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16. Oktober 2015

Die grosse Heimweh-Radtour

11'000 Kilometer in vier Monaten: Reto Fehr radelt derzeit durch alle 2324 Gemeinden der Schweiz. Die grössten Herausforderungen waren die Liebe seiner Mutter und etliche Materialschäden. Am 25. Oktober endet die Reise auf der Älggialp.

Reto Fehr auf seiner Tour
Ein Mann, ein Velo, eine Mission: Auf seiner Reise durch die Schweiz schiesst Reto Fehr in jeder Gemeinde ein Erinnerungs-Selfie.

Reto Fehr hat bereits 70 Länder besucht, er war aber noch nie in Genf oder in Aarau. Als ein Backpacker aus Australien vom Jungfraujoch schwärmte, fasste der 35-Jährige den Entschluss, fortan sein eigenes Land zu bereisen. Das Auto wäre dafür aber zu schnell gefahren, zu Fuss wäre es zu lange gegangen, mit dem Zug wäre es zu langweilig gewesen. Es blieb nur das Velo. Die «Tour dur d’Schwiiz» war geboren. Sein Chef, «Watson»-Chefredaktor Hansi Voigt, gab sein Einverständnis. «Ende 2014 begann die Planung. Ich rechnete die Strecke mit Google Maps aus und sah, dass es vier Monate dauern würde, alle 2324 Gemeinden der Schweiz zu durchfahren», sagt der Sportjournalist. «Also fing ich mal irgendwo in ­einer Ecke an.» Im Morgengrauen des ersten Juli stieg er in den Zug nach Samnaun GR – ziemlich nervös und froh, dass es endlich losging. Ein Velofahrer fragte ihn im Zug, ob er auch über einen Pass fahren würde. Seine Antwort: «Nun ja, eigentlich über alle.»

13 Kilo Gepäck für vier Monate

Es folgten endlose Tage auf dem Sattel. Und weil Fehr nicht zu seinem privaten Umfeld kam, kam das Umfeld halt zu ihm. «Ich hatte fast an jedem zweiten Tag Gesellschaft», sagt er. «Mein Vater war oft bei mir, meine Frau Nina fuhr fast jeden Freitag mit, meine Arbeitskollegen jubelten mir in Zürich zu und Schulkollegen, die ich 20 Jahre nicht gesehen hatte, luden mich zum Übernachten ein.»

An den wenigen Ruhetagen reiste er mit dem Zug nach Hause: zu Hochzeiten, geschäftlichen Terminen und zum obligaten Jassabend mit Freunden, der alle drei Monate stattfindet. Logistisch sei das Projekt eine Herausforderung gewesen, sagt Fehr. Bloss zwei Tenues, ein Necessaire, eine Reiseapotheke, ein Laptop, Handschuhe und Zivilkleidung durften mit. 13 Kilo für ein viermonatiges Nomadenleben. «Man lernt, wie wenig man braucht.»

Auch punkto Essen war Flexibilität gefragt. «Das Mittagessen kaufte ich meistens unterwegs ein. Es bestand hauptsächlich aus Bananen, Biberli und den zuckerhaltigsten Getränken, die ich finden konnte.» Übernachtet hat er entweder in Hotels oder bei Privaten. «Dort wurde ich behandelt wie ein König. Ich konnte duschen, kriegte etwas zu essen und saubere Wäsche. Und am nächsten Morgen stand ein Frühstück bereit.»

Die Technik war weniger zuverlässig. «Google Maps schickte mich drei, vier Mal ins Nirgendwo, ich musste dann über Zäune klettern. In Baden AG war der Weg mal eine Treppe, und am Vierwaldstättersee musste ich auf einem Wanderweg 850 Stufen durch den Wald hoch nach Seelisberg UR klettern.»

Zu Verletzungen ist es bis auf eine Schürfung am Ellenbogen bislang nicht gekommen. Das Velo hat mehr gelitten: zwei Kettenrisse, eine kaputte Bremse, acht Speichenbrüche, ein kaputtes Hinterrad und zahlreiche Bremsbelagwechsel. Der Col des Etroits bei Sainte-Croix VD wurde zur Zerreissprobe: «Als ich dort ankam, regnete es, und es war eiskalt. Meine Eltern fuhren mir streckenweise mit dem Auto nach. Als es den Berg hochging, sagte meine Mutter bei jeder Kurve: ‹Steig doch ins Auto, es regnet so fest, wir sagen es niemandem.› Da musste ich durchbeissen. An diesem Abend ass ich zweimal Znacht.» Eine unerwartete Plage waren die Wahlen. «Ich sah wirklich fast jedes Wahlplakat. Die hingen meist schon an den Ortsschildern und sahen alle gleich aus. Das regte mich mit der Zeit enorm auf.»

Bis zum Mittelpunkt der Schweiz

Läuft alles nach Plan, schliesst der radelnde Reporter seine Tour am kommenden Sonntag am geografischen Mittelpunkt der Schweiz ab, auf der Älggialp in Obwalden. «Danach bin ich mal zwei Tage auf dem Sofa.» Am ersten November geht es zurück ins Büro. Was bleibt, ist eine lange Liste mit Orten, die er künftig besuchen möchte. «Wir wissen gar nicht, wie schön wir es haben. Der Creux du Van haut dich um. Du hast das Gefühl, so was gibt es in der Schweiz gar nicht», sagt Fehr. «Der Partnunsee im Prättigau oder die Aussicht in Regensberg ZH sind atemberaubend. Gottlieben TG am Bodensee ist auch ein Highlight. Oder die Erdpyramiden in Euseigne VS. In Graubünden und im Tessin ist jedes Dorf ein Kunstwerk.» Aber natürlich sei er schon auch gerne im Ausland. Mitte November steht das nächste Abenteuer an: Dann gehts ab nach Panama.

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Beat Schweizer