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23. Februar 2015

Rentenreform – weshalb?

Das Parlament diskutiert die Reform der Altersvorsorge: Pensionierung, Steuern zur Finanzierung und Umwandlungssatz stehen im Mittelpunkt. Die erste Frage geht oft vergessen: Braucht es ein derart umfassendes Renten-Paket überhaupt? Und: Warum?

Im Interview mit dem Migros-Magazin erklärt Bundesrat Alain Berset die Leitplanken seines umfassenden Pakets zur Altersvorsorge. Die Gesamtsicht betrifft alle drei Säulen, die Neuerungen mit AHV und Pensionskassen jedoch primär die ersten beiden Pfeiler. Beim steuerlich bevorzugten individuellen Sparen (3a) werden keine einschneidenden Änderungen vorgenommen.

Eine Mehrzahl der Bundespolitiker und fast alle Beobachter sprechen dem Innenminister und der Gesamtregierung Mut zu, weil sie tatsächlich das ganze System in Frage stellen und bei den Haupteingriffen mit neuer Finanzierung sowie Sparschritten klassische Rezepte von Links und Rechts nebeneinander einsetzen. Für die einen etwas zu viel oder zu wenig neue Mittel, zu drastische oder zu vorsichtige Leistungs- und Kostenreduktionen – aber ein insgesamt vielleicht durchaus konsensfähiges Vorgehen. Sofern die Parlamentarier hinter dem bundesrätlichen Vorgehen stehen und die Altersvorsorge in einem Schritt sichern wollen, ohne einzelne Elemente herauszulösen und allein durchzusetzen oder zu bekämpfen.

Neben den drei grössten Änderungen (1. Flexibilisierung des Rentenalters mit stufenweiser Angleichung des Rentenalters der Frauen an das der Männer (65 Jahre), 2. Erhöhung der Mehrwertsteuer um 1,5% zur AHV-Sicherung, 3. Senkung des Umwandlungssatzes für angesparte Pensionskassengelder von 6,8 auf 6,0%) ging jedoch zuletzt die erste Frage ans Reformpaket beinahe unter: Ist es überhaupt nötig?
Sie ist deshalb wichtig, weil sie für die Haltung vieler Parteien und Interessenkreise vermutlich entscheidend ist. Wer wie Bundesrat und Bundesverwaltung von der Dringlichkeit überzeugt ist, wird das Paket eher als Ganzes beurteilen – und ihm grundsätzlich positiver gegenüberstehen. Wer die künftig drohenden Finanzierungslücken in der ersten (AHV) und zweiten Säule (Pensionskasse) für weniger gravierend hält, wird skeptischer sein. Und eher bereit, einzelne Massnahmen herauszugreifen und allein für sich abzulehnen oder anzunehmen. Davon weist das Paket neben den drei oben erwähnten noch viele mehr auf.

Steigende Lebenserwartung als Kostentreiber
Bersets Bundesamt für Sozialversicherungen sieht durchaus dramatische Defizite auf die Altersvorsorge zukommen. Diese kündigen sich heute an, würden sich aber gemäss den Modellrechnungen bis in 10 oder 15 Jahren voll in der Rechnung niederschlagen, womit der Fortbestand der grossen Schweizer Errungenschaft seit Mitte des letzten Jahrhunderts gefährdet wäre.

Seit der Umsetzung der letzten BVG-Revision (Berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge) vor rund zehn Jahren hat sich herausgestellt, dass der damals von 7,2 auf 6,8% gesenkte Umwandlungssatz für Pensionskassenguthaben in Zukunft nicht aufrechterhalten werden kann. Die Richtgrösse der zweiten Säule, die festlegt, wie viel des aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Beiträgen angesparten Vermögens mindestens zur Auszahlung gelangt, muss für den Bund und viele Experten gleich bis auf 6,0% gesenkt werden. Andernfalls könnten die Kassen ohne Rückgriff auf äusserst riskante Anlagevehikel die Rentenversprechen unmöglich einhalten.

Aus: Botschaft des Bundesrats zur Rentenreform
Aus: Botschaft des Bundesrats zur Rentenreform, November 2014.

Bei der existenzsichernden AHV sieht es kaum besser aus: Stimmen die Modelle des Bundesamtes, so wächst sich ein beginnendes Finanzierungsloch für die erste Säule über rund 700 Millionen im Jahr 2020 bis 2030 auf ganze 8,3 Milliarden Franken aus.

Auch wenn der genaue Umfang der verschlechterten Finanzsituation in der ersten und zweiten Säule durchaus umstritten ist, sind sich fast alle Experten einig, dass tatsächlich grosser Reformbedarf in beiden Vorsorgewerken besteht.
Doch welches sind denn die Gründe für die stark steigenden Ausgaben der AHV auf der einen und die nicht aufrechtzuerhaltenden Leistungsversprechen der Pensionskassen? Sie lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

1. LEBENSERWARTUNG: Als das derzeit gültige Pensionsalter festgelegt wurde, wurden Frauen und Männer im Durchschnitt bei Weitem noch nicht weit oder etwas über 80 Jahre alt. Und das Durchschnittsalter dürfte bis 2030, geschweige denn 2050, weiter ansteigen.
Für die erste Säule bedeutet dies, dass immer mehr Lebensjahre nach der Pensionierung finanziert werden müssen. In wenigen Jahren schon auf das Doppelte im Vergleich zur Zeit, als das aktuelle Rentenalter festgelegt wurde – bei einem durchschnittlichen Pensionsantritt mit 65.

2. DEMOGRAFIE: Treffen schon aufgrund der höheren Lebenserwartung immer weniger Erwerbstätige auf immer mehr Pensionierte, so verstärkt die aktuelle und zukünftige Verteilung der Altersgruppen in der Schweizer Bevölkerung den Effekt für die AHV nochmals. Besonders ins Gewicht fallen in den kommenden Jahren, dass die Generation der Babyboomer in Rente gehen, während viel ‚schwächere‘ Jahrgänge ins Erwerbsleben eintreten. Die bereits wieder leicht anziehenden Geburten-Jahre sind noch nicht so weit, und die Zahlen der Babyboomer erreichen sie vor allem bei Weitem nicht.

3. KAPITALMARKT UND ZINS: Betreffen die beiden ersten Gründe vorab die AHV, bei der die Generation der heute Erwerbstätigen die Pensionierten finanzieren muss, so haben die Pensionskassen ein anderes. Hier erarbeitet sich jede(r) die künftige Absicherung der zweiten Säule neben den darauf abgestimmten Arbeitgeberbeträgen durch sein ganzes Erwerbsleben hindurch selbst. Entscheidender ist hier, unter welchen Bedingungen die Kasse das Angesparte vermehren (und sichern) kann. Und dabei zeigt sich, dass seit Anfang des neuen Jahrtausends die Rendite mit noch überschaubar riskanten Finanzanlagen an Börsen-, Währungs-, Immobilien- oder anderen Märkten klar zurückgegangen ist. Waren früher von Anlegern über viele Jahre Durchschnittswerte von 5% durchaus üblich, wurden solche Renditen über Jahre viel schwieriger bis unmöglich zu erbringen. Hauptschuldig sind die seit Längerem sehr tiefen Zinsen und das Schwächeln einiger Segmente des Kapitalmarkts.
MEHR INFOS

Die komplette Botschaft des Bundesrates von November 2014 (PDF)

Der Entwurf des neuen Gesetzes (PDF)

Autor: Reto Meisser