwester Liliane nicht: «Revolution heisst ja, dass man das Alte zerstört. Ich habe jedoch das Alte einfach erneuert und somit das Denken verändert.» Dadurch eckte sie auch an.

Die Leute haben Angst, Gewohntes zu hinterfragen.

Die unfreiwillige Revolution gipfelt 1985 mit ihrem Buch «Heilen durch Wiederentdecken der Ganzheit». Speziell evangelikale sowie strenge christliche Kreise kritisieren sie scharf. Die Vorwürfe: Das sei nicht christlich, denn heilen könne nur Gott. Und die Vermischung mit Elementen anderer Kulturen — das Buch beinhaltet auch Mandalas oder das Prinzip von Yin und Yang — ist zu viel für die Konservativen. «Die Leute haben Angst, Gewohntes zu hinterfragen», sagt sie. Nicht so Schwester Liliane. Sie ist keine dogmatische Ordensschwester. Davon zeugt auch ihre Bücherwand: Pädagogik, initiatische Therapie, astrologische Psychologie, Logotherapie, Märchen, Mystik, Traumdeutung, bis hin zu «Das Kind in uns». In ihren Augen konkurriert Religion nicht mit Medizin, sie steht hinter dem Fortschritt. Das oberste Gut bleibt für sie die Würde des Menschen — dafür engagiert sie sich bis heute. Und genau das würdigen die Anfang Jahr erschienene Biografie «Liliane Juchli — Ein Leben für die Pflege» sowie der Film: «Leiden schafft Pflege — ein Leben für die Würde des Menschen».

Ihre Arbeit für die Menschen füllt ihren Terminkalender. Seit ihrer Krise hat sie aber gelernt, Nein zu sagen. Leicht fällt ihr das noch immer nicht: «Heute zum Beispiel hätte ich eigentlich Nein sagen müssen zum Gespräch. Aber ich habe Freude daran, mit anderen in Kontakt zu treten», sagt sie lächelnd. Dieser Austausch ist ihr wichtig. Im Gespräch antwortet sie, bevor die Frage fertig ist — sie blüht auf. «Der Traum der Entwicklungshilfe war in seiner ursprünglichen Vorstellung nicht möglich», sagt sie. «Doch man darf das Träumen nie aufgeben. Denn die Voraussetzung für Veränderung ist immer ein Traum.» Obwohl sie nie Entwicklungsarbeit gemacht hat, ist sie trotzdem Missionarin — in der Welt der Pflege.

Film: «Leiden schafft Pflege – ein Leben für die Würde des Menschen» von Marianne Pletscher.

Biografie: «Liliane Juchli – Ein Leben für die Pflege», T. von Fellenberg-Bitzi, Thieme Verlag.

Autor: Laila Schläfli

Fotograf: Gerry Nitsch