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17. Oktober 2011

Revolution hinter dem Buffet

1981 schossen in der Schweiz Genossenschaftsbeizen wie Pilze aus dem Boden. Die Betreiber waren jung, kreativ und politisch aktiv. 30 Jahre danach: Aus den Revoluzzern von damals sind gestandene Gastronomen geworden.

Marguerite Misteli erinnert sich, dass die wilden Zeiten gar nicht so wild waren.
Marguerite Misteli erinnert sich, dass die wilden Zeiten gar nicht so wild waren.

Ende Mai 1980 stand Zürich im Zeichen der Jugendunruhen. Der Stadtrat hatte 60 Millionen Franken für die Renovation des Opernhauses bewilligt und gleichzeitig die Forderung nach einem autonomen Jugendzentrum für Punk- und Rockkonzerte abgelehnt. Die Jugend ging auf die Strasse, es kam zu heftigen Zusammenstössen mit der Polizei. Auch in anderen Schweizer Städten kam es zu Jugendunruhen. Der Zusammenstoss zwischen den Jungen und der bürgerlichen Gesellschaft war jedoch nicht vergebens. Er löste einen Diskurs aus und brachte langsam eine Annäherung der beiden Fronten. So wurde beispielsweise im Oktober 1980 die Rote Fabrik in Zürich als autonomes Jugendzentrum eröffnet. Zuerst als Provisorium und später als fixer Standort. Einigen Jugendlichen dauerten die Verhandlungen zu lange, oder das Prozedere war ihnen zu kompliziert. Sie wurden selbst aktiv, sammelten Geld, kauften Häuser und schafften sich ihre eigenen Orte. Räume, in denen sie wohnen konnten. Lokale, in denen sie ihre Kultur leben und erleben durften.Es entstanden Genossenschaftsbeizen: das Restaurant Zähringer in Zürich, der Schwarze Engel in St. Gallen, die Brasserie Lorraine in Bern oder der Widder in Winterthur. Sie alle orientierten sich am legendären Kreuz in Solothurn. Die erste Genossenschaft mit Wohngemeinschaft, Restaurant und Kulturlokal unter einem Dach war bereits 1973 gegründet worden. Als Nachwehe der 1968er-Bewegung, die sich schon damals für mehr Freiraum eingesetzt hatte. Die meisten der erwähnten Genossenschaften feiern dieses Jahr ihren 30.Jahrestag. Das heute geltende Genossenschaftsrecht ist jedoch viel älter. Es trat 1937 in Kraft. Mit dem Gesetz sollte verhindert werden, dass kapitalistische, profitorientierte Unternehmen ins Kleid der Genossenschaft schlüpfen. Es dient noch immer demselben Zweck: der ökonomischen Selbsthilfe. Nicht alle Genossenschaften überlebten. Und manche können nur noch bestehen, weil sie sich stark reorganisiert und die gleichberechtigte Arbeitsteilung abgeschafft haben. Einblicke in vier Beizen, die als Genossenschaften starteten

Irgendwann war die Kasse leer

François Baeriswyl (46), Pächter der ehemaligen Genossenschaftsbeiz Ochsen in Zofingen AG

François Baeriswyl, Pächter der ehemaligen Genossenschaftsbeiz Ochsen in Zofingen
Pächter François Baeriswyl hat aus der Genossenschafts- eine Bierbeiz gemacht. 160 Sorten stehen im Ochsen auf der Karte.

Genossenschaft Restaurant Ochsen, das war einmal. Vorbei ist die Zeit, in der das Kollektiv im Altstadthaus von Zofingen wohnte und im Parterre arbeitete. Den Ochsen kannte man in den 80er-Jahren schweizweit.Die Konzerte waren gut besucht. Hier gab es Hippies,Rocker,Weltverbesserer. Linke und bunte Hunde, Freaks mit langen Haaren. «Fürs Restaurant musste man reservieren», sagt François Baeriswyl, der heutige Pächter. Eine Zeit lang seien die Gäste gekommen, um diese bunte Mischung von Leuten zu sehen. «Das war eine Sensation.» Auch Baeriswyl kam oft in den Ochsen und ass zum Bier den Ochs-Burger, einen vegetarischen Hamburger. «Als Langhaariger hatte man hier schnell Kontakt zu Gleichgesinnten.» Dann ist der vierfache Vater selber eingestiegen,hat 1999 die Bar im hinteren Teil des Lokals übernommen, «das Einzige, was in der Genossenschaft noch rentiert hat». Kurze Zeit später war die Genossenschaft pleite. Die Gäste kamen nicht mehr wegen der früher bekannten Bioküche. Denn Bio gab es inzwischen auch bei der Konkurrenz.

Die offene Stimmung versuche ich zu bewahren.

Die WG im Haus hatte sich längst aufgelöst.Mit Kindern wollten die Alternativen lieber an lauschigeren Orten wohnen, da wo ihnen nicht Betrunkene nachts an die Tür klopften. «15 Jahre lief es so gut, dass niemand an die Zukunft dachte», sagt Baeriswyl. Rückstellungen gingen vergessen. Eine anstehende Renovation des heimatgeschützten Gebäudes, das 1476 das erste Mal urkundlich erwähnt wird, frass die Ersparnisse auf. Inzwischen wohnen Studenten in den günstigen Wohnungen. Ein paar von ihnen arbeiten für Baeriswyl, der sich nach der Krisensitzung um die Pacht des Restaurants bewarb.

In der Küche wird nicht mehr gekocht. Hier lagert ein Teil der 160 Biersorten, die der Ochsen auftischt. Im Ochsen gibt es heute zudem 70 verschiedene Sirupe. Und auch Met, ein altes germanisches Getränk aus Honig und vergorenen Früchten.Baeriswyl hat sich eine Nische gesucht. Sein Lokal spricht unter anderem die schweren Jungs und Mädels aus der Heavy-Metal-Szene an. Met ist dort beliebt.Nachts sorgt Baeriswyl selber für Ordnung, bleibt immer, bis das Lokal um zwei Uhr Feierabend macht.Eine Kulturgruppe veranstaltet nach wie vor Konzerte im ersten Stock. Ab und zu schauen Leute vorbei, die den Ochsen von früher kennen. Sie kommen in eine Beiz, in der es 700 Getränke gibt und zum Essen ein Faustbrot. «Die offene Stimmung », sagt Baeriswyl, «versuche ich, so gut wie möglich zu bewahren.»

«Wir waren alternativ und wollten die Welt verändern»

Marguerite «Miguel» Misteli (66), Architektin, Grüne-Politikerin und Mitbegründerin der Genossenschaft Restaurant Kreuz in Solothurn, der ersten Genossenschaftsbeiz der Schweiz

Um die Jahrtausendwende hatte das Restaurant Kreuz finanzielle Schwierigkeiten. Um die Zukunft zu sichern entschied sich die Genossenschaft für ein weniger basisdemokratisches Modell und setzte eine Geschäftsleitung und einen Bereichsleiter ein. Inzwischen blüht die Genossenschaft wieder. Solothurn ist überhaupt ein Genossenschaftsmekka mit fünf Genossenschaftsbeizen und -bars. Marguerite Misteli erinnert sich: «Das Kreuz war eine berüchtigte Beiz, wo die leicht bekleideten Frauen verkehrten. Es gab da sicher auch Prostitution. Mein Traum war es immer, ein Restaurant zu eröffnen, einen Ort, wo wir Jungen so sein konnten, wie wir sein wollten. Man muss sich mal die Zeit in Solothurn vorstellen um 1970: Gemischte WGs waren verpönt.Und Frauen konnten ohne ihren Ehemann keinen Rappen bei der Bank abheben. Mir gefällt die Idee der Selbstverwaltung. Während des Globuskrawalls 1968 habe auch ich für ein autonomes Jugendzentrum demonstriert. Bei Genossenschaften steht der Mensch im Zentrum. Und das Geld bleibt im Betrieb.

Peter Bichsel war von Anfang an Stammgast.

An der ETH, wo ich Architektur studierte, habe ich mich mit Genossenschaftswohnungsbau auseinandergesetzt. Ich wollte unbedingt so ein Projekt verwirklichen. Da hörten wir,dass das Kreuz verkauft werden soll — unsere Chance. Für Geld und Bürgschaften habe ich mich durch die halbe bürgerlich-liberale Gesellschaft von Solothurn gegessen. 1973 öffneten wir dann. Wir wohnten in den Zimmern, in denen früher und heute wieder Hotelgäste übernachten. Im Winter war es eiskalt. Und auch in der Beiz stand damals nur ein Ofen. Unter dem Holzboden hindurch rannten manchmal Ratten, die von der Aare her kamen. Und wenn eine verendete, stank es dermassen, dass wir gleich die Beiz schliessen mussten. Wir waren alternativ, kulturinteressiert und wollten die Welt verändern. Der damalige Chef der Kriminalpolizei hat öffentlich eine Wette abgeschlossen, dass es das Kreuz in sechs Monaten nicht mehr geben wird. Bei uns klappte nicht immer alles, aber die Leute kamen trotzdem. Es wurde viel diskutiert, auch über Politik. Die GSoA, die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee, wurde hier gegründet. 1974 starteten wir das erste alternative Kulturprogramm der Region. Peter Bichsel war von Anfang an Stammgast. Die Solothurner Literaturtage und die Filmtage haben ihren Ursprung an einem der Kreuztische. Es war eine bewegende Zeit.»

«Auch das Personal ging an die Demos – dann war die Beiz zu»

Bri Schär (54), Hausverwalterin, und Pesche Weibel (53), Rechtsanwalt, sind Stammgäste in der Brasserie Lorraine in Bern

Ende August feierte die Brass, die Brasserie Lorraine in Bern, ihr 30-jähriges Bestehen. Nach wie vor haben alle den gleichen Lohn. Einen Chef gibt es nicht. Das wird sich auch nicht ändern, denn die Zahlen, sagen die Kollektivmitglieder, seien gut.

Pesche Weibel und Bri Schär in der Brasserie Lorraine.
Pesche Weibel und Bri Schär (rechts) lieben die Brass.

Pesche Weibel und Bri Schär, Ihr kommt jeden Mittag in die Brasserie. Wieso?

Pesche Weibel: Hier ist es gemütlich, es gibt gutes, gesundes, biologisches Essen. Ich habe mein Büro im Quartier und komme schon seit 20 Jahren. Bri Schär: Die Brass ist unsere Stube.

Was hat sich verändert?

Bri: Man darf drinnen nicht mehr rauchen. Pesche: Es ist professioneller geworden, obwohl man immer noch ab und zu lange aufs Essen wartet.

Hier riecht es nach Cannabis, jemand serviert barfuss. Stört Euch das nicht?

Bri: Wir sind tolerant. Pesche: Es ist halt einfach keine normale Beiz. Die Brass trotzte schon immer dem Kapitalismus.

Wie war es in der Brass in der Anfangszeit?

Bri: Es ging ziemlich wild zu in den 80er-Jahren. Punks haben hier verkehrt, nachdem die Reitschule für einige Jahre geschlossen war. Und auch Drogensüchtige waren hier. Pesche: Hier wurden Transparente für Demonstrationen gemalt. Eine Zeit lang fanden ja fast jede Woche Demos statt. Auch das Brass-Personal ging demonstrieren. Die Beiz war dann zu.

Wie kam die Brass bei den Nachbarn an?

Bri: Einige Quartierbewohner waren gegen die Beiz. Die Lorraine war damals ein Arbeiterquartier und die Nachbarn eher bürgerlich. Sie beschwerten sich häufig über die Brass, vor allem wegen des Lärms. Pesche: Das damalige Brass-Kollektiv machte einen geschickten Zug: Sie haben mehrere der wildesten Punks aufgefordert, hier zu arbeiten, was verschiedene dann auch, teilweise für längere Zeit, machten.

Heute gibts sogar Coca-Cola zero

Bruno Hangarter (61), Buchhalter, und Michael Sauerland (42), seit 17 Jahren Kollektivmitglied der Genossenschaft Widder in Winterthur.

Wer Widder-Anteilsscheine kauft, hat sein Geld gut angelegt. Denn auf keiner Bank erhält man mehr Zins: vier Prozent jährlich. Allerdings nicht in bar, sondern in Form von Essensgutscheinen. «Der Widder läuft gut»,sagt Buchhalter Bruno Hangarter. Er sehe zwar nicht streng aus, sagt Michael Sauerland. «Unser Buchhalter ist es aber.» Der Widder hatte das auch dringend nötig. 1981 eröffnete das Restaurant Widder, das zur gleichnamigen Hausgenossenschaft gehört. Ein Kollektiv nahm seine Arbeit auf, wollte Gleichberechtigung und den Weltfrieden. Nach kurzer Zeit aber machte es wieder dicht: Zahlungsprobleme. Es kamen weitere Kollektive. Bruno Hangarter erinnert sich an eine Art Sekte, welche die freie Liebe zelebrierte. Von Anfang an war es auch die Beiz der Punks. Wie viele Genossenschaftsbeizen in dieser Zeit war auch der Widder ein rotes Tuch für die Polizei. Nach dem Anschlag auf das Wohnhaus von Bundesrat Rudolf Friedrich ermittelte sie auch im Widder.

Der Widder ist bürgerlich geworden.

Ab 1989 wurde es ruhiger. Das jetzige Kollektiv zog ein. Michael Sauerland stiess vor 17 Jahren dazu. Er war zuerst in der Putzequipe und organisierte Konzerte im Widder. Wer da arbeitete, tat das nicht in erster Linie wegen des Geldes, sondern weil es Spass machte. Und ein bisschen auch wegen der Ideologie.Zwar betrug der Umsatz damals bereits eine halbe Million Franken. Aber wirklich Gewinn machte die Beiz, die laut Sauerland «jeden Abend voll war», fast keinen.

Bruno Hangarter und
Michael Sauerland vor dem Widder.
Bruno Hangarter (links) und Michael Sauerland vor dem Widder.

Dann übernahm Bruno Hangarter die Buchhaltung und sagte: «Ihr könnt das besser machen.» Die Arbeit sollte effizienter organisiert werden, schlug er vor.Die Küche wurde daraufhin professioneller, der Service schneller. Und es wurde weniger diskutiert. «Wir sind heute pragmatisch », sagt Sauerland. Der Widder soll ein Restaurant sein, in dem man preisgünstig, gut und gesund Essen kann, ohne lange darauf warten zu müssen.Bestellen kann man inzwischen sogar Coca-Cola zero, «wegen der Geschmacksvorlieben von gewissen Gästen und Kollegen», sagt Sauerland. Cola- Cola, das Getränk des Kapitalismus, war ein absolutes No-go für die Genossenschaften der ersten Stunde. Im Widder trifft sich nach wie vor die alternative, linke Szene. Aber inzwischen wagen sich auch andere in die Beiz. Der Widder sei bürgerlicher geworden, bestätigt der Buchhalter, der inzwischen nicht mehr allen den gleichen Lohn ausbezahlt, sondern denen, die schon länger dabei sind, nach dem marktwirtschaftlichen Konzept, etwas mehr.

Autor: Erika Burri

Fotograf: Mischa Imbach