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11. Juni 2012

Rettet China den Schweizer Tourismus?

Neben einer robusten Nachfrage im Inland kompensiert Asien in Sachen Hotelbuchungen & Co. den europäischen Rückgang. Für die weitaus stärksten Wachstumsraten sorgt dabei China.

Mit über 37 Millionen Logiernächten erreichte der Schweizer Tourismus nach zwei hervorragenden Jahren 2008 den Rekordstand von 1990. Im Jahr der Reaktion auf die (erste) Finanzkrise 2009 verloren die Anbieter von Betten im Inland insgesamt gleich wieder 4,7%, bevor es 2010 mit + 1,7% wieder etwas aufwärts ging.
Die Buchungen von einheimischen Gästen erwiesen sich zuletzt als eine Stütze der Branche, denn hier gestaltete sich der Rückgang 2009 mit 2,5% geringer als der Durchschnitt und die Erholung 2010 mit einem Plus von 2,2% leicht robuster. Bedenkt man jedoch, dass Schweizer mit 15,8 Millionen Logiernächten noch immer bloss 43,5% des Marktes ausmachen und weitere grosse Zuwachsgewinne inländischer Gäste kaum mehr absehbar sind, zeigt sich die immense Bedeutung des Auslands für den Tourismus.

Und hier zeigte sich zuletzt, dass der grösste Absatzmarkt Europa etwas einzubrechen droht. Das liegt einerseits an der schleppenden Konjunktur, zuletzt rgeistrierten Ökonomen in fast allen Ländern (ausser Deutschland) einen Rückgang von Wirtschafts-Produktion und -Nachfrage. Andererseits am trotz der Verteidigung der Untergrenze von 1 Euro 20 durch die Schweizer Nationalbank stark gestiegenen Franken. Dieser verteuert für potentielle Gäste aus dem Euro-Raum die Ferien in der Schweiz zusätzlich. So resultierte 2010 neben einem kleinen Minus afrikanischer Gäste nur für Buchende aus Europa (ohne Schweiz) ein Rückgang von 0,2%.

Zukunftsmarkt Asien

Amerika legte bei den Logiernächten 2010 ebenfalls zu, doch hat dieser Trend seither schon wieder gekehrt. So bleibt neben dem noch vergleichsweise bescheidenen Markt Ozeanien mit einem Zuwachs von ebenfalls fast 17% im Jahr 2010 nur eine ausländische Stütze des Schweizer Tourismus: Asien.
Dabei denken viele an japanische Gäste mit ihren Europa-Reisen, die immer auch ein paar (wenige) Tage in die Schweiz führen, etwa nach Luzern oder Interlaken mit dem Jungfraujoch usw. Kulturell oder speziell an Filmen Interessierte denken wohl schnell an Tourismusgebiete wie Engelberg oder ebenfalls Destinationen im Berner Oberland, die bei Indern sehr beliebt sind. Ein noch weit bedeutenderes Wachstum an Logiernächten in der Schweiz und dank ebenfalls klar wachsender Mittelschicht und über einer Milliarde Einwohner unerreichtes Potential für die Zukunft hat jedoch ein anderes Herkunftsland im asiatischen Raum: China.

Während Indien nach einem kleinen Minus im Buchungsjahr 2008 und einer minim negativen Nullrunde 2009 im letzten bereits voll abgerechneten Jahr 2010 mit 21,1% (und der zweitbesten Entwicklung der Herkunftsländer überhaupt) anzog, vergrösserte China seinen Anteil am Kuchen des Schweizer Tourismus noch rasanter: Nach einer kleinen Delle (- 6,9%) im allgemeinen Krisenjahr 2008 legte China (ohne Hongkong) schon 2009 bereits um 26,8% zu, 2010 resultierte auf zwei bisherige Gäste beinahe ein neuer:+ 48,8%.Somit stiegen die Logiernächte bereits auf 404'000, man nähert sich schnell 30% des Anteils der USA, und der Trend scheint ungebrochen. Derzeit bedeutet die Anzahl Logiernächte noch einen Anteil von 1,1% am gesamten Schweizer Markt, Japan mit 1,4% war jedoch in Sichtweite und bei gleich bleibender Entwicklung sind 'Nachbarn' wie Italien und die Niederlande (3,0 und 2,7%) und eben die USA (4,2%) nicht auf manche Jahre ausser Sicht.

In sieben Jahren vervierfacht

Vergleicht man die letzten verfügbaren Statistiken für Logiernächte, nämlich jene für das erste Quartal 2012 (Januar bis Februar), hat China Japan bereits klar und Indien weit hinter sich gelassen. im Vergleich zum ersten Quartal 2005 wurden die Logiernächte mehr als vervierfacht, eine vergleichbare Entwicklung legte von den bedeutenderen Herkunftsländern im Schweizer Tourismus kein anderes auch nur annähernd hin. Einziger Wermutstropfen für die Schweizer Tourimus-Unternehmen: Noch verbringen Chinesen im Durchschnitt weniger Nächte pro Person und Reise in der Schweiz als Indien (2,75 Nächte) oder Japan (2,1 Nächte): 1,45.

Logiernächte im 1. Quartal nach Herkunftsland
Die Zahlen der wichtigsten Herkunftsländer von 2012 im Vergleich mit 2008 und 2005 und die Entwicklung über sieben Jahre auf einen Blick:

Die Zahlen mit den Logiernächten der wichtigsten Herkunftsländer im Vergleich
Die Zahlen mit den Logiernächten der wichtigsten Herkunftsländer im Vergleich

Autor: Reto Meisser